Mit Gegensätzen leben
In diesem Jahr feiert man an der Mosel den 600. Geburtstag eines
der gebildetsten Männer des 15. Jahrhunderts, Nikolaus Cusanus.
Staat, Kirche und Wissenschaft würdigen diesen
Universalgelehrten.
Bei der Erinnerung an diesen Mann des ausgehenden Mittelalters
ist man auf atemberaubende Weise nahe bei den Fragen, die unsere
Gegenwart umtreiben.
Gegensätze waren für diesen Mann Ausdruck unausweichlicher
menschlicher Endlichkeit. Erst im absolut Größten, in Gott, im
dreieinigen Gott, fallen sie zusammen.
Nikolaus, der Mann aus Kues an der Mosel, denkt Gott als den aus
menschlicher Sicht radikal Anderen. Den Versuchen der Menschen,
über diesen Gott zu sprechen, zeigt er deutliche Grenzen auf:
Kein Name (kann) eigentlich dem Größten angemessen sein
..., da es das schlechthin Größte ist, zu dem nichts in
Gegensatz tritt.
Religionendialog, Kirchenreform, ob das Wissen um sein
Nichtwissen, wenn es darum geht, das Größte, Gott zu denken
zwischen diesem Mann und seinem Denken und unseren
heutigen Fragestellungen in Theologie und Verkündigung gibt es
eine direkte Verbindung.
Auf dem jüngst zu Ende gegangenen Kardinalskonsistorium ging es
und im Herbst dieses Jahres auf der nächsten ordentlichen
Vollversammlung der Bischofssynode wird es gehen um das Verhältnis
Papst und Ortskirche Cusanus, selbst wenn er später in
dieser Auseinandersetzung die Seite wechselte, gehört zu den
Begründern eines bekannten Lösungsansatzes in diesem nicht
neuen Thema, des Konziliarismus.
Oder der islamisch-christliche Dialog, wie ihn nun Papst Johannes
Paul II. mit seinem Besuch in einer Moschee in Damaskus
symbolisch zum Ausdruck gebracht hat Cusanus ist Vertreter
einer frühen pluralistischen Religionstheologie. Schon damals
bemühte er sich darum, Gemeinsamkeiten zwischen Koran und
Christentum aufzuzeigen.
Cusanus kann gerade heutigen Menschen Mut machen, in Vielfalt und
Unterschiedlichkeit nicht in erster Linie Gefahren und
Verunsicherung zu sehen. Einheit und Vielheit können miteinander
bestehen das ist eine tröstliche Botschaft: in einer sich
globalisierenden Kultur, in der es schwieriger wird, Identität
zu erwerben und zu bewahren; in einer Kirche, in der sich
zentrifugale Kräfte bemerkbar machen und berücksichtigt sein
wollen; in der Ökumene, in der die christlichen Kirchen auf
Einheit hinstreben. Und täte unserem Reden von Gott nicht auch
etwas von der kusanischen wissenden Unwissenheit gut?
Weniger tröstlich ist es da, dass den Gedanken dieses weit
vorausdenkenden Zeitgenossen des 15. Jahrhunderts
kirchenpolitisch kein Erfolg vergönnt war. Die Reformunwilligen
erwiesen sich als stärker. Damals.
Klaus Nientiedt