Noch nie wurde so viel vererbt
wie heute. 2,5 Billionen Mark waren es im vergangenen Jahrzehnt,
bis 2010 kommen nochmals vier Billionen Mark dazu. Vieles spricht
dafür, dass der eine oder andere Erbe stiften geht
und Teile seines Vermögens für soziale, kulturelle,
wissenschaftliche, ökologische oder auch kirchliche Belange
arbeiten lässt.
Stiften gehen
Vom Segen des Reichtums: Für
die Generation der Erben gibt es viele Möglichkeiten, Teile
ihres Vermögens gemeinnützig anzulegen
Onkel Dagobert ist weltbekannt. Er ist der reichste Mann in
Entenhausen und weit darüber hinaus. Ein Geizkragen, der sein
Geld nicht ausgibt, sondern darin badet. Jeden Tag. Mir
macht es eben Spaß, in mein Geld zu springen und wie ein
Maulwurf darin herumzuwühlen und es in die Luft zu schmeißen,
dass es mir auf die Glatze prasselt, sagt er.
Kein Wunder, dass die berühmte Comic-Figur Dagobert Duck von
einem Amerikaner erfunden wurde. Von Carl Barks, der erst vor
wenigen Monaten im Alter von fast 100 Jahren starb. Schließlich
gibt es nirgends auf der Welt so viele Dagoberts wie in den USA
reiche Leute, die einfach Geld übrig haben. Auf der
anderen Seite ist das amerikanische Sozialsystem im Vergleich zu
Deutschland unterentwickelt. Das Elend der sozial schwachen
Menschen ist in den USA sichtbarer als hierzulande.
Beides die recht große Zahl an reichen Menschen und die Löcher
im sozialen Netz haben dazu beigetragen, dass die USA ein
Musterland in Sachen Stiftungswesen sind. Und es sind nicht nur
die Millionäre unter den Amerikanern, die stiften gehen, sondern
zunehmend auch wohlhabende jüngere Leute aus der
Hightech-Branche, die Lust haben, mit ihrem Geld bestimmte
Projekte voranzubringen. Projekte, die anderen helfen können,
ihre soziale Situation zu verbessern beispielsweise durch
eine entsprechende Ausbildung.
Stiftung ein Begriff, der wohl von einer breiten Öffentlichkeit
bislang in einem recht engen Sinn verstanden wird. Die meisten
werden dabei zunächst an eine große Erbschaft denken, die nur
zum Teil oder überhaupt nicht den Angehörigen zukommt, sondern
nach dem Willen des verstorbenen Stifters einem
ganz bestimmten, gemeinnützigen Zweck. Der Reiz an der Sache:
Der Stifter schafft sich über seinen Tod hinaus ein Denkmal.
Denn sein Name wird in Verbindung mit der Stiftung immer wieder
in der Öffentlichkeit genannt.
Stiftungen nur etwas für Superreiche, die kurz vor ihrem
Tod zu der Überzeugung kommen: Nicht alles meinen Kindern?
Vieles spricht dafür, dass sich die Frage nach einer sinnvollen
und verantwortungsbewussten Verwendung überschüssigen
Geldes zukünftig nicht mehr nur einer ebenso kleinen wie feinen
Gruppe von Bürgern stellt. Und vieles deutet darauf hin, dass
Stiftungen immer häufiger bereits zu Lebzeiten der Stifter zu
arbeiten beginnen und die Stifter es zukünftig selbst noch
erleben werden, dass ihr finanzielles Engagement erste Früchte
trägt. Der Grund: Nie zuvor wurde in Deutschland so viel vererbt
wie heute. Wir sind die reichste Generation, die es jemals
gab, betont Hanna Lehmann, Studienleiterin an der
Katholischen Akademie in Freiburg. Und wir sind eine
Generation, die sehr alt wird. Das heißt: Viele neue Erben
haben auch nach der beruflichen Phase noch genügend Energie und
Lebenslust, um selber über ihr Geld zu verfügen.
Die Bedeutung kirchlicher Stiftungen
Aber sollte sich gerade die Selbstverwirklichungsgeneration
der 68er zukünftig dadurch auszeichnen, dass sie Teile
ihres geerbten Vermögens in eine Stiftung einbringt, anstatt sie
beispielsweise für eine Kreuzfahrt zu verwenden oder zum Kauf
und Umbau eines urigen Landhauses in der Toskana? Hanna Lehmann hält
diese Hoffnung für begründet. Nicht nur deshalb, weil zwei
Akademietagungen zum Thema Stiftungen, die sie in den
vergangenen Jahren durchgeführt hat, auf großes öffentliches
Interesse stießen. Vielmehr verweist sie auf die unheimliche
Chance der Stifter, mit der Benennung des Zwecks ihrer
Stiftung, genau solche Projekte voranzubringen, die ihren persönlichen
Vorstellungen und Zielsetzungen, ihren Träumen
entsprechen egal ob es sich um soziale, kulturelle,
wissenschaftliche, ökologische oder kirchliche Anliegen handelt.
