Mittlere Ebene im Umbruch

Diözesanrat diskutierte aktuelle pastorale und politische Fragen

Schritt für Schritt entstehen die neuen Seelsorgeeinheiten. Daraus ergibt sich die Frage, welche Aufgabe künftig der so genannten mittleren Ebene, dem Dekanat, zufällt. Der Freiburger Diözesanrat griff bei seiner Herbstvollversammlung sowohl dieses pastrale Thema auf, als auch die bioethische Diskusion sowie Fragen von Krieg und Frieden. Die Vorsitzende Christel Ruppert konnte dazu rund 60 Delegierte aus den Dekanaten und Verbänden begrüßen.

Zurzeit werden im Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg jede Woche fünf bis sechs Anträge für die Errichtung einer Seelsorgeeinheit bearbeitet und genehmigt. In diesem Prozess taucht immer häufiger die Frage auf, welche Rolle und welche Aufgabe das Dekanat und der Dekanatsrat in Zukunft übernehmen sollen.
Der Wandel ist längst in vollem Gang, wie Dekan Andreas Hess am Beispiel Ettlingen deutlich machte. Während sich der dortige Dekanatsrat in der Vergangenheit vor allem mit gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt hat, wendet er sich heute in erster Linie innerkirchlichen Angelegenheiten zu. Gleichzeitig schwindet die Möglichkeit, den Wandel der Gesellschaft mitzugestalten. Also müsse der Dekanatsrat seine Arbeitsweise verbessern, so Hess. „Die effiziente Arbeit scheitert jedoch häufig an der hohen Zahl der Mitglieder und der mangelnden Kommunikation“, so der Dekan von Ettlingen, der sich nachdrücklich für eine Verkleinerung des Gremiums ausspricht. Nicht mehr jede Pfarrgemeinde solle vertreten sein, sondern nur noch die Seelsorgeeinheiten und auch die Zahl der Verbandsvertreter müsse eingeschränkt werden.
Diese Idee wird jedoch nicht von allen begrüßt. „Das wird ein Gremium der Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen fallen raus“, befürchtet Dekan Ludwig Hönlinger aus Achern-Wagshurst. Die Gefahr, dass sich Gemeinden nicht mehr vertreten fühlen, bewegt zahlreiche Mitglieder im Diözesanrat. „Wir haben mit dem Dekanatsrat wenigstens den Ansatz einer demokratischen Struktur in der Kirche“, so Maria Schmitt aus Donaueschingen, das müsse auf jeden Fall erhalten bleiben.
Doch ein Umbruch hat längst eingesetzt. Die Seelsorgeeinheiten und ihre Ausschüsse wandeln sich in so etwas wie Kleindekanate um. Vielfach wissen die Dekanatsräte schon nicht mehr, was sie beschließen und entscheiden dürfen, weil die Aufgaben und Kompetenzen nicht klar definiert sind. Genau diesen Schwachpunkt will die Bistumsleitung in den kommenden Jahren angehen und die Satzungen der Pfarrgemeinde- und Dekanatsräte, sowie das Dekanatsstatut an die neuen Gegebenheiten anpassen. In diesen Prozess wollen die Vertreter der ehrenamtlich engagierten Christen eingebunden werden. „Wir dürfen keine Satzungsänderung zulassen, ohne dass die Dekanatsräte mitreden“, macht Werner Kiko aus Pforzheim deutlich. Einstimmig fordert der Diözesanrat von Erzbischof Oskar Saier eine Satzungskommission, die als gemischte Arbeitsgruppe aus Amtsträgern und Laien, mit Vertretern der Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirche eingerichtet wird.
In einem weiteren Themenschwerpunkt befasste sich der Diözesanrat mit den Entwicklungen in der Biomedizin. Dabei wandte sich der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff gegen den Import von embryonalen Stammzellen und deren Nutzung hierzulande. Er verwies darauf, dass beim Gewinnen der Stammzellen Embryonen getötet werden. Dabei werde die Anerkennung der Menschenwürde und der Schutz des Lebens missachtet, so Schockenhoff. „Der menschliche Embryo hat ein eigenes Lebensrecht und ist damit einer Güterabwägung der Medizin entzogen“, unterstrich der Moraltheologe deutlich und forderte von der Politik, die Regellücke zu schließen und ein Importverbot für Stammzellen auszusprechen.
Schockenhoff bezeichnete es als unredlich, wenn Wissenschaftler versicherten, dass in keinem Fall Embryonen eigens für Forschungszwecke gezüchtet und nur vorhandene, überzählige Föten verwendet werden sollen. Dabei verwies er auf die Präimplantationsdiagnostik (PID), bei der künstlich befruchtete Eizellen vor der Einpflanzung in den Mutterleib genetisch untersucht werden. „Wenn wir diesen Weg nutzen, dann fällt ein zusätzlicher moralischer Schatten auf die künstliche Befruchtung“, so der Theologieprofessor. Das führe zu einem neuen Begriff der elterlichen Verantwortung. Sie würden für die optimale genetische Ausstattung ihrer Kinder in die Pflicht genommen. „Nur Menschen, die das Qualitätskriterium erfüllen, werden eingepflanzt und erhalten ein Lebensrecht. Paare müssen sich fragen lassen, ob sie zu diesem Preis ihren Kinderwunsch realisieren dürfen“, so Schockenhoff. Zum Abschluss der Herbstvollversammlung feierte Erzbischof Oskar Saier einen Gottesdienst mit den Mitgliedern des Diözesanrats.

Dieter Waldraff