Mehr als zehn Jahre ist es her, dass sich Polen zu einem demokratischen Land Mitteleuropas zu wandeln begann. Tief greifende Veränderungen in Staat, Gesellschaft und Kirche stehen an.

Schwieriger Übergang

Polens Kirche zehn Jahre nach der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa

Als Erstes spricht er von den sozialen Sorgen der Menschen in seinem Bistum. Seit anderthalb Jahren ist Jan Chrapek Bischof von Radom, einer Industriestadt von 250 000 Einwohnern einhundert Kilometer südlich von Warschau. Er ist zugleich auch Medienbischof der katholischen Kirche in Polen. „Wenn ich in die Pfarreien gehe, kann ich nicht von Gott sprechen, ohne die großen sozialen Probleme der Menschen zu berücksichtigen.“
Fünf Restaurants für Arme hat sein Bistum inzwischen eingerichtet, in denen jeden Tag 1500 Essen ausgegeben werden. Außerdem ein Zentrum, in dem sich die Menschen telefonisch Rat holen können, vom Priester und vom Schulfachmann, Psychologen und Psychotherapeuten, vom Anwalt und vom Drogenfachmann. Beratung als kirchliche Antwort auf den Systemwechsel. Im Fastenhirtenbrief des Jahres 2000 (Titel: „Nur die Liebe zählt“) befasste er sich mit Not und Armut, wie er sie in seinem Bistum wahrnimmt.
Was auf den ersten Blick, zumal für einen Nicht-Polen, nicht sonderlich spektakulär anmutet, bedeutet im Lande selbst einen grundlegenden Wechsel. In der kommunistischen Ära des Landes duldete der Staat die Kirche kaum auf diesem Gebiet. 1950 löste die Volksrepublik Polen die kirchliche Caritas auf – 1990 wurde sie wieder eingerichtet. Seit dem politischen Wechsel tritt Armut offener zu Tage und die Kirche wird zu einem bedeutenden Anbieter von sozialen Dienstleistungen. Für die Kirche bringt dies eine Umorientierung in ihrer Wahrnehmung der Gesellschaft mit sich. Chrapek: „Jede Vollversammlung der Bischofskonferenz beginnt heute mit einer Reflektion der sozialen Situation des Landes. Unmittelbar nach dem Wechsel hatten wir diese Sensibilität noch nicht.“

Strömungen, die überall Feinde wittern

Auch wenn Bischof Chrapek sicherlich nicht einfach ein durchschnittlicher Vertreter des polnischen Episkopates ist – an ihm zeigt sich eine Neuausrichtung der Kirche in Polen. Unter den polnischen Bischöfen gehört er zu denen, die die veränderte Situation annehmen wollen und vor falscher Nostalgie jenen Jahren gegenüber warnen, in denen die Kirche als mächtiger Hauptgegner des kommunistischen Systems dastand.
Polen und damit auch die Kirche dieses Landes befinden sich im Umbruch. Mehr als zehn Jahre nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft richten sich die Polen in einer für sie immer noch neuartigen demokratischen Gesellschaft ein. Das fällt gerade auch der Kirche nicht immer leicht. Früher bildete man eine Einheit gegen den kommunistischen Staat – heute steht man als Kirche nicht nur einer pluralistisch gewordenen Gesellschaft gegenüber, sondern alle möglichen Meinungsunterschiede reißen innerhalb der Kirche selbst auf. Bischof Chrapek kann die Entwicklung nicht bedauern: „In der kommunistischen Zeit waren wir in gewisser Weise künstlich geeint. In einem demokratischen Land ist das notwendigerweise anders.“
In den ersten Jahren nach der Wende hat es in dieser Hinsicht mancherlei Irritationen gegeben. Teile der Kirche ließen sich nur allzu gerne vor den Karren der politischen Rechten spannen. Dazu die Sozialethikerin Angela Dylus von der neuen (staatlichen) Warschauer Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität: „Im polnischen Katholizismus gibt es leider Strömungen und Gruppierungen, die überall Feinde wittern, die angeblich die Kirche vernichten wollen. Es sind Stimmen zu hören, die von einer Gefährdung christlicher und nationaler Werte sprechen. Extreme Elemente stellen die Situation der Kirche als die einer belagerten Festung dar.“
Die Radiostation „Radio Marija“ spielt hier eine auch innerhalb der katholischen Kirche Polens vielfach als problematisch angesehene Rolle: gerade wenn es um politische Fragen geht. Kein Dorf, keine Durchfahrtsstraße im Land, wo nicht Werbung für den Sender zu sehen ist. Der Sender und seine Förderer stellen einen Machtfaktor im Lande dar. Die bekannte Gleichsetzung polnisch = katholisch lebte nach der Wende in manchen Köpfen wieder auf. Eine Reihe von gesetzlichen Regelungen im Verhältnis von Staat und Kirche, bis hin zum Konkordatsabschluss zwischen Polen und dem Apostolischen Stuhl, heizten umgekehrt mancherlei antiklerikale Ängste wieder an.

