Mit einem Aufruf der deutschen Bischöfe, der am ersten Adventssonntag des Jahres 1961 verlesen wurde, begann die Arbeit eines Hilfswerks, das international zu einer bedeutenden Visitenkarte der Kirche in Deutschland geworden ist: Im Mittelpunkt der bischöflichen Aktion Adveniat steht die Weihnachtskollekte für die Kirche in Lateinamerika. Zu denen, die in den letzten Wochen Worte des Dankes an die Katholiken in Deutschland fanden, gehört auch Papst Johannes Paul II.

Im Sinne ganzheitlicher Evangelisierung

Das Bischöfliche Hilfswerk Adveniat für die Kirche in Lateinamerika wird 40 Jahre alt

Es war eine jener kontinentalen Bischofssynoden, die in den letzten zehn Jahren in Rom zusammentraten. Zum ersten Mal trafen sich 1997 die Bischöfe der beiden Amerikas, wie man auch sagt, von Nord- und Südamerika, zu gemeinsamen Beratungen. Für die Bischöfe war dies eine neue Erfahrung, gibt es doch kaum ein wirkliches gesamtamerikanisches Zusammengehörigkeitsgefühl unter Amerikanern von Nord und Süd: zu unterschiedlich sind die geschichtlichen Erfahrungen und Prägungen, zu gegensätzlich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse.
Unter den Teilnehmern der Sondersynode für Amerika war damals ein Bischof, der weder vom amerikanischen Kontinent stammt, noch dort auch ständig lebt und arbeitet. Und dennoch spielte er eine viel beachtete Rolle und war ein viel gefragter Gesprächspartner der Synodenteilnehmer: Die Rede ist von „Mister Adveniat“, Franz Grave, Weihbischof des Bistums Essen und Vorsitzender einer Unterkommission der Deutschen Bischofskonferenz für Kontakte mit Lateinamerika.

„Nicht primär Entwicklungshilfe“

Wenn es irgendwo um die Lage der Kirche in Lateinamerika geht, ist Adveniat nicht weit. Selbst die Kirche in den Ländern Nordamerikas verfügt über keine vergleichbare Institution. Für eine breitere Öffentlichkeit sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen bestehenden kirchlichen Hilfswerken nicht immer leicht erkennbar, und der Sache nach sind die Übergänge oft fließender, als man dies zunächst annehmen könnte. Bei einem Festakt im Oktober aus Anlass des 40-jährigen Bestehens von Adveniat wies der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, darauf hin, dass sich Adveniat als „pastorales Hilfswerk und nicht primär als Werk der Entwicklungshilfe“ verstehe. Zugleich fügte er hinzu: Adveniat rücke jedoch im Sinne einer ganzheitlichen Evangelisierung die Wahrung der Menschenrechte in den Mittelpunkt und unterstütze entsprechende Programme und Projekte.
Adveniat-Geschäftsführer Prälat Dieter Spelthahn zog in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur eine Verbindung zur gesamtkirchlichen Entwicklung: Spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil lasse sich Pastoral nicht mehr reduzieren auf „Seelsorge oder auf die Rede von einem besseren Jenseits“. Die Kirche Lateinamerikas habe den ganzen Menschen im Blick: „Wenn Adveniat sich einsetzt für die Verbreitung der katholischen Soziallehre in Lateinamerika, für die Ausbildung der Laien, für ein Engagement in Politik und Gesellschaft, dann entspricht es damit nur den Erwartungen, die Kirche in Lateinamerika an uns hat.“
Der Vorsitzende des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM), Bischof Jorge Enrique Jimenez Carvajal, dankte beim erwähnten Festakt der Kirche in Deutschland nicht nur, sondern betonte auch, Adveniat sei es gelungen, „wirtschaftliche Mittel und Nächstenliebe zu vereinen“. Die Leistung von Adveniat lässt sich zwar nicht in Heller und Pfennig messen; dennoch sind die zählbaren Leistungen erheblich: Rund 200 000 Projekte unterstützte man in den 40 Jahren mit insgesamt 3,87 Milliarden Mark. Allein im Geschäftsjahr 2000 waren dies 146 Millionen Mark für die Kirche von der Grenze Mexikos zu den USA bis nach Feuerland.

