Pilgerweg, Papstaudienz, Priscilla-Katakomben – nur eine kleine Auswahl aus dem Wallfahrtsprogramm der Ministrantinnen und Ministranten aus Ostrach, Burladingen und Hagnau. Sie waren zusammen mit knapp 4500 Jugendlichen aus dem Erzbistum Freiburg bei der Internationalen Miniwallfahrt in Rom dabei. Das konradsblatt hat zwei Busse mit Teilnehmern aus der Diözese begleitet.

„Eine Woche lang durch Rom geschwitzt“

4500 Messdiener aus dem Erzbistum Freiburg bei der Internationalen Ministrantenwallfahrt

Hättest du beim Basteln geholfen, dann wäre der Leuchtturm nicht so schief und krumm geworden.“ Die einen witzeln, die anderen lesen BRAVO, und hinten packen sie die Gitarre aus. Vorfreude auf Rom. Zusammen mit 21000 anderen Ministrantinnen und Ministranten aus elf europäischen Ländern sind die Messdiener aus Burladingen (Dekanat Zollern), Ostrach (Dekanat Meßkirch) und Hagnau (Dekanat Linzgau) mit dem Bus unterwegs zur Internationalen Ministrantenwallfahrt. Jede Pfarreigruppe bringt ihren selbst gebastelten Leuchtturm mit, Wallfahrtssymbol des Bistums Freiburg.
Sonntagabend, kurz vor 24 Uhr. Erste Pause an einer Schweizer Raststätte. Immer mehr Jugendliche fluten auf den Parkplatz, blaue Tücher auf den Schultern, bestickt mit dem Schriftzug „ROMA 2001“. Ein halbes Dutzend Busse stehen Seite an Seite. FR, TBB, KA – Kennzeichen aus dem ganzen Erzbistum. Knapp 4500 Freiburger Ministranten sind auf dem Weg in die Ewige Stadt, aus fast jeder dritten Pfarrei sind welche dabei. Sie stellen von den 16000 deutschen Teilnehmern der Wallfahrt die größte Gruppe. Morgen gegen Mittag werden die über 90 Busse aus Freiburg Rom erreichen. Noch zwölf Stunden Fahrt, langsam meldet der Magen seine Bedürfnisse an. „Ich hab noch ein Wurstbrot, ‘ne halbe Gurke und drei Nektarinen.“
Anja, 15, aus der Seelsorgeeinheit Ostrach, fährt zum ersten Mal nach Rom: „Am meisten freue ich mich auf die Papstaudienz.“ Der 13-jährige Michael aus Ostrach erwartet eine Mischung aus Wallfahrt und Urlaub. Susanne, 15, aus Burladingen-Melchingen, wünscht sich „dass es keinen Stress gibt untereinander und dass ich in zehn Jahren noch sagen kann: Der Urlaub war gut.“
Montagabend, 18 Uhr, San Giovanni in Laterano. Die Ministranten aus dem Erzbistum Freiburg feiern ihren Eröffnungsgottesdienst mit Weihbischof Rainer Klug und Jugendseelsorger Hubert Streckert. Während der Hinfahrt haben sie auf blauen Karten ihre Erwartungen an die Wallfahrt notiert: „Den Papst kennen lernen“ – „So viel wie möglich von Rom sehen“ – „Spaß haben miteinander.“ Die Wallfahrtshefte mit Liedern, Gedanken und Gebeten sind ein beliebter Fächer gegen die sengende Hitze.
„Entdeckt in Rom das junge Gesicht der christlichen Kirche“, sagt Weihbischof Klug, „entdeckt ihre Zukunft.“ Viele Minis haben das aber gar nicht mitbekommen, weil während des Gottesdienstes mehrfach die Lautsprecheranlage ausfällt, unter anderem mitten im Evangelium. Mit Applaus versuchen die einen, die peinliche Szene zu überbrücken, andere verziehen das Gesicht. Nahezu einhelliges Urteil über den Gottesdienst: „Steigerungsfähig.“
Dienstagvormittag, Priscilla-Katakomben. „Das hier waren Friedhöfe der ersten Christen Roms im zweiten Jahrhundert mit 40000 Gräbern“, erklärt die Führerin den Minis aus Ostrach, Burladingen und Hagnau. Die einen finden es „voll cool“, die anderen „voll ekelhaft“. Susanne „juckt’s und kribbelt’s.“ Erklärung von hinten: „Das sind die Maden von den Leichen.“ Wenigstens ist es hier unten angenehm kühl.

