Mit der Eintragung der Insel Reichenau in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO rückt ein Kulturzentrum in unserer Erzdiözese in den Mittelpunkt des Interesses, das schon immer als einmalig galt. Drei romanische Kirchen sind auf der Insel im Bodensee zu finden. Ihr architektonischer Bestand, vor allem aber ihre Wandmalereien, gehören zum bedeutendsten Kulturerbe, dass uns das Mittelalter überliefert hat. Bernd Mathias Kremer stellt die Insel Reichenau vor.
Mittelalter pur
Mehr als ein kunsthistorisches Kleinod: Die Insel Reichenau gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO
Trotz der herausragenden religiösen,
kirchengeschichtlichen und kunstgeschichtlichen Bedeutung der
Reichenau ist sie bisher von den Auswüchsen des Massentourismus
verschont geblieben. Idyllisch im Bodensee gelegen,
bewirtschaftet von zahlreichen Gemüsebauern und einigen Winzern,
kann man hier bei einem sanften Tourismus noch Atem
holen. Ein Gang über die Insel vermittelt keine Hektik. Der
Spaziergang wird gekrönt von dem Besuch der drei Kirchen in
Oberzell, Mittelzell und Niederzell.
Standort einer kaiserlichen Pfalz
Nach der Quellenlage soll das Kloster in Reichenau-Mittelzell
bereits im Jahr 724 durch Bischof Pirmin auf Veranlassung Karl
Martells gegründet worden sein. Die Reichenau erlebte bald eine
große Blüte und wurde Standort einer kaiserlichen Pfalz.
Zahlreiche Kirchenbauten prägten, neben den jetzt noch
vorhandenen, die Insel. Die Äbte der Reichenau gewannen
politische Bedeutung im Reich. Hervorzuheben sind die Äbte Waldo
(786 bis 806) und Heito I: (806 bis 823), die zu den Beratern
Karls des Großen zählten. Abt Walafried Strabo (838 bis 849)
war nicht nur als Erzieher Karls des Kahlen tätig, sondern war
auch anerkannter und geschätzter Dichter.
Kaiser Karl III. förderte besonders das Kloster und wurde 888 in
Mittelzell bestattet. Wenn man vor seiner Grabplatte steht, wird
einem die historische Dimension bewusst, in der die Reichenau
steht. Die reichspolitische Verflechtung der Insel Reichenau wird
insbesondere durch Abt Heito III. (888 bis 913) deutlich, der
zugleich Erzbischof von Mainz war.
Die Bedeutung der Insel Reichenau ergibt sich jedoch keineswegs
nur aus ihrer Einbindung in die Reichsgeschichte. Hervorzuheben
sind vielmehr die herausragenden kulturellen Leistungen der Mönche,
insbesondere die Reichenauer Malerei und ihre Bibliothek, der
europäischer Rang zugesprochen wurde. Unter Abt Berno
(1008 bis 1048) wirkte auf der Insel Hermann der Lahme (
1054), der einer der gebildetsten Mönche des Mittelalters war
und dem der Text des Salve Regina zugeschrieben wird. Die
kulturelle Stellung der Insel in dieser Zeit ist noch heute in
den Malereien von Reichenau-Oberzell ablesbar; sie werden zu den
frühesten Monumentalmalereien des Mittelalters gezählt.
Dem Hochflug des Klosters im Mittelalter folgte der
Niedergang in späterer Zeit. Im 16. Jahrhundert wurde die Abtei
dem Fürstbistum Konstanz einverleibt. Nur ein kleiner Konvent
bestimmte fortan das klösterliche Leben auf der Insel, dem die Säkularisation
im Jahre 1803 ein definitives Ende setzte.
Im Herz der Insel steht das Reichenauer Münster. Es ist der
wichtigste Rest der historischen Klosteranlage, während die
Klostergebäude nur in sehr reduziertem Bestand auf uns übergekommen
sind. Als ältester Teil des Münsters wird das Ostquerhaus und
die Vierung aus dem 9. Jahrhundert eingestuft. Das Langhaus
stammt aus dem Ende des 10. Jahrhunderts. Dominiert wird der
Kirchenbau durch einen mächtigen Turm, dessen Geläute weit über
die Insel schallt. Mit dem spätgotischen Chor endet die
Bauperiode dieses Gotteshauses, von dessen geschichtlichem Glanz
zahlreiche Objekte in der Schatzkammer zeugen.
Die künstlerische Höhe der Malerei
Das heutige Erscheinungsbild des Münsters ist entscheidend geprägt
durch die Renovation der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
Anliegen dieser Renovation war es, den romanischen Charakter des
Münsters wieder deutlicher sichtbar zu machen. Hierzu erfolgten
erhebliche Eingriffe in den Bau, wie die Veränderung der Fenster
und die Entfernung der Flachdecken, die nach dem Vorbild der
Michaelskirche in Hildesheim durch Franz Schilling gemalt worden
waren. Ein lange anhaltender Gutachterstreit war dieser Maßnahme
vorausgegangen.
