Neue Zeiten
Die Entscheidung des Deutschen
Bundestages über die Bereitstellung deutscher Soldaten für den
Einsatz bei der Terrorismus-Bekämpfung in Afghanistan hat
Deutschland in Atem gehalten. Der Regierung Schröder hat sie
ihre Grenzen aufgezeigt. Überstanden ist hier noch nichts.
Die Diskussionen der letzten Tage waren von allerlei geprägt:
Taktische Überlegungen spielten in allen Parteien eine große
Rolle. Die Traditionen der beteiligten Parteien wurden ins Spiel
gebracht, programmatische Äußerungen der letzten zehn, 15 Jahre
zitiert.
Alles in allem konnte man den Eindruck haben: Hier wird ein
neuartiges Thema mit den Argumenten und Antworten von gestern
behandelt. Ist das aber nicht genau das Problem? Vor lauter
innenpolitischen Erwägungen wurden die eigentlichen
weltpolitischen Herausforderungen kaum sichtbar. Es schien mehr
um das rot-grüne Projekt beziehungsweise dessen Beendigung zu
gehen als um den konzertierten Einsatz der Staatengemeinschaft
gegen eine Spielart des Terrorismus.
Deutschland sieht sich einer neuen Rolle gegenüber. Aber sind
wir auch bereit, diese Rolle zu spielen? Ob Kosovo, Mazedonien
oder jetzt Afghanistan es tun sich Aufgaben auf, vor denen
sich ein Land von der Größe und der wirtschaftlichen Macht
Deutschlands nicht einfach drücken kann.
Europa scheint in diesen Wochen geradezu von der Bildfläche
verschwunden zu sein. Die Nato-Länder befinden sich in einem unsäglichen
bilateralen Schaulaufen in Washington, anstatt zusammen zu
handeln. Erst eine wirkliche europäische Zusammenarbeit würde
die Europäer zu gleichrangigen Gesprächspartnern in den USA
machen. Solange dies aber nicht geschieht, bleibt uns nicht viel
anderes übrig, als die Bedingungen zu akzeptieren, die uns
diktiert werden.
Aber auch für die Pazifisten hierzulande ist die Welt nicht mehr
so, wie sie sie einmal kannten. Die Übergänge zwischen
polizeilichen Aufgaben nach innen und militärischen nach außen
sind fließend geworden sowohl im eigenen Land wie auch
bei Auslandseinsätzen.
Die militärkritischen Haltungen auch in den Kirchen
bildeten sich noch zu Zeiten des Ost-West-Konfliktes
heraus, im Angesicht eines befürchteten neuen Weltkriegs
zwischen den Supermächten. Sicherheitspolitik erschöpfte sich
im Wesentlichen in der Abschreckung mit Waffensystemen, deren
Einsatz die Existenz der gesamten Erde in Frage gestellt hätte.
Das sind aber längst nicht mehr die Daten, die es heute zu
beachten gilt. Der traditionelle Krieg zwischen Staaten scheint
der Vergangenheit anzugehören. Angesichts der heutigen
Unsicherheit war die Welt zu Zeiten des Ost-West-Gegensatzes übersichtlich.
Alle müssen umlernen.
Klaus Nientiedt