Pfarrer auf der Reeperbahn
Einmal im Jahr kommt das Wort zum Sonntag live vom Kiez
Das Wort zum Sonntag geht einmal jährlich unter ungewöhnlichen Bedingungen auf Sendung. Wegen der Übertragung des europäischen Schlager-Grand-Prix kommt das Wort bereits kurz vor 21 Uhr und live von der Party auf der Hamburger Reeperbahn. Pfarrer Stephan Wahl hat sich in diesem Jahr auf das Wagnis eingelassen eine wichtige Erfahrung, wie er im konradsblatt-Interview erklärt.
konradsblatt: Herr Pfarrer
Wahl, am Grand-Prix-Abend haben Sie das Wort zum Sonntag
von einer Bühne inmitten von 45 000 feiernden Menschen präsentiert.
Wie war das für Sie?
Wahl: Ich mag Live-Sendungen. Die
Aufzeichnungen, wie sie sonst beim Wort zum Sonntag
üblich sind, haben einen anderen Charakter. Wenn wir einmal im
Jahr aufgrund der Übertragung des europäischen Songwettbewerbs
die Möglichkeit haben, so früh und dann noch live auf Sendung
zu gehen, sollten wir dies unbedingt wahrnehmen. Die Alternative
wäre ja eine Ausstrahlung um Mitternacht. Trotzdem war es auch
eine zwiespältige Erfahrung.
Inwiefern?
Mitten auf der Grand-Prix-Party sind die Leute natürlich nicht
unbedingt darauf eingestellt, das Wort zum Sonntag zu
hören. Und einige der 45 000 in Hamburg haben das ja auch
deutlich zum Ausdruck gebracht, indem sie Kommentare
hereingerufen haben. Da war es zeitweise schon etwas mühsam,
sich auf seinen Text zu konzentrieren. Besonders, wenn man frei,
also ohne Teleprompter und Texttafel, sprechen muss.
Da ließe sich jetzt die Grundsatzfrage stellen: Soll das
Wort überhaupt in dieser Umgebung stattfinden?
Das muss es auf jeden Fall. Wir dürfen mit unserer Verkündigung
nicht nur warten, bis die Menschen zu uns kommen. Wir müssen
auch an die Hecken und Zäune gehen dorthin, wo die
Menschen sind. Und am Grand-Prix-Abend waren nun mal eine Menge
Menschen auf der Hamburger Reeperbahn und an den Bildschirmen.
Ich habe da keine Berührungsängste.
Wie gehen Sie mit Kritik um, dass sich die Kirche damit
vielleicht doch zu billig verkauft?
Solche Äußerungen halte ich für sehr arrogant. Denn sie nehmen
die Menschen mit ihren Interessen, ihrem Alltag und ihren Sehnsüchten
nicht ernst. Für viele Menschen war an diesem Tag eben der europäische
Songwettbewerb das Thema. Ich will ja primär nicht die kirchlich
Engagierten am Samstagabend vor den Fernseher holen, sondern ich
versuche die Menschen anzusprechen, die aus welchen Gründen auch
immer um diese Zeit vor dem Fernseher sitzen.
Wie haben Sie sich inhaltlich auf den Ort und die Zuhörer
eingestellt?
Ich stand auf der Reeperbahn und redete zu Schlagerfans. Also
habe ich den Titel des deutschen Wettbewerbsbeitrags Wer
Liebe lebt als Aufhänger genommen und dazu einige Gedanken
formuliert. Da habe ich dann durchaus heiße Eisen anfassen können
wie etwa die Situation von Prostituierten. Ich bin auch auf
Formen von Liebe eingegangen, die es schwer haben, gelebt zu
werden: im Alter etwa oder unter Homosexuellen. Themen wie der
Nationale Ethikrat oder Sterbehilfe sind für mich im Moment
bestimmt brennender. Aber da hätte mir dort in dieser
Partystimmung keiner zugehört. Ich rechne mit einem Kommentar
meiner Kollegin zu diesen Fragen anlässlich der ökumenischen
Woche für das Leben.
Interview: Stephan Langer
Hinweis: Der Text von Stephan Wahls Wort
zum Sonntag von der Hamburger Reeperbahn ist erhältlich
unter www.das-erste. de/wort beziehungsweise kann schriftlich
bestellt werden bei: Wort zum Sonntag, 60423
Frankfurt am Main.
Kommentar
Menschenverachtend: Politiker im Todeskampf
Was die amerikanische
Trickfilmserie Celebrity Deathmatch
übersetzt Todeskampf der Berühmtheiten zeigt, ist dumpf
und menschenverachtend. Prominente aus Politik, Showbusiness oder
Sport verprügeln sich gegenseitig. Schon seit einiger Zeit sind
die Kämpfe Harrisson Ford gegen Samuel Jackson oder Bill gegen
Hillary Clinton auf dem Musiksender MTV zu sehen. MTV
rechtfertigt die Daseinsberechtigung der Serie mit ihrer
eindeutig satirischen Absicht. Eine Satire will
Missstände oder bestimmte Anschauungen kritisieren, indem es sie
lächerlich macht. Selbst wenn die allzu oft belanglosen verbalen
Hahnenkämpfe auf dem politischen Parkett, die Phrasen der
Sportler und Entertainer danach schreien lächerlich gemacht zu
werden, dann aber bitte nicht auf diese Unart.
Wer sich das anschaut, muss durch grausame Bilder aus
Kriegsgebieten und etliche gewaltverherrlichende Actionfilme
schon ganz schön abgestumpft sein. Jedem anderen würde das
Lachen im Halse stecken bleiben, wenn sich die Trickfilmfiguren
gegenseitig die Arme rausreißen, die Köpfe einschlagen und das
Blut spritzt. Tatsächlich gibt es offenbar genug Zuschauer, die
sich lachend auf die Schenkel klopfen, wenn Köpfe rollen, Chips
mampfen, wenn das Blut in Strömen fließt und nur in der
Werbepause an den Kühlschrank rennen, um sich noch ein kühles
Bier zu holen. Sonst wäre MTV wohl kaum auf die Idee gekommen,
die Serie mit deutschen Prominenten zu produzieren.
Voraussichtlich Anfang Juni soll die deutsche Version von
Celebrity Deathmatch starten. Was ist mit der Achtung
gegenüber Personen des öffentlichen Lebens, seien es nun der
Bundeskanzler, Fußballer Mario Basler oder Entertainer Thomas
Gottschalk?
Lautstarker Protest ist trotzdem die falsche Reaktion. Das
Beispiel Big Brother hat gezeigt: Kritik von Politikern oder
Kirchen sorgt nur für höhere Popularität dieser Sendungen und
damit für bessere Einschaltquoten bei den ausstrahlenden
Sendern. Der Fernsehzuschauer hat ein effektives Mittel zur
Bestrafung: umschalten, oder noch besser: ausschalten.
Burkhard Schäfers