Auch das, so die Studienleiterin, ist eine Form der
Selbstverwirklichung.
Verglichen mit den USA oder auch mit den Niederlanden und England
ist Deutschland ein Entwicklungsland in Sachen Stiftungswesen.
Gerade mal 8000 bis 10 000 Stiftungen gibt es hier. In den USA
sind es rund 41 000 mit einem Gesamtvermögen von 290 Milliarden
Dollar.
Und doch spricht einiges dafür, dass es in Deutschland zukünftig
so etwas wie einen Stiftungsfrühling geben könnte.
Die Hoffnung auf neue Stiftungen wurde im vergangenen Jahr
dadurch genährt, dass die Bundesregierung eine recht weitgehende
Reform des Stiftungsrechts auf den Weg gebracht hat. In Zukunft dürfen
nämlich bis zu 40 000 Mark an Zuwendungen für eine Stiftung von
der Steuer abgesetzt werden. Über einen Zeitraum von zehn Jahren
darf jeder sogar 600 000 Mark für das Vermögen einer Stiftung
steuerfrei zur Verfügung stellen. Weitere Reformen, die vor
allem die Gründung einer Stiftung erleichtern sollen, werden im
kommenden Jahre folgen.
Die Bedeutung der kirchlichen Stiftungen in Deutschland blieb im
Zuge der Diskussion um die Reform des Stiftungswesens etwas
unterbelichtet. Zu Unrecht. Denn am Anfang der Geschichte der
Stiftungen steht die Kirche, die schon vor bald tausend Jahren
begann, die Unterhaltung ihres Gebäudebestands und auch die
Besoldung der Pfarrer in Form von Stiftungen zu sichern. In
jeder Kirchengemeinde gibt es mindestens zwei Stiftungen,
betont Willi Frank, Erzbischöflicher Oberrechtsdirektor und
Leiter der Abteilung Allgemeine Verwaltung, Personal und Recht im
Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg. Gemeint sind der
Kirchenfonds und die Pfarrpfründe. Bei den Pfründen handelt es
sich um Grundvermögen, dessen Ertrag heute zentral in Freiburg
verwaltet wird und immerhin noch zu 20 Prozent die Besoldung der
Pfarrer des Erzbistums finanziert. Der Kirchenfonds, der im
Gemeindehaushalt aufgeht, ist Eigentümer und Baulastträger der
Pfarrkirche. Er wird vom Stiftungsrat der Pfarrei verwaltet.
Eine weitere bedeutende kirchliche Stiftung im Erzbistum Freiburg
ist die auf eine Erbangelegenheit im Mittelalter zurückgehende
Pfälzer Kirchenschaffnei, die die Baupflicht auf zahlreiche
Pfarrhäuser und Kirchen vor allem im nordbadischen Raum trägt.
Eine ähnliche Aufgabe erfüllt im Südosten des Bistums der
Allgemeine katholische Kirchenfonds für Hohenzollern.
Auch bei den drei Erzbischöflichen Kinderheimen St. Anton in
Riegel, St. Kilian in Walldürn und Haus Nazareth in Sigmaringen
handelt es sich um Stiftungen allerdings nicht in
kirchlicher, sondern in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft.
Von zentraler Bedeutung für die Erzdiözese Freiburg ist die im
Jahre 1988 gegründete Schulstiftung. Sie wurde nach und nach zum
Träger der bis dahin selbständigen, meist von den Orden gegründeten
katholischen Schulen im Erzbistum. Angesichts des fehlenden
Nachwuchses bei den Orden schlossen sich bis heute immer mehr
Schulen der Trägerschaft der Schulstiftung an. Ende Januar folgt
als vorläufig letzte Schule das Offenburger Mädchengymnasium
Unserer Lieben Frau, das bisher vom Orden der
Augustiner-Chorfrauen getragen wurde. Die Selbständigkeit und
Eigenverantwortung der Schulen, ihre Patina und
Tradition bleiben bewahrt. Denn im Stiftungsrat, dem höchsten
beschlussfassenden Organ der Schulstiftung, sind die Oberen der
Orden vertreten, die die jeweilige Schule gegründet und lange
Jahre geführt haben. Das Mitspracherecht ist geblieben,
so Wilhelm Frank. Aber die finanzielle Verantwortung ist
ihnen abgenommen.
Um denjenigen entgegenzukommen, die mit dem Gedanken spielen,
eine Stiftung unter der Aufsicht der Kirche zu errichten, wurde
1999 in Mainz das Zentralinstitut für kirchliche
Stiftungen (zks) errichtet, für das Karl Lehmann, der
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die Schirmherrschaft
übernommen hat. Das zks hat sich inzwischen zu einer angesehenen
Adresse entwickelt, bei der potentielle Stifterinnen und Stifter
Beratung und Hilfe bekommen.
Eine Münsterstiftung in Freiburg
Freilich können auch Stiftungen in öffentlich-rechtlicher und
privatrechtlicher Trägerschaft kirchlichen Belangen zugute
kommen. Jüngstes Beispiel im Erzbistum Freiburg ist die im
Dezember erfolgte Gründung einer Münsterstiftung.
