Machen Strahlen von Mobilfunkanlagen krank? Auf die Frage kann die Wissenschaft bisher keine eindeutige Antwort geben. Zumindest aber kann eine solche Anlage im Kirchturm eine Pfarrgemeinde krank machen. Beispiel: Wittnau bei Freiburg.

Unsichtbar, unhörbar, unriechbar

Über die Strahlung von Mobilfunkanlagen auf Kirchtürmen führen Gegner und Befürworter einen erbitterten Streit

Die Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Wittnau bei Freiburg hat ein Problem. Ein Pfarrer lehnt es aus Gewissensgründen ab, in der Wittnauer Kirche die heilige Messe zu feiern. Der Kantor weigert sich ebenso, musikalisch die Gottesdienste mitzugestalten wie eine Frau aus dem Kirchenchor und einige Lektoren. Der Grund: eine Mobilfunkanlage im Wittnauer Kirchturm. Sie sollte allen Handybesitzern auf der Gemarkung Wittnau, die bisher im Funkloch saßen, ungestörte Kommunikation ermöglichen.

Gekündigt wegen „unbilliger Härte“

Bereits Anfang des Jahres 2000 hatte der Pfarrgemeinderat mehrheitlich beschlossen: Wir vermieten den Turmspeicher der Telekom für 6000 Mark jährlich, damit die dort ihre Sendeanlage aufbauen kann. Als der Beschluss im Ort öffentlich wurde, begannen die Diskussionen. Vergangenen Herbst sammelte eine Bürgerinitiative 400 Unterschriften gegen die Anlage, also von einem Drittel der Wittnauer Bürger.
Der Mietvertrag war aber unterschrieben. Die Telekom errichtete den Sendemasten und nahm ihn Ende März in Probebetrieb. Fast zeitgleich kündigte die Pfarrei angesichts der massiven Proteste den Vertrag „wegen unbilliger Härte“: „Die aufgebrachte und polarisierte Stimmung in Wittnau droht die Einheit unserer Pfarrgemeinde zu zerstören“, heißt es in dem Schreiben an die Telekom.
Die Emotionen kochen hoch in der Gemeinde. Einige Einwohner haben Angst davor, dass die Strahlen krank machen. Darüber gibt es nach wie vor keine gesicherten Erkenntnisse. Zwar existieren