Insbesondere die Professoren Hecht und Tschira hatten sich gegen
die Freilegung des Dachstuhles gewandt. Tschira warnte vor einem
zu puristischen Vorgehen und dem Offenlegen des Dachstuhles. Nach
seiner Auffassung seien durch die damaligen Restaurierungsmaßnahmen
in Schaffhausen, Quedlinburg und Speyer Räume von erdrückender
Leere entstanden. Völlig anders wurde dies von dem
Landesdenkmalamt gesehen. Nach seiner Ansicht hat das
Mittelschiff durch die Erweiterung in den Dachraum eine
beeindruckende Mächtigkeit gewonnen.
Über die Richtigkeit dieser Maßnahme wird die Kunstgeschichte
entscheiden müssen. Wer Mittelzell betritt, kann jedoch nicht
ohne beeindruckt zu sein, vor dem offenen Dachstuhl stehen, der
in seinem wesentlichen Erscheinungsbild in das 12. Jahrhundert
datiert wird. Dieser Dachstuhl prägt den monumentalen Charakter
des Kirchenraumes, der durch wenige, aber bedeutende
Ausstattungsstücke akzentuiert wird, die seit der letzten
Restaurierung erheblich besser zur Geltung kommen.
Ein geschlossener Baukörper von großer Kraft stellt die St.
Georgskirche in Reichenau-Oberzell dar. Ihre Errichtung wird auf
Abt Heito III. (888 bis 913) zurückgeführt. Das heutige
Aussehen wird durch die Bautätigkeit des 10. und 11. Jahrhundert
geprägt. Von großer Wirkung ist der Innenraum mit seiner
kraftvollen Höhensteigerung zum Hochchor, der einen vorzüglich
gestalteten Zelebrationsaltar des Karlsruher Bildhauers Frido
Lehr erhielt.
Historische Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert zeigen uns ein völlig
anderen Kirchenraum, als denjenigen, den wir heute betreten. Die
Ausmalung war noch nicht entdeckt. Barocke Ausstattungsstücke
dominierten das Gotteshaus. In die Weltkunstgeschichte
ist diese Kirche mit der Entdeckung der Wandmalereien in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingegangen. Auch in ihrem
reduzierten Befund dokumentieren sie in einzigartiger Weise die künstlerische
Höhe, die die Malerei der Insel Reichenau erreicht hatte. Den
Wandmalereien der Insel Reichenau gilt seit ihrer Entdeckung das
besondere Interesse der kunstgeschichtlichen Forschung. In jüngster
Zeit sind sie von ausgewiesenen Experten restauriert worden. Die
Kirchengemeinden der Insel Reichenau sind für diesen großen
Einsatz des Landesdenkmalamtes dankbar. Frucht dieser
Arbeiten ist zugleich eine wesentliche Erweiterung unseres
Kenntnisstandes über die Malereien, die in umfangreichen
Publikationen ihren Niederschlag fanden.
Ein kulturelles und religiöses Zentrum
Im Jahr vor der Kaiserkrönung Karls des Großen konsekrierte
Bischof Egino von Verona die Kirche St. Peter und Paul in
Reichenau-Niederzell (799), die mit ihren zwei Türmen weit in
den Bodensee grüßt. Spätere Jahrhunderte haben aus diesem
romanischen Kirchenbau eine Rokoko-Kirche gemacht, bis die in der
ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstandenen Malereien des
Chores entdeckt wurden. Ihrer Freilegung folgte die Reduzierung
der Barockausstellung, während Stuckaturen und Malerei aus
dieser Zeit im Wesentlichen erhalten blieben. Der
mittelalterliche (veränderte) Bau hat durch die
Ausstattungselemente des 18. Jahrhunderts und die
mittelalterliche Chorausmalung eine Spannung erhalten, die den
ungewöhnlichen Reiz dieses Gotteshauses ausmacht.
Durch die Erhebung der Insel Reichenau zum Weltkulturerbe wird
die kunstgeschichtliche und geschichtliche Bedeutung der Insel
Reichenau anerkannt. Welchen kunsthistorischen Rang die Insel
einnimmt, zeigt allein die Tatsache, dass die Beschreibung der
Insel Reichenau im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler von
Georg Dehio, Baden-Württemberg II, 24 Seiten umfasst. Die Insel
Reichenau war im Mittelalter ein kulturelles und religiöses
Zentrum. Ihre Kirchen, in denen regelmäßig Eucharistie gefeiert
wird, sind auch heute ein solches geistliches Zentrum geblieben.
Die Insel Reichenau ist nicht nur kunsthistorisches Kleinod. Ihre
Bauten und Menschen werden von vielen geliebt und geschätzt.
Dieses kostbare Erbe zu erhalten ist für uns und zukünftige
Generationen eine große Aufgabe.
Bernd Mathias Kremer