Nicht nur Guten Tag und fertig
Wege geistlicher Gemeindeerneuerung: Eine Tagung in Rastatt
Neue Schritte wagen so lautete der Titel einer Tagung im Rastatter Bildungshaus St. Bernhard, die sich mit Wegen geistlicher Gemeindeerneuerung befasste. Im Mittelpunkt standen dabei auch Erfahrungsberichte von Gemeinden und Gruppen, die sich bereits auf einen solchen Weg eingelassen haben.
Strukturen sind das eine. Diese
Strukturen zu füllen, das andere. Was die Anpassung der
Seelsorgestrukturen an die sinkende Zahl der Priester angeht, ist
die Erzdiözese Freiburg in den letzten Jahren Stück für Stück
vorangekommen. Und auch wenn es manchmal geknirscht hat: Aufs
Ganze gesehen gab es recht wenig Sand im Getriebe. Die ersten
Seelsorgeeinheiten sind errichtet. Weitere folgen in kurzen
Zeitabständen.
Auf der anderen Seite werden gerade angesichts dieser
strukturellen Veränderungen auch ganz andere Fragen laut: Wer
sind wir eigentlich als christliche Gemeinde? Und wohin wollen
wir? Auf was kommt es zukünftig an? Und was ist weniger wichtig?
Was ist der Grund, der uns trägt und bewegt?
Hinter diesen Fragen steckt das untrügliche Gefühl, dass auch
die perfekteste Organisation der pastoralen Arbeit, klar
abgesprochene Zuständigkeiten der hauptamtlichen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einschließlich Supervision und
Praxisberatung von außen noch keine lebendige Gemeinde machen.
Die Erneuerung der Strukturen muss ins Leere laufen ohne die
geistliche Erneuerung, ohne die Frage nach dem Grund
und nach den Zielen allen pastoralen Handelns.
Aber wie geht das geistliche Gemeindeerneuerung? Welche
Konzepte gibt es? Und wo sind Gemeinden und Gruppen, die in
diesem Bereich bereits Erfahrungen gemacht haben und darüber
berichten können?
Diese Fragen wurden jetzt bei einer Tagung im Bildungshaus St.
Bernhard in Rastatt aufgegriffen, die von den Verantwortlichen
des Arbeitsbereiches Gemeindepastoral im Erzbischöflichen
Seelsorgeamt in Zusammenarbeit mit den Regionen Mittlerer
Oberrhein/Pforzheim und Ortenau durchgeführt wurde. Neue
Schritte wagen, so lautete der Titel dieser Tagung, zu der
rund 70 Frauen und Männer aus allen Teilen des Erzbistums kamen.
Wir stecken in einem Epochenwechsel
Dass es beim Thema Gemeindeerneuerung längst nicht mehr nur um
den Priestermangel geht und um die alte Frage, wie aus einer
versorgten eine sorgende Pfarrgemeinde
werden kann, wurde gleich zu Beginn der Tagung deutlich. Die
Krise ist nicht nur eine personelle Krise. Sie geht viel tiefer:
Wir stecken in einem Epochenwechsel, so formulierte
es Klemens Armbruster, Referent für evangelisierende Pastoral
und Wege erwachsenen Glaubens im Erzbischöflichen Seelsorgeamt.
Will heißen: Die Einheit zwischen bürgerlicher Gesellschaft und
kirchlichem Leben ist an ein Ende gekommen und damit auch
die fast automatische Weitergabe des Glaubens an die
nächste Generation. Wer früher nicht zur Kirche ging, war
ein Exot. Heute sind wir die Exoten, betonte Klemens
Armbruster und plädierte dafür, in der pastoralen Arbeit neue
Vergemeinschaftungsprozesse zu initiieren, kleine
Lebenszellen zu gründen, in denen das Evangelium zur
Sprache kommen und mit dem konkreten Leben im Alltag in
Verbindung gebracht werden kann. Was zeigen Sie einem
Firmanden, wenn Sie ihm die Gemeinde zeigen? fragte
Armbruster in die Runde.