Es geht nicht um politische Machtpositionen

Bischof Chrapek betont, auch die Bischöfe hätten aus diesen anfänglichen Schwierigkeiten gelernt. Zeitweise sei man den Rechtsparteien zu nahe gegenübergestanden. Auch Kontakte zu französischen und deutschen Bischöfen seien in dieser Hinsicht für die polnischen Bischöfe eine Hilfe gewesen. Man bemüht sich zunehmend um eine gelassenere Haltung gegenüber dem gesellschaftlichen Pluralismus. Ein Name, mit dem sich diese Bewusstwerdung der neuen Situation verbindet, ist der des langjährigen Sekretärs der Polnischen Bischofskonferenz und heutigem Leiter der Päpstlichen Akademie in Krakau, Bischof Tadeusz Pieronek.
Nicht nur das politische System ist heute ein anderes und die äußeren Handlungsmöglichkeiten haben sich für die Kirche verbessert – es wird von der Kirche auch ein anderer Typ von pastoraler Arbeit verlangt. Bis heute ist die Kirche in Polen eine ausgesprochen auf den Priester zentrierte Kirche. Bischof Chrapek macht deutlich, dass dies nicht so bleiben darf: „Wenn die Menschen nur dem folgen, was die Priester sagen, dann handeln sie nicht wirklich auf Grund von tiefen und persönlichen Überzeugungen.“
Auch er selbst, berichtet Chrapek, habe umdenken müssen. Er berichtet von einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, bei dem er mit einem Denken konfrontiert worden sei, das den Prozess des Dialogs betonte. „Was sollte das heißen? Ich tat mich schwer, dies nachzuvollziehen und war irritiert. Inzwischen beginne ich diese Veränderung zu verstehen. Partizipation und Dialog waren für uns in der kommunistischen Zeit keine Erfahrung.“ Nein-Sagen, so Chrapek, reiche heute nicht mehr. Man müsse als Kirche mithelfen, Mentalitäten zu verändern, aber es gehe nicht darum, politische Machtpositionen zu behaupten.

Priester sind überdurchschnittlich proeuropäisch

Wie ist es zehn Jahre nach der Wende um die religiöse Praxis des Landes bestellt? 91 Prozent der Polen sind Katholiken und nur zwei Prozent verstehen sich ausdrücklich als Nichtglaubende. Die Zahl der Gottesdienstbesucher liegt im Vergleich zu den Ländern Westeuropas immer noch erstaunlich hoch: Je nach der genauen Erhebung liegt sie bei 50 bis 60, zum Teil wird sie sogar mit über 60 Prozent regelmäßige Kirchgänger am Sonntag angegeben. Leichte Rückgänge gab es nach der Wende. Für die letzten Jahre zeigen die einschlägigen Untersuchungen, dass sich die religiöse Praxis der Polen weithin stabil verhält.
Aber auch in dieser Hinsicht tanzt Polen nicht völlig aus der Reihe. Wojciech Pieciak etwa von der Krakauer Wochenzeitung „Tygodnik Powczechny“ weist darauf hin, dass man sich in dieser Hinsicht nicht täuschen lassen dürfe. Bei aller Stabilität der religiösen Praxis werde zugleich auch immer selektiver geglaubt und vor allem in den Großstädten scheine die Kraft des Glaubens im praktischen Leben abzunehmen. Und er fragt, ob es wirklich ausreicht, wenn in seinem Land ständig eine vermeintlich verhängnisvolle „Verwestlichung“ gegeißelt werde.
Im Mittelpunkt der politischen Veränderungen in Polen steht die Frage der Annäherung des Landes an Europa. Widersprüchliche Haltungen prägen das Bild: Der Wunsch, zum geeinten Europa auch institutionell dazuzugehören ebenso wie Ängste in bezug auf absehbare Veränderungen im Land, gerade auch auf dem Gebiet der Landwirtschaft, aber nicht nur dort. Gerade auch der polnische Papst hat sich über Jahre hinweg bemüht, hier die Einstellungen zu öffnen für Europa. Der Chefredakteur der polnischen katholischen Nachrichtenagentur KAI, Marian Przeceszewski, weist darauf hin, dass Priester nach Angaben von Umfragen überdurchschittlich proeuropäisch eingestellt sind.
A propos polnischer Papst. Die Wahl des ehemaligen Erzbischofs von Krakau zum Papst in Rom gehört zu den wichtigsten Stationen im Leben der Kirche in Polen der letzten Jahrzehnte. Mit dem Papst in Rom fand man auch in schwierigsten Zeiten zum aufrechten Gang zurück. Die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosz wäre ohne den Papst in Rom kaum denkbar gewesen. Die Reisen des Papstes in sein Heimatland zeugten davon, wie viel dieses Land diesem Mann verdankt.
Das bedeutet jedoch nicht, als täte sich das Land heute leicht mit „seinem“ Papst. Dem Papst auf seinen Reisen in die Heimat zujubeln ist das eine, zu realisieren, was Johannes Paul II. den Katholiken seines Heimatlandes immer wieder ins Stammbuch schreibt, etwas ganz anderes. Selbstkritische Töne sind unüberhörbar. So fragte unlängst der Chefredakteur der Krakauer Monatszeitschrift Znak, Jaroslaw Gowin, ob die Politiker, die Johannes Paul II. bei seiner letzten Reise in sein Land eifrig beklatschten, etwa weniger empfänglich für Korruption seien.
Innerkirchlich geht dem Papst in seinem Heimatland der Ruf nach, Neuem oftmals aufgeschlossener gegenüberzustehen, als viele Katholiken seiner Heimat dies sind. Das bedeutet aber nicht, dass man Kritik am Papst äußern würde. Im Gegenteil. Der Chefredakteur des Tygodnik Powszechny, der Priester Adam Boniecki, verweist darauf, dass man in seinem Land heute „nicht normal über die Probleme dieses Pontifikates sprechen“ könne. Man dürfe im Grunde nicht öffentlich jene Fragen stellen, die der Papst sich selber stelle.
Zehn Jahre nach der Wende im politischen System Polens zeigt es sich, wie sehr sich dieses Land noch am Beginn nachhaltiger Veränderungen befindet. Der Kirche des Landes wird man Zeit einräumen müssen für die Bewältigung dieser Veränderung. Auch in Westeuropa sind die entsprechenden Entwicklungen nicht über Nacht vonstatten gegangen. Erkennbar ist jedenfalls, dass diese Fragen in Polen und anderswo nie nur die Beziehung der Kirche zu Staat und Gesellschaft betreffen, sondern tief eingreifen in das eigene kirchliche Selbstverständnis. Wie sagte es Bischof Pieronek einmal: „Das Hauptproblem der Kirche in Polen ist die Kirche selbst.“

Klaus Nientiedt