Männer zur Ansicht
Begegnung von Mann zu Mann beim Ersten Freiburger Männertag
Ob neue oder bewegte Männer, unsichere oder selbstbewusste Rollenspieler: Wie Männer so sind, sein sollen, sein können oder wollen ist Ansichts-sache. Dass sich das Hinschauen lohnt, zeigt das Programm eines Männertages, den verschiedene Organisationen in der Freiburger Katholischen Akademie veranstalten.
Wäre es nicht schön, wirklich
dabei zu sein? Nein, danke! Mag die Pappnase
inmitten der sterilen Einbauküche auch noch so ironisch
daherkommen, zur Identifikation taugt sie nicht. Auch die Plakate
der Männerkampagne werden die Zahl der
hauptberuflichen Väter nicht in die Höhe treiben, meint der
Autor und Journalist Thomas Gesterkamp, obwohl er gegen das
ehrenwerte Anliegen der Familienministerin eigentlich nichts
einzuwenden hätte: Mehr Spielraum für Väter will
Christine Bergmann mit der Plakataktion zum verbesserten
Erziehungsgeldgesetz beziehungsweise dem neuen Modell der Elternzeit
einräumen. Beide Elternteile sollen gleichzeitig erziehen und
arbeiten können; im Betrieb liegt die Obergrenze bei 30 Stunden,
dem häuslichen Engagement sind bestenfalls natürliche Grenzen
gesetzt.
Doch die Vorschläge aus dem Bundesfamilienministerium gleichen
bestenfalls dem viel zitierten Kurieren am Symptom, kritisiert
Gesterkamp. Solange der familiäre Rollentausch von oben
herab verordnet werde, das Übel der ungerechten Arbeitsteilung
aber nicht an der Wurzel gepackt, würden die Vollzeitväter die
Zwei-Prozent-Marke kaum überschreiten, sondern wie gehabt vor
allem Frauen zugunsten der Familie zurückstecken. Darum müssten
zuerst die Ursachen erforscht werden, die Männer und Frauen an
traditionellen Konstellationen festhalten lassen. Erste Pläne im
Familienministerium, lokale Männer-Netzwerke sowie praxisnahe Väterprojekte
zu fördern, hätten ein Schritt in diese Richtung sein können,
meint Gesterkamp. Diese seien jedoch auf der Strecke und davon übrig
nur der Papp-Kamerad geblieben, der jetzt durch Fernsehspots und
Kinosäle geistert.
Dennoch sind die Verhältnisse in den letzten vierzig Jahren
schon beträchtlich ins Rollen gekommen: Kaum ein Beruf, in dem Männer
und Frauen heute nicht selbstverständlich neben- und miteinander
arbeiten selbst die Bundeswehr, eine der letzten reinen
Männerbastionen, ist erstürmt, wenngleich noch nicht paritätisch
besetzt worden. Mag die Luft auf den akademischen Gipfeln für
Frauen noch dünn sein, auf dem Campus haben die Töchter der
Alma Mater ihre Kommilitonen längst überrundet, in der
Teilnahme wie in den Leistungszahlen.
Der Mikrozensus 2000 hat gezeigt, dass die
Schaltstellen in Politik und Gesellschaft nach wie vor fest in Männerhänden
liegen, von der Wirtschaft ganz zu schweigen. Immerhin: die
Zahlenverhältnisse verändern sich allmählich, weil immer mehr
gut ausgebildete Frauen sich eben nicht mehr auf die so genannten
traditionell weiblichen Domänen beschränken, sondern ihrer
beruflichen wie privaten Lebensführung Neuland erobern. Dass es
die neue Frau gibt, scheint gesichert. Aber wo bleibt der neue
Mann?
Auch der kommt, aber später und nicht immer ganz freiwillig.