Stiftungsgründer sind drei Freiburger Bürger und ein
Geldinstitut der Region. Ziel der Stiftung, die über ein
Startkapital von 300 000 Mark verfügt, ist es, das Bauwerk und
die Innenausstattung des Freiburger Münsters zu erhalten.
Dass in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland rund 2,5
Billionen Mark vererbt wurden und Experten für das neue
Jahrzehnt eine Vererbungssumme von vier Billionen Mark
prognostizieren, bedeutet, dass sich die Zahl wohlhabender Bürger
erhöhen wird. Wohlhabend ist freilich nicht gleichbedeutend mit
reich à la Onkel Dagobert. Und diejenigen, die mit dem Gedanken
an die Gründung einer eigenen Trägerstiftung spielen, brauchen
ein ausreichendes Grundkapital. Es sollte so hoch sein, dass der
Stiftungszweck allein durch die Erträge, also durch den Zins,
finanziert wird.
40 000 Mark sind schon viel Geld
Aber auch für die nur Wohlhabenden gibt es Möglichkeiten:
Zum Beispiel die Errichtung einer Förderstiftung,
die das Rad nicht neu erfinden will, sondern zur Erfüllung des
Stiftungszwecks auf Anträge bestimmter Organisationen reagiert,
die ohnehin schon auf diesem Gebiet aktiv sind. Eine andere Möglichkeit
ist der Stiftungsfonds, bei dem ein kleineres Vermögen
ab 10 000 Mark mit Auflagen einer gemeinnützigen Organisation übergeben
wird. Dieses Vermögen darf allerdings nicht kurzfristig
verbraucht werden, sondern ist dem langfristigen Vermögen der
Organisation zuzuordnen, so dass später lediglich die Vermögenserträge
verwendet werden. Eine weitere Alternative ist die Zustiftung,
bei der einer bereits bestehenden Stiftung mit der sich
der Zustifter identifiziert ein Betrag zugewandt wird, um
das Stiftungsvermögen aufzustocken. Auch Bürgerstiftungen,
für die sich mehrere Stifter zusammentun, um ein bestimmtes
Projekt beispielsweise den Betrieb eines Altenheimes am
Ort zu sichern, sind eine Möglichkeit zum Engagement.
Wenn der Stiftungszweck eng begrenzt ist und auch mit kleinen
Stiftungserträgen vorangebracht werden kann, dann genügt auch
ein niedrigeres Grundkapital.
W as ist viel Geld? Was ist wenig Geld? Es kommt immer
darauf an, was man daraus macht. Stiftungen sind nicht nur
etwas für Reiche, unterstreicht Hanna Lehmann. Auch
40 000 Mark sind schon viel Geld. So viel kostet in etwa
auch eine ausgewachsene Kreuzfahrt auf einem Luxusdampfer.
Michael Winter
Ansprechpartner und Beratung
Bundesverband Deutscher Stiftungen, Adenauerallee 15, 53111 Bonn,
Telefon (02 28) 21 80 31, Fax (02 28) 21 45 26 (Die
Dachorganisation der deutschen Stiftungen ist überwiegend für
bestehende Stiftungen tätig, steht aber auch stiftungswilligen
Personen beratend zur Seite.)
Koordination für Stifterinitiativen, Agentur für neues Stiften,
Alfons Kleine-Möllhoff, Egbertstraße 12, 48145 Münster,
Telefon (02 51) 3 92 93 85, Fax (02 51) 3 92 93 84 (Weitergabe
von Informationen über unterschiedliche Formen des Schenkens und
Stiftens, Unterstützung bei der Realisierung konkreter Vorhaben,
Erarbeitung flexibler Konzepte auch bei kleineren Vermögen.)
Zentralstelle für kirchliche Stiftungen, c/o Dresdner Private
Banking, Wilhelmstraße 7, 65185 Wiesbaden, Telefon (06 11) 3
58-3 85, Fax (06 11) 3 58-4 40 (Ansprechpartner für Stiftungen
unter kirchlicher Aufsicht, Beratung.)
Ansprechpartner im Erzbistum Freiburg: Willi Frank, Erzbischöfliches
Ordinariat, Herrenstraße 35, 79098 Freiburg, Telefon (07 61) 2
18 83 60.
Informationen bieten auch zwei Tagungsberichte der Katholischen
Akademie Freiburg:
Hanna Lehmann (Hg.): Stiftungen und Bürgerengagement neu
entdeckt (mit einem Stiftungsverzeichnis der Region Freiburg).
Hanna Lehmann (Hg.): Die Erben gehen stiften. Stifter übernehmen
Verantwortung.
Beide Bücher sind lieferbar durch die Katholische Akademie
Freiburg, Postfach 9 47, 79009 Freiburg, Telefon (07 61) 31 91
80, Fax (07 61) 3 19 18 11.
Rund 650 Stiftungen sind aufgeführt unter der Internet-Adresse:
www.stiftungsindex.de/deutschland.htm