Not macht erfinderisch, heißt es. Kein Wunder also, dass
angesichts der Not der Gemeinden in den letzten Jahren ganz
unterschiedliche Wege der geistlichen Gemeindeerneuerung
erarbeitet und mancherorts auch ausprobiert wurden. Trotzdem, so
betonte Matthias Berg, Leiter der Abteilung Gemeindepastoral im
Seelsorgeamt bei der Rastatter Tagung, gibt es gemeinsame Ziele,
die sich in allen entprechenden Modellen finden. Dazu gehöre zum
einen das Bedürfnis des Einzelnen, den persönlichen Glauben zu
vertiefen und die eigene unverwechselbare Berufung von Gott
zu erkennen. Außerdem finde sich in den unterschiedlichen
Konzepten grundsätzlich das Anliegen, den
Gemeinschaftscharakter des Glaubens erlebbar zu machen.
Und immer, so Matthias Berg, gehe es bei der geistlichen
Gemeindeerneuerung darum, den Glauben zu verheutigen,
also ein der heutigen Zeit und der örtlichen Situation
angemessenes Gemeindeleben zu fördern. Glauben ist konkret,
unterstrich Berg und verwies sowohl auf die Bedeutung handgreiflich
geleisteter caritativer Arbeit als auch auf das notwendige
Fingerspitzengefühl im Umgang mit denjenigen, die in einiger
Entfernung zur Gemeinde stehen: In der Art und Weise, wie
wir mit den Leuten umgehen, liegt schon ein erstes Zeugnis
unseres Glaubens.
Es liegen Welten zwischen den heutigen Inhalten und Zielen einer
geistlichen Gemeindeerneuerung und der Gemeindemission
früherer Zeiten, zu der in der Regel Ordensmänner für einige
Tage in die Pfarrei kamen. Albert Lampe, Referent für
Gemeindepastoral im Seelsorgeamt und Beauftragter der Erzdiözese
für Religions- und Weltanschauungsfragen, erinnerte in Rastatt
an das Leitthema dieser klassischen Gemeindemissionen: Rette
deine Seele hieß es. Und dahinter stand ein
individualistisches Verständnis von Glaube und Kirche. Erst
infolge des Konzils habe sich ein neues Verständnis der Gemeinde
als Gemeinschaft von Christen durchgesetzt. Folglich,
so Albert Lampe, habe sich auch das Ziel der geistlichen
Gemeindeerneuerung gegenüber der früheren Gemeindemission
verändert: Geistliche Gemeindeerneuerung will die
Gemeinschaft der Glaubenden am Ort dazu befähigen, miteinander
aus dem Glauben zu leben und am Ort Zeichen des Heils zu sein,
definierte der Theologe.
Leichter gesagt als getan. Und trotzdem: Auch im Erzbistum
Freiburg haben sich Gemeinden und Gruppen auf den Weg gemacht, um
zum Grund ihres Glaubens und all ihrer Aktivitäten vorzustoßen.
Einige stellten sich in Rastatt vor. Mitglieder der Pfarrei
Unserer Lieben Frau in Achern beispielsweise, die ihr dringendes
Anliegen einer geistlichen Gemeindeerneuerung angesichts der
zeitlichen Überforderung der Hauptamtlichen einfach selbst in
die Hand nahmen. Sie initiierten ein Glaubensseminar, das vom
Gengenbacher Franziskanischen Werk für Evangelisierung Spoleto
unterstützt wurde. Das Interesse war groß. Viele hatten
das Bedürfnis, etwas für ihren persönlichen Glauben zu tun,
berichtete Gerti Theobald über das Projekt in Achern. Außerdem
ging es darum, dass diejenigen, die sich im Gottesdienst treffen,
eine andere Beziehung zueinander bekommen. Nicht nur ,Guten Tag
und fertig.
Glaubenskurse bildeten auch den Ausgangspunkt eines Weges
geistlicher Gemeindeerneuerung, der in Mannheim-Sandhofen und
Mannheim-Schönau beschritten wurde. Auch dort beschlich die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein ungutes Gefühl: Es läuft
zwar viel, aber wir müssen schauen, dass das geistige Wachstum
nicht auf der Strecke bleibt, so beschrieben Monika Sliwka
und Klaus Meier in Rastatt die Grundstimmung, die in den beiden
Gemeinden zu spüren war.
Inspirieren ließen sich die Sandhofener und die Schönauer von
ihrer unmittelbaren Nachbarschaft vom Mannheimer
Evangelisierungsteam, kurz: MET, das ebenso bei der
Rastatter Tagung vertreten war. Unter dem Dach von MET sind in
den 90er Jahren jenseits territorialer Gemeindegrenzen
zahlreiche Gruppen entstanden, die regelmäßig
zusammenkommen, um miteinander über ihren Glauben, über Texte
der Bibel und ihren Alltag zu sprechen und miteinander zu beten.