Weil die Frauen nicht nur ihre eigene, sondern auch die Welt der
Männer verändert haben. Nicht zum ersten Mal sieht sich daher
der Bremer Männerforscher Walter Hollstein genötigt, seine
Geschlechtsgenossen zur aktiven Auseinandersetzung mit der
eigenen Identität aufzufordern. Jeder muss sich in seinem
Mann-Sein üben, verlangt er in seinem neusten Buch Potent
werden Das Handbuch für Männer (Verlag Huber, Bern
2001). Wenngleich der zeitliche Vorsprung der Frauen- gegenüber
der Männerbewegung hierzulande beträchtlich ist, bietet er doch
auch einen kleinen Vorteil: Mann kann von den Frauen lernen
zumindest, was das Prozedere der Suche nach der eigenen
Rolle betrifft.
Weil männerspezifische Veranstaltungen bei potenziellen
Zielgruppen immer noch auf Vorbehalte stoßen, will der Erste
Freiburger Männertag ein bewusst niederschwelliges
Angebot machen, wie Thomas Weiß, Leiter der Evangelischen
Erwachsenenbildung in Freiburg, erklärt, denn erfahrungsgemäß
tun sich Männer mit anderen Formen wie Männer-Gruppen und
-Wochenenden eher schwer. An der Veranstaltung am 19. Mai
in der Katholischen Akademie Freiburg sind insgesamt sieben
Organisationen beteiligt, sie steht allen interessierten Männern
offen, die sich auf die Ansichtssache Mann Männer
in Beziehung einlassen wollen.
Für Michael Wehner von der Freiburger Außenstelle der
Landeszentrale für politische Bildung ist es schon aus Gründen
der Politischen Korrektheit an der Zeit, nach den
Frauen auch die Männer mit einer entsprechenden Veranstaltung
zum Zuge kommen zu lassen. Da sich Männer immer noch sehr stark
über Arbeit definierten, solle mit dem Arbeitstitel Männer
in Beziehung gerade einmal der andere Aspekt des Männerlebens
beleuchtet werden.
Gelegenheiten dazu bietet der Männertag reichlich, sei es eher
pragmatisch wie beim Arbeitskreis Fair streiten, in
dem Norbert Wölfle vom Männerreferat der Erzdiözese die Suche
nach dem eigenen Konflikttyp begleitet, oder
spirituell, zum Beispiel bei einer Einführung in die christliche
Meditation mit dem Diözesan-Familienseelsorger Michael
Schweiger. Wer dem Mannsein eine Stimme geben möchte, kann sich
unter Anleitung von Hansjörg Schmidt (Universität Freiburg) von
alten und neuen Psalmen inspirieren lassen oder etwas
lebhafter den Trommelworkshop von Michael Merkel
(Atemtherapeut und Psychologe) besuchen.
Josef Lutz vom Männerbüro Freiburg bietet einen Arbeitskreis
zum Thema Körper, Sexualität und Gefühle an, und
auch beim Themenforum Beziehungen gestalten sich
abgrenzen, verlangen, kämpfen mit dem Gestaltpädagogen
Peter Wulf stehen Körperübungen und Körperausdruck im Zentrum.
Thomas Weiß von der Evangelischen Erwachsenenbildung wird sich
auf die Suche nach den Väter-Männern begeben: Vom Vater,
den ich habe; vom Vater, der ich bin. Der Freibur-ger
Psycho- und Körpertherapeut Christoph Bösch will kreative Anstöße
für Zwischenmännliches geben und lädt ein, auf
nicht alltägliche Weise in Kontakt zu kommen mit sich,
mit anderen Männern, mit der eigenen Lebenskraft, und zwar
mittels Körper- und Gestaltarbeit sowie Escrima,
einer Form des Stockkampfs. Auch Thomas Gesterkamp ist mit von
der Partie und wird seine Erfahrungen beim Freiburger Männertag
in den Workshop Männer im Spagat. Zwischen Beruf,
Partnerschaft, Kindern und Freizeit einbringen. Ein
durchaus attraktives Angebot also, so dass die Autorin wirklich
zu bemitleiden ist, wie einer der Veranstalter feststellt. Sollte
sie die Ansichtssache Mann am 19. Mai ebenfalls in
Augenschein nehmen wollen, der Einlass würde ihr verwehrt:
Geschlossene Gesellschaft exklusiv männlich.
Brigitte Böttner