Mitten ins Herz

„Tag der pastoralen Dienste“ in Engen

In Engen haben sich rund 250 hauptamtliche pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Ersten von insgesamt fünf im Erzbistum stattfindenden „Tagen der pastoralen Dienste“ getroffen. Der Erfurter Pastoraltheologe Andreas Wollbold plädierte dabei für eine offenere und doch profilierte Gestalt der Kirche, die den Menschen zur „Wahlheimat“ werden kann.

Vom Krisenmanagement zur Offensive? Von der Mangelverwaltung zur aktiven Gestaltung der Zukunft? Von der ängstlichen Zurückhaltung zum Selbstbewusstsein? Von der Resignation zum „Jetzt erst recht“? Wenn nicht alles täuscht, findet die anhaltende Diskussion über die Zukunft der Kirche hierzulande in den letzten Monaten immer öfter unter veränderten Vorzeichen statt. Nicht dass sich die Situation entspannt hätte. Im Gegenteil. Der christliche Grundwasserspiegel in der Gesellschaft ist weiter gesunken und die Pfarrgemeinden bangen mehr denn je um ihre Zukunft. Aber gerade in dieser zugespitzten Situation, so scheint es, findet eine Rückbesinnung auf den missionarischen Auftrag der Christen statt. Die Rede von der „Evangelisierung“ hat Konjunktur. Dafür steht nicht zuletzt das vor einigen Wochen erschienene Papier der Bischofskonferenz „Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein“.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch bei den diesjährigen „Tagen der pastoralen Dienste“ im Erzbistum Freiburg die Frage nach einer „evangelisierenden Pastoral“ thematisiert wird. An fünf unterschiedlichen Orten kommen in diesen Wochen die hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen. Zur ersten Veranstaltung in Engen konnte Erzbischof Oskar Saier rund 250 Priester und Laien begrüßen. Ebenso als Referenten des Tages den Erfurter Pastoraltheologen Andreas Wollbold, der die Evangelisierung als die „Klammer aller Seelsorge“ im 21. Jahrhundert bezeichnete.
Wollbold forderte dazu auf, die Minderheitensituation der Kirche in der Gesellschaft ungeschminkt und nüchtern wahrzunehmen. Christlich im Sinne des Glaubens an die Botschaft des Evangeliums sei die gegenwärtige „Leitkultur“ längst nicht mehr. Nach langen Jahren der innerkirchlichen Selbstbeschäftigung gehe es jetzt darum „nach außen“ zu schauen und die Frage zu stellen: „Wie können wir die vielen erreichen?“
Nicht mehr so wie früher, als das Christwerden im festgefügten kirchlichen Milieu oftmals eine „erzwungene Gefolgschaft“ war. Heute müsse der Glaube frei angenommen werden, durch die „Zustimmung des Herzens“, so Wollbold. Dazu brauche es „Zeugen statt Lehrer“. Entscheidend sei die persönliche Ausstrahlung derer, die glauben. „Es führt kein Weg vorbei an der Frage, wie das, was wir tun, die Menschen mitten ins Herz treffen kann“, unterstrich Wollbold. Der Pastoraltheologe warnte sowohl vor der Anpassung als auch vor einer Totalverweigerung gegenüber den gesellschaftlichen Trends und plädierte für eine „Differenz in Beziehung“: Dafür, das „Profil eines Lebens nach dem Evangelium“ an möglichst vielen „Kontaktpunkten“ in die Gesellschaft hineinzutragen.
Aussichtslos ist dieses Unterfangen nach Auffassung Wollbolds keineswegs. Im Gegenteil: Gerade angesichts der großen persönlichen Freiheit und der gelockerten persönlichen Bindungen suchten viele Menschen nach einer neuen „Beheimatung“, nach einem Ort, wo sie sich wiederfinden könnten, nach verlässlichen Beziehungen. „Die Kunst der Seelsorge besteht darin, auf dieses Bedürfnis einzugehen“, unterstrich Wollbold und schlug vor, die Rede von der Kirche als „Wahlheimat“ zum Leitbild zukünftiger Seelsorge zu machen.
Die traditionellen Pfarreien können Wollbold zufolge diesem Leitbild durchaus gerecht werden. Allerdings nur dann, wenn es ihnen gelingt, „Erschließungserfahrungen“ zu schaffen, die zeigen: „Das Evangelium hat Kraft.“ Und wenn es ihnen gelingt, sich zu öffnen und neue Möglichkeiten der Beteiligung möglichst vieler Menschen zu finden. Die Gemeinden müssten ein „Haus mit offenen Türen“ und mit verschiedenen „Zugangswegen“ sein, so Wollbold. Auf der anderen Seite forderte der Pastoraltheologe eine Verstärkung außergemeindlicher, offener Initiativen wie der City-Pastoral, Zielgruppenarbeit oder der kirchlichen Akademien. Diese Initiativen dürften wiederum nicht beim Einzelevent stehen bleiben. „Die Vorstellung einer Dienstleistungskirche mit vielen Angeboten reicht nicht aus“, unterstrich Wollbold. „Es muss sich etwas ergeben. Es muss Bindung möglich sein.“
Ob es wirklich einen Stimmungsumschwung gibt – nach dem Motto: Wir hören auf zu jammern und krempeln die Ärmel hoch? Oder ob vielleicht nur der Wunsch Vater des Gedankens ist? Das ist noch nicht abzusehen. Wie auch immer: Erzbischof Oskar Saier machte in seiner Predigt beim abschließenden Gottesdienst in der Engener Pfarrkirche deutlich, dass der missionarische Auftrag der Christen nicht einer unter vielen möglichen pastoralen Schwerpunkten ist, die je nach Neigung ausgewählt werden können. Dass es gar keine Alternative zur Evangelisierung gibt, weil die Christen der Welt etwas schuldig blieben, wenn sie mit ihrer Botschaft hinterm Berg hielten: „Dann fehlten den suchenden und innerlich oft zerissenen Zeitgenossen die Kräfte der Heilung und des umfassenden Heils“, so der Erzbischof.

Michael Winter