Wir sind Christen, die gute Erfahrungen mit dem Glauben
gemacht haben, die sich zusammenschließen und diese Erfahrungen
weitertragen wollen, formulierte Gabi Steiner das Anliegen
von MET.
Wir sind in der Gründerphase
Auch die ignatianisch geprägten Exerzitien im Alltag,
die Barbara Blum seit einigen Jahren während der Fastenzeit in
Denzlingen durchführt, sind über die eigenen Gemeindegrenzen
hinaus auf Interesse gestoßen: Der evangelische Pfarrer am Ort
beteiligt sich seit drei Jahren an dem Projekt, das Glaube und
Alltag in Verbindung bringen soll, wie Barbara Blum betonte. Die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exerzitien im Alltag
nehmen sich täglich etwa eine halbe Stunde Zeit für das persönliche
Gebet sowie zehn Minuten am Abend für einen Rückblick auf den
Tag. Wöchentlich treffen sie sich zum Erfahrungsaustausch sowie
zur Einübung verschiedener Gebetsweisen und erhalten Impulse und
schriftliche Anregungen für jeden Tag der folgenden Woche.
Die Erfahrungen der Nachbardiözese Rottenburg-Stuttgart will
sich die Gemeinde St. Johann in Bad Dürrheim zunutze machen. Das
Rottenburger Modell der Gemeindeerneuerung ist
inzwischen weit über die schwäbischen Diözesangrenzen hinweg
bekannt geworden und bietet ebenfalls Impulse für Gemeinden, die
auf der Suche sind nach neuen Wegen in der Pastoral. Auch in Bad
Dürrheim lief nach Auskunft von Diakon Karl-Heinz Groß
eigentlich alles rund. Aber es fehlte das Feuer, so
berichtete er bei der Tagung. Wo es um Glaubensfragen ging,
war sehr wenig da.
Ihre Ziele haben die Verantwortlichen in Bad Dürrheim ganz
bewusst nicht allzu hoch gesteckt: Wenn sich 70 Leute aus
der Gemeinde auf einen Weg in kleinen Gesprächsgruppen
einlassen, dann sind wir zufrieden, meint Karl-Heinz Groß.
Mit Matthias Berg vom Seelsorgeamt haben die Bad Dürrheimer
einen Begleiter von außen um Hilfe gebeten.
Auch die Orden wollen weiterhin in diesem Bereich tätig sein:
Der Redemptorist Pater Ludwig Götz berichtete in Rastatt über
gemeinsame Bemühungen, eine neue, zeitgemäße Form der
Gemeindeerneuerung zu entwickeln. Und Rudolf Vögele, Referent für
Gemeindeentwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat, verwies die
Tagungsteilnehmer auf die bereits seit längerem bestehenden
Regionalen Arbeitsgruppen Gemeindeentwicklung, an die
sich Gemeinden und Gruppen beispielsweise Pfarrgemeinderäte
zur Klärung ihrer Fragen wenden können.
Der Karlsruher Regionalreferent Lothar Wulf gab einen Gesamtüberblick
über die fast schon verwirrende Vielfalt diözesaner
Institutionen, Einrichtungen und Ansprechpartner, die in Sachen
Gemeindeerneuerung Beratung und Hilfestellung anbieten.
Aber diese Vielfalt entspricht wohl der unterschiedlichen
Ausgangssituation in den Pfarreien. Und so wie in den
allermeisten Gemeinden das Nachdenken über neue Wege erst am
Anfang steht, so haben auch die Verantwortlichen auf Diözesanebene
gerade erst begonnen, die Kräfte zu bündeln und an einem Strang
zu ziehen. Ich habe den Eindruck, wir sind in der Gründerphase,
meinte am Ende Klaus Meier aus Mannheim-Schönau. Wir müssen
den Weg ertasten und probieren. Klaus Meier erinnerte auch
daran, dass der Weg der Gemeindeerneuerung immer auch die ganz
einfachen Grundsätze im Blick behalten muss: Wir müssen
eine Gemeinschaft darstellen, und wir müssen einander beistehen,
unterstrich er. Wenn wir das nicht hinbringen, dann werden
wir eingehen.
Michael Winter
Hinweis: Interessenten an
Modellen und Ansprechpartnern zum Thema können sich an das
Seelsorgeamt, Telefon (07 61) 51 44-1 35 oder an das
Ordinariat,Telefon (07 61) 21 88-2 25 wenden.