„Klamotten bitte verlängern“

Am Nachmittag steht der Internationale Pilgerweg auf dem Programm. In kleinen Gruppen sind die Ministranten unterwegs zum Petersdom. Der Ostracher Vikar Christoph Neubrand führt seine Gruppe zum Brunnen an der Piazza del Popolo. Nach einigen Gedanken zum Element Wasser und dem Kanon „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“ ist erst einmal der erlebnispädagogische Teil angesagt – Wasserschlacht. In der Basilika San Giacomo genießen die Minis die Ruhe und die kühle Luft. Vorbei am Mausoleum des Kaiser Augustus geht es zur Engelsburg. Im Internationalen Jugendzentrum an der Via della Conciliazione gibt es Schatten, Stühle und preiswerte Getränke.
Kurz danach überschreiten die Ostracher die Grenze zum Vatikan. Aus einem Lautsprecher dudelt Eros Ramazotti. „Wer die vatikanischen Kleidungsvorschriften nicht erfüllt, Klamotten bitte verlängern“, sagt Vikar Neubrand. Von überall her strömen Jugendliche mit Wallfahrtstüchern in verschiedenen Farben auf den Petersplatz. „Wo sind die mit den orangenen Tüchern her?“ Auf englisch gefragt, antwortet die Gruppe mit unüberhörbar österreichischem Schmäh. Die ungarischen Minis sind an ihren gelben Tüchern zu erkennen, die rot betuchten sind die Schweizer. Gemeinsam ziehen sie einmal durch den Petersdom, vorbei am Petrusgrab und wieder hinaus.
In einem Wortgottesdienst nimmt der Basler Weihbischof Martin Gächter, Präsident der Internationalen Ministrantenvereinigung CIM, das Motto der Wallfahrt auf – „Unterwegs in eine neue Welt“: „Wir alle möchten eine neue Welt, in der jeder Mensch die Chance hat, sich frei zu entfalten.“ Er ist überzeugt: „Den Weg in diese bessere Welt finden wir nur mit Jesus Christus.“ Die Bands „Spontan“ aus Heidelberg und „Dornbusch“ aus Rottenburg, die die gesamte Wallfahrt begleiten, spielen neue geistliche Lieder, La Ola schwappt durch die Reihen.
„So sollte ein Gottesdienst immer sein“, findet Anja aus Ostrach, „da war eine Bombenstimmung“. Die überträgt sich in den Bus, mit dem es zurückgeht zum Hotel. „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“, singen die Minis, „Über den Wolken“ und „Anita“.
Mittwochmorgen, Petersplatz.
22000 jubeln, klatschen und schwenken ihre Wallfahrtstücher, als Papst Johannes Paul II. im Papamobil durch die Reihen rollt. Es ist die 1000. Generalaudienz des Papstes. Diesmal wendet er sich in besonderer Weise an die Ministrantinnen und Ministranten: „In Jesus habt ihr einen Freund fürs Leben gefunden.“ Die jungen Wallfahrer sollten nicht nur in der Kirche ihre Leuchter hochhalten, sondern das Licht zu allen tragen, die im Dunkeln sitzen und eine schwere Zeit erleben müssen. Johannes Paul II. grüßt in mehreren Sprachen. Aber nach einiger Zeit ist für die Ostracher der Mann mit dem Wasserschlauch interessanter als der Papst – immerhin stehen sie seit zwei Stunden in der prallen Augustsonne, die für fast unerträgliche Temperaturen sorgt.

Gottesdienst als Demonstration?

Nach einem Abstecher zum größten Weihrauchfass der Welt – mannshoch – aus der Diözese Augsburg steigt der Papst wieder in seinen Wagen. „So toll war es nicht“, meint Peter aus Ostrach. „Eigentlich fast so, wie wenn man den Papst im Fernsehen sieht.“
Donnerstag, Castel Gandolfo. Nachdem die Burladinger eine Dreiviertelstunde auf vier ihrer Minis warten mussten, die sich im Supermarkt verlaufen hatten, stehen sie nun schwitzend vor der Sommerresidenz des Papstes. Den geplanten Gottesdienst verschieben die Vikare Gerd Möller und Christoph Neubrand auf später. Ein Schweizergardist hatte sie vorgewarnt: Wenn der Papst in Castel Gandolfo ist, herrscht höchste Sicherheitsstufe. Versammeln sich mehr als zehn Personen an einem Platz, gilt das als Demonstration und wird von der Polizei aufgelöst. Dann doch lieber gleich an den Albaner See.
Nach einer Irrfahrt, die im verwirrenden Straßensystem in und um Rom nicht die erste und letzte ist, dürfen sich die Wallfahrer endlich abkühlen. Kein Wunder, dass auf der Beliebtheitsskala der Ausflugstag ganz oben rangiert.
Freitag, Kuppel des Petersdoms: Die Minis aus Ostrach, Hagnau und Burladingen verschaffen sich noch mal einen Überblick über die Stadt. Anschließend versammeln sich die Freiburger Ministranten zum Abschlussgottesdienst wieder in der Lateranbasilika. Mittlerweile lässt sich anhand der Tücher nicht mehr eindeutig erkennen, woher jemand kommt. Viele haben ihr Tuch mit Jugendlichen aus anderen Ländern getauscht. Einige haben sie zu vielfarbigen Bändern verknüpft. „Wir haben uns eine Woche lang durch Rom geschwitzt“, sagt Weihbischof Klug. Völlig erschöpft liegen sie im hinteren Bereich der Kirche auf dem Boden, einige haben die Augen geschlossen.
„Die Wallfahrt hat sich auf jeden Fall gelohnt“, findet Heidrun aus Burladingen und ist sich darin mit den allermeisten Teilnehmern einig. Anja denkt jetzt anders über Kirche: „Hier habe ich gesehen, dass Kirche lustiger und lebendiger sein kann als bei uns zu Hause.“ Vor allem zum Ende hin sei die Stimmung immer besser geworden. Susanne fand, wie manch andere auch, die Betreuer zu streng. Außerdem sei die Zeit zu kurz gewesen, um Minis aus anderen Pfarreien und Ländern kennen zu lernen. „Trotzdem denke ich bestimmt noch lange an die Wallfahrt zurück.“

Burkhard Schäfers