„Plötzlich stehst du draußen“

„Frauenleben sind vielfältig“ ist das Motto der kfd

Das Motto der diesjährigen Bundesaktion stand im Mittelpunkt der Diözesanversammlung der katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) der Erzdiözese Freiburg. Die Realität des Lebens von Frauen heute wurde in den Verband hereingeholt.

„Ich hoff’, sie zeige, wie’s au wirklich isch!“, bat Frau Thompson-Schnitzer. Und das war nicht einfach für die Teilnehmerinnen ihrer Tanzgruppe. Sie sollten immerhin ihre persönlichen Sorgen und Nöte zum Ausdruck bringen, nicht gerade wenig, wenn man Alleinerziehende ist.
Schließlich begann die Musik und eine junge Frau versank regelrecht im Boden, verkroch sich in sich. „Die Frauen tanzen ihre Themen“ erklärte Frau Thompson-Schnitzer später. Aus den Boxen waberte unter anderem ein Stück des Pop-Poeten Peter Gabriel zum Thema Einsamkeit.
Aber die Tänzerinnen suchten auch nach Auswegen. Sie hoben schließlich die am Boden Liegende auf. Träume – noch, aber es ging auf dieser Versammlung der katholischen Frauengemeinschaft nicht um schnelle Lösungen. „Viel zu oft kommt bei uns das Urteilen und Handeln vor dem Hinschauen“ bedauerte Waltraud Zieger, Mitglied des Diözesanvorstandes. Deshalb sollten die Teilnehmerinnen zunächst entdecken, wie vielfältig Frauenleben in ihrem persönlichen Umfeld sind.
„Viele sagen eben immer noch: ,Was hat das denn mit uns zu tun?‘“, bedauerte Waltraud Zieger. Wenn über Alleinerziehende, über wiederverheiratete Geschiedene oder gar über gleichgeschlechtliche Partnerschaften gesprochen wird, sei schnell der Reflex da: „Das existiert doch bei uns nicht.“ „Da gibt es immer nur das Idealbild der katholischen Familie“ berichtete Martina Kastner, Diözesanvorsitzende der kfd.
Deshalb sollten die Frauen bei der Katholischen Frauengemeinschaft erfahren, dass es auch in ihren Leben nicht nur den Idealfall gibt. „Wir wollen die Realität in unseren Verband und damit in die Kirche hineinlassen“ betonte Kastner. Und man spürte an diesem Nachmittag deutlich, dass die sich nicht immer in traditionelle Raster pressen lässt.
Das fing bei den 100 Delegierten, die die 70 000 Mitglieder der kfd in der Diözese Freiburg vertreten, an. Am Vormittag hatten sie sich wichtige Stationen auf ihrem Lebensweg erzählt. Heirat, Kinder, berufliche Entscheidungen, aber eben auch die Knackpunkte wie zum Beispiel Scheidung. „In meiner Gruppe berichtete eine Frau, wie sie von der Kranken- zur Ordensschwester wurde, kurz vor der ewigen Profess doch noch austrat, heiratete, sich wieder scheiden ließ, den Kontakt zu ihrem Kind verlor“, erzählte Waltraud Zieger bewegt.
Die Titel der Kleingruppen am Nachmittag zeigten, mit welchen Problemen Frauen heute noch zu kämpfen haben, wenn nicht sein kann, was nicht sein darf: „Alleinerziehende – Familien wie andere auch?“ oder „... und plötzlich stehst du draußen! Gespräch zur Situation Geschiedener und wiederverheiratet Geschiedener in der Kirche.“
„Gerade diese Gruppen finden sich heute in der Kirche nicht wieder. Wir wollen sie wieder heranführen“, sagte Martina Kastner. Und dazu muss eben erstmal ohne Tabus auch darüber gesprochen werden, dass wiederverheirateten Geschiedenen offiziell die Kommunion verboten ist. „Da ist viel Enttäuschung und auch Wut“ berichtete die Kleingruppenleiterin Jolanda Redling-Ölke.
In einer anderen Gruppe „outete“ sich eine Mutter, dass sie zwei homosexuelle Söhne habe. „Wir wollen nicht, dass es bei ihr heißt, sie hat was falsch gemacht“ betont Waltraud Zieger, „aber es soll auch nicht mehr heißen: ,Bei uns gibt es so etwas nicht.‘“
Beziehungen sollten statt nach Konventionen nach der Qualität der menschlichen Verbindung beurteilt werden. „Es muss deutlich werden, dass wir in einem Glauben leben, der alle Menschen akzeptiert“ meinte Nicole Buchholz, Leiterin der Gruppe „Was haben wir nur falsch gemacht?“

Markus Vollstedt