Nicht Fässer füllen, sondern Feuer entfachen

Alfons Ruf als Leiter der Schulabteilung verabschiedet/Fridolin Keck als Nachfolger eingeführt

Der langjährige Leiter der Abteilung III Schule/Hochschule im Erzbischöflichen Ordinariat, Domkapitular Alfons Ruf (74), wurde im Rahmen einer Feierstunde und in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus ganz Baden-Württemberg in den Ruhestand verabschiedet. Zugleich wurde sein Nachfolger, Ordinariatsrat Fridolin Keck (58), in sein Amt eingeführt.

„Res mixtae“ (gemischte Angelegenheiten) nennt man Vorgänge, an denen Staat und Kirche je auf ihre Weise beteiligt sind. Die Zusammensetzung der Festversammlung zur Verabschiedung von Domkapitular Alfons Ruf als langjährigem Leiter der Schulabteilung im Erzbischöflichen Ordinariat spiegelte schon für sich genommen anschaulich den Alltag von einer der wichtigsten „gemischten Angelegenheiten“ in Deutschland, dem Bildungssektor, wider. Sprecher und Vertreter aus Kultuspolitik, Schulverwaltung, Landeskirchen, Ökumene, Schulen und Hochschulen bereiteten Ruf einen eindrucksvollen Abschied aus seinem aktiven Berufsleben.
Nicht erst auf Grund der Ereignisse vom 11. September und ihren Folgen – der Religionsunterricht in der öffentlichen Schule trifft in verschiedener Hinsicht die heutigen Lebensverhältnisse. Erzbischof Oskar Saier nutzte die Verabschiedung von Domkapitular Ruf zu einer breit angelegten und entschiedenen Bestätigung der Bedeutung des Religionsunterricht für Staat und Kirche. Der schulische Religionsunterricht leiste einen „wesentlichen Beitrag zur Werteerziehung in unserer Gesellschaft und zu einer gemeinsamen Wertebasis in Europa“.
Im Blick auf den multikulturellen Charakter der Gesellschaft sei das Zeugnis des Religionsunterrichts heute noch dringlicher geworden. Er erziehe zur Anerkennung des anderen und zur Toleranz und erfülle damit eine Aufgabe, die der Gesellschaft insgesamt zugute komme. Das Ziel des Religionsunterrichts sei die Förderung der Selbstwerdung des Menschen in der Gottesbeziehung.
Angesichts des verbreiteten Ausfalls anderer Lernorte des Glaubens wie Familie, Pfarrgemeinde und Jugendgruppe für eine große Zahl von Kindern warnte Saier allerdings auch vor einer Überforderung des Religionsunterrichts. Je mehr er ordentliches Schulfach sei, bleibe er umso stärker angewiesen auf andere Lernorte des Glaubens und des Glaubensvollzugs. Diese gelte es insgesamt zu stärken. Saier sprach sich entschieden für den konfessionellen Religionsunterricht aus. Zugleich betonte er aber, dass es heute keinen Religionsunterricht mehr geben könne, der nicht von Grund auf ökumenisch sei und die Begegnung mit den anderen christlichen Kirchen suche und vermittle. Die Infragestellung des konfessionellen Religionsunterrichts führte er nicht zuletzt auf einen „verzerrten Begriff von Konfession“ zurück. Konfession habe nichts zu tun mit einem „engstirnigen Konfessionalismus, der seine eigene Identität nur in der negativen Abgrenzung und Distanzierung zum anderen zu finden glaubt“.
Erzbischof Saier dankte Domkapitular Ruf für seine 17 Jahre Mitwirkung bei der grundlegenden Gestaltung des katholischen Bildungswesens und des Religionsunterrichts im Erzbistum Freiburg. Der Erzbischof verwies auf die zahlreichen Sachgebiete, um die sich Ruf dabei gekümmert habe: von der Aus- und Fortbildung der Lehrer, der Curriculum-Forschung und Fachdidaktik, über die Arbeit mit den Schuldekanen und Schulbeauftragten, den Fachberatern in den Oberschulämtern und den Fachleitern in den Schulen vor Ort, bis zur Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium, den Schulämtern und den Schulreferenten der Nachbardiözese Rottenburg-Stuttgart und den evangelischen Landeskirchen. Saier bat auch um das Vertrauen und Unterstützung für den Nachfolger von Ruf als Leiter der Schulabteilung, Ordinariatsrat Fridolin Keck.
Staatsekretär Helmut Rau aus dem Stuttgarter Ministerium für Kultus, Jugend und Sport vertrat Kultusministerin Annette Schavan und betonte in einem Grußwort, der Religionsunterricht „ist und bleibt diakonischer Dienst an den Schülern“. Der Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche Baden, Michael Trensky, und der Leiter des Droste-Hülshoff-Gymnasiums Freiburg, Bernward Monzel, selbst Religionslehrer, sprachen Grußworte stellvertretend für Personengruppen, mit denen der bisherige Leiter der Schulabteilung Ruf zusammenarbeitete.
Es entstand ein Bild des bisherigen Leiters der Schulabteilung als eines leidenschaftlichen Pädagogen, der seinen Beitrag dazu geleistet hat, „Jugendliche in Verantwortung vor Gott und im Geiste Jesu zu erziehen“ (Ruf). Ruf selbst verstand es, diese Leistung nicht ohne eine gehörige Portion Selbstironie zurechtzurücken. Theologisch stellte er sie unter den eschatologischen Vorbehalt dessen, der weiß, dass Erfolg gerade auf diesem Gebiet nicht machbar ist.
Obendrein entstand ein Bild kirchlicher Mitwirkung auf dem Bildungssektor, die den kirchlichen Part selbstbewusst, aber nicht konfessionalistisch-selbstgenügsam spielt. Ruf umschrieb diese Mitwirkung als „an die Seite der Menschen gestellt“ und „Helft den Menschen leben“. Fridolin Keck bemühte einen eher selten zitierten „Kirchenvater“, den französischen Moralisten Michel de Montaigne aus dem 16. Jahrhundert: „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden sollen.“

Klaus Nientiedt