Nur vergessene Katastrophen
Das Erzbistum verändert die Hilfe-Praxis in Unglücksfällen
Bei Unglücken wie dem Hurrikan Mitch gibt es in der Regel viele Spenden aus der Bevölkerung. Das Erzbistum Freiburg wird daher künftig ausschließlich die so genannten vergessenen Katastrophen längerfristig unterstützen, ein eigener Titel im Bistumshaushalt macht dieses gesicherte Engagement möglich.
Meistens sind es die ganz
schlechten, die im eigentlichen Sinne katastrophalen Nachrichten,
die einem hierzulande zeigen, wie es den Mitmenschen am anderen
Ende der Welt geht. Überschwemmungen in Afrika, Erdbeben in der
Türkei, Hurrikan Mitch in Mittelamerika.
Und immer noch lassen sich viele Menschen im reichen Westen
beziehungsweise Norden also hier von den
Fernsehbildern anrühren. Sie spenden viel Geld, mit dem die
Hilfswerke wie Caritas international viel helfen. Auch die Erzdiözese
Freiburg hat hier bislang mitgemacht und in den großen
Spendentopf für aktuelle Katastrophen eingezahlt.
Bislang? Ja, denn das wird es nicht mehr geben. Bei den
Spendenaufrufen, die durch alle Medien gehen, wird sich die Erzdiözese
Freiburg künftig nicht mehr beteiligen. Wir haben unsere
Politik geändert, sagt Wolfgang Sauer, Leiter des Referats
Weltkirchliche Aufgaben im Erzbischöflichen Ordinariat.
Nun ist es bestimmt keine Hartherzigkeit, die das Bistum dazu
bringt, den Geldbeutel zu verschließen. Im Gegenteil: Die
Verantwortlichen haben sich vielmehr die Mühe gemacht, genauer
hinzuschauen. Und da haben sie entdeckt, dass alles viel
komplizierter ist, als es auf den ersten Blick aussieht. Ein
Beispiel: Caritas international bekommt eine Spende mit dem
Verwendungszweck Hurrikan Mitch. Das Hilfswerk ist
dann gezwungen, dieses Geld genau dafür einzusetzen. Was aber,
wenn ganz viele Leute diesen Verwendungszweck auf ihrem Überweisungsträger
vermerken? Dann kann es sein, dass mehr Geld hereinkommt, als zur
Hilfe in der aktuellen Katastrophe gebraucht wird. Die Spenden
aber sind zweckgebunden, liegen gewissermaßen auf Eis während
sie woanders dringend gebraucht werden.
Angesichts dieser Sachlage hat sich nun die Erzdiözese
entschieden, die medienpräsenten Unglücksfälle nicht weiter zu
unterstützen. Unseren Beitrag braucht es da nicht auch
noch, erklärt Wolfgang Sauer. Die Hilfe aus Freiburg wird
freilich nicht eingestellt, sie fließt nur woanders hin. Wir
helfen gegen den Trend des öffentlichen Bewusstseins, sagt
Domkapitular Sauer. Gemeinsam mit den Fachleuten von Caritas
international werden Projekte ausgewählt, über die nicht die
ganze Welt redet, die gewissermaßen vergessenen
Katastrophen.
Und: Die gibt es noch jede Menge. So haben zum Beispiel wohl nur
wenige mitbekommen, dass im vergangenen November in Moldawien ein
Zyklon getobt hat. Die Region wurde von einer dicken Eisschicht
überzogen, die Stromversorgung brach zusammen. In den Medien kam
diese Katastrophe kaum vor, und eben deshalb hat sich die Erzdiözese
entschieden, genau hier zu helfen. Freiburg hat Geld für den
Kauf von Notstromaggregaten und Lebensmitteln zur Verfügung
gestellt.
Zusätzlich zu dieser Neuausrichtung gibt es im Zusammenhang mit
der Not- und Katastrophenhilfe eine weitere Änderung: Seit
vergangenem Jahr taucht dieser Punkt als eigener Haushaltstitel
im Etat auf. Das bedeutet: Die Erzdiözese macht aus ihrer
Katastrophenhilfe eine feste Einrichtung, die in den Finanzen
abgesichert ist. Wir können damit längerfristig helfen,
freut sich Wolfgang Sauer: Auch dann wenn die Kameras
abgeschaltet sind.
Stephan Langer