Achillesverse sind die Spendeneinahmen

Das mit Abstand am meisten geförderte Land ist Brasilien. Im Zeit-raum von Oktober 1999 bis Juli 2000 gingen allein 30 Prozent der Fördermittel in dieses größte Land Lateinamerikas, gefolgt von Peru (über acht Prozent), Kolumbien (knapp acht Prozent) und Argentinien (sechs Prozent). Wohin wandern die Gelder im Einzelnen: 40 Prozent in die Pfarrseelsorge, knapp 20 Prozent für Transportmittel, zwölf Prozent für das kirchliche Bildungswesen, knapp zwei Prozent für Kommunikationsmittel. Weitere Empfänger sind Orden und religiöse Gemeinschaften, Laienapostolat und Katechese, schließlich ein Bereich, der als „Seelsorge- und Sozialreform“ umschrieben wird, Initiativen zu Erneuerung pastoraler Arbeit. Prälat Spelthahn wies darauf hin, dass in Zukunft die Unterstützung von Medienaktivitäten immer mehr an Bedeutung gewinnen werde.
Achillesverse jeder Hilfswerkstätigkeit – auch der von Adveniat – sind die Spendeneinnahmen. Bei Adveniat gingen im Geschäftsjahr 2000 rund 127 Millionen Mark als Spenden ein, etwa 2,72 Prozent weniger als im Vorjahr. Hinter dem Bistum Münster lag die Erzdiözese Freiburg beim Kollektenergebnis bei der Aktion 1999/2000 unter den deutschen Bistümern an zweiter Stelle. Das bislang größte Kollektenergebnis wurde mit rund 140 Millionen Mark bei der Aktion 1992/93 erzielt.
In der Essener Geschäftsstelle weist man darauf hin, dass die Einnahmen durch die Weihnachtskollekte langsam abnähmen, die Einzelspenden, Patenschaftszuwendungen und zweckgebundene Spenden jedoch stiegen. Allein die im Jahr 2000 gegründete Kardinal-Hengsbach-Stiftung für Adveniat-Projekte habe – Stand Frühjahr 2001 – bisher 2,6 Millionen Mark eingebracht.
Dass sich bei einer Arbeit in diesem Umfang auch Probleme einstellen, muss niemanden verwundern. Am Rande der Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates im Mai in der venezolanischen Hauptstadt Caracas fand ein Treffen mit Vertretern der Kirche in Deutschland und von Adveniat statt. Der Chronist der Freiburger Monatszeitschrift „Herder-Korrespondenz“ berichtet von der Aussage eines Bischofs am Rande dieses Kongresses, mancherorts herrsche in Lateinamerika die Mentalität: „Adveniat wird schon bezahlen.“
Ein anderer habe den „Paternalismus“, ein lateinamerikanisches Grundübel, angesprochen: Man erwarte das Heil gerne von draußen beziehungsweise von anderen, anstatt selbst tätig zu werden. Als Problem wird auch immer wieder die gerechte Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel unter den lateinamerikanischen Bistümern und Pfarreien genannt, mit anderem Worten: die nötige innerkirchliche Solidarität.

Eine Kollekte für fünf oder zehn Jahre?

40 Jahre Adveniat – in dieser Zusammenarbeit von Ortskirchen in Lateinamerika und Europa spiegelt sich die gesamte innerkirchliche Entwicklung in beiden Kontinenten wider. So geriet Adveniat in den 70er- und 80er-Jahren unweigerlich mitten in die innerkirchlichen Auseinandersetzungen um die so genannte „Theologie der Befreiung“ – in Lateinamerika selbst wie auch in Deutschland.
Die politischen, aber auch die kirchlichen Verhältnisse im südlichen Amerika haben sich unterdessen erheblich gewandelt. Bezeichnend, wenn Prälat Spelthahn in dem bereits erwähnten Interview den Wunsch äußerte, die Ortskirchen Lateinamerikas sollten „noch tatkräftiger“ zur Schaffung gerechterer Verhältnisse in ihren Ländern beitragen.
In einer Abschlusserklärung des Treffens von Caracas wurde gerade auch auf die schwierige wirtschaftliche und politische Lage des Subkontinents hingewiesen. In vielen Ländern Lateinamerikas herrsche weiterhin Gewalt, es fehle soziale Absicherung, Arbeitslosigkeit grassiere. Man stellt eine „Krise der Regierbarkeit“ in den Staaten Lateinamerikas fest. Es mangele an „politischer Führung, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist“.
Spelthahn erinnerte bei der Versammlung in Caracas daran, dass man bei der Einführung der Weih-nachtskollekte für Lateinamerika angenommen habe, Spendenaktionen dieser Art brauche es vielleicht für den Zeitraum von fünf, maximal zehn Jahren. 40 Jahre danach ist man von solchen Perspektiven weiter denn je entfernt. Nicht weil die bereits geleistete Hilfe gescheitert wäre, sondern weil das Ausmaß der Probleme innerhalb einer globalisierten Weltgesellschaft größer denn je ist.
Zur Bewältigung dieser Fragen soll die Kirche in Lateinamerika auch künftig in der Lage sein, einen gewichtigen Beitrag zu leisten. Damit sie dies kann, braucht es auch Adveniat. Gäbe es Adveniat nicht bereits seit 40 Jahren – man müsste es erfinden.

Klaus Nientiedt

Weitere Angaben zu Adveniat auch im Internet unter: www.adveniat.de