Mehr Jaschkes
Über Geschmack lässt sich
bekanntlich streiten. Interessant nur, dass dieser beliebte
Ausspruch eher andeutet, dass man eigentlich nicht streiten kann,
dass in einem konkreten Fall bestimmte Grenzen des Geschmacks überschritten
sind.
Die Ereignisse in den letzten Wochen in der Familie Kohl
strapazierten die Geschmacksnerven erheblich. Vielleicht war es
auch schon mehr als nur eine Frage des Geschmacks. Teile der
Medienöffentlichkeit stürzten sich in einer Weise auf das
Thema, dass man selbst als Mediennutzer ein ungutes Gefühl bekam
und unweigerlich hineingezogen wurde. Redaktionsschlüsse wurden
umgeworfen, um nur ja genug präsent sein zu können. Das
Kolportieren von Urteilen über Hannelore Kohl gab sich
distanziert-berichtend und wirkte doch wie ein fortgesetztes
Beurteilen und Bewerten, das wenig Gnade kennt.
Eine der ganz wenigen Stimmen, die sich dieser zum Teil
geschmacklosen Meinungsfreudigkeit verweigerten, war die des
Hamburger Weihbischofs Hans-Jochen Jaschke. Journalistenfragen
nach einer möglichen Schuld des in Berlin weilenden
Alt-Bundeskanzlers verweigerte er sich mit der Antwort, er halte
es für schäbig, hier weitere Vermutungen anzustellen. Er wolle
über nichts spekulieren.
Was hier an Grenzüberschreitungen gegenüber der Familie Kohl an
der Tagesordnung war, war durchaus keine Ausnahme, die die Regel
bestätigt. Ob in Politik, Sport oder Gesellschaft, wir bräuchten
mehr Jaschkes, die sich trauen, sich bestimmten Fragen gegenüber
zu verweigern. Wir beginnen uns daran zu gewöhnen, dass auch
Persönlichstes zu jedweder Medien-Erörterung zur Verfügung
steht.
Im Fall der Familie Kohl ist die Angelegenheit allerdings noch
komplizierter. Auch die Verteidigung der Familie Kohl gegen die
Allmacht der Medien geriet zur Medien-Inszenierung, und sei es
eine Anti-Medien-Inszenierung. Der Speyerer Dom wurde behandelt
wie eine Privatkapelle Fotografen und Kameraleute waren
nicht zugelassen, auch nicht was durchaus möglich gewesen
wäre in begrenztem Umfang.
Und der Geistliche, der der Feier vorstand, ein Vertrauter der
Familie Kohl, trug in der Predigt eine Deutung vor, die ebenso
gut die Ansicht des ansonsten schweigenden Helmut Kohls hätte
sein können: Zwischen dem Tod von Hannelore Kohl und der
Medienkritik an der Spendenaffäre des Alt-Bundeskanzlers stellte
er einen Zusammenhang her.
Wenn geschwiegen werden soll, kann nicht nur die eine Seite
schweigen. Der tragische Tod von Hannelore Kohl geriet auf diese
Weise eher zur Fortsetzung eines die Grenzen des guten Geschmacks
überschreitenden Schlagabtausches. Schade.
Klaus Nientiedt