Nicht weit auseinander
Die Union hat ein Problem. Nein,
nicht die Kanzler-Kandidatenfrage. Die Frage, ob die größte
Oppositionspartei über die Länder an der Gesetzgebung zur
Zuwanderung mitwirkt oder sich verweigert, ist mehr als nur eine
Frage unter vielen. Parteipolitische Taktik liegt mit
sachbezogener Politik im Clinch. Über die Identität dieser
Partei sagt dies mehr aus als alles Suchen nach einem überzeugenden
Kanzlerkandidaten.
Natürlich geht es hier nicht darum, lediglich die von
Bundesinnenminister Otto Schily vorgegebene Linie abzusegnen.
Aber den Eindruck, dass man nicht so weit auseinander ist, wie es
manche vielleicht gerne sähen, hat nicht nur Otto Schily selbst.
Namen wie der von Rita Süßmuth als Vorsitzende der von
Bundeskanzler Schröder eingesetzten Zuwanderungskommission und
Peter Müller, dem saarländischen Ministerpräsidenten, als
Vorsitzendem der innerparteilichen Zuwanderungs-Kommission
sprechen für sich.
Ein Nein der Union machte erst dann Sinn, wenn man intensiv
versucht hat, mit der Bundesregierung handelseinig zu werden.
Dass ein solcher Versuch die Bundesregierung selbst in
Verlegenheit bringen und die Koalition auf eine weitere Zerreißprobe
stellen könnte, steht auf einem anderen Blatt.
Dass in Bundestag und Bundesrat unterschiedliche Mehrheiten
bestehen diesen Fall wird man immer weniger als
Ausnahmefall nehmen können. Vielleicht sieht der Wähler gar
nicht so ungerne unterschiedliche politische Formationen in
Berlin und in den Ländern in ihren Ämtern: Er zwingt sie auf
diese Weise, Kompromisse, Lösungen auf möglichst breiter Basis
im Volk zu suchen.
Wenn, ja wenn dies nicht zu politischer Immobilität verdammt.
Unterschiedliche Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat dürfen
nicht dazu führen, dass der Parlamentarismus handlungsunfähig
wird. Fragen müssen gelöst werden, wenn sie sich stellen, und
nicht, wenn sie in ein parteipolitisches Kalkül passen.
Politiker werden in ihre Ämter gewählt um zu entscheiden, überzeugende
Lösungen für anstehende Fragen zu finden, und nicht, um
parteipolitisch zu taktieren.
Eine Nichtentscheidung in der Zuwanderungsfrage jetzt würde
bedeuten, dass weitere Jahre bis weit nach der nächsten
Bundestagswahl vergehen, bis dieses Gesetzesvorhaben eventuell
realisiert würde. Dabei handelt es sich bei diesem Thema ohnehin
um eine Frage, deren Bearbeitung längst überfällig ist.
Jahrelang hat man sich das Thema dadurch vom Halse zu halten
versucht, dass man gebetsmühlenartig betonte, Deutschland sei
kein Einwanderungsland. An der tatsächlichen Lage hat dies
jedoch nichts geändert. Der Politik insgesamt in Deutschland würde
ein Bärendienst erwiesen, wenn nun nicht endlich gehandelt würde.
Klaus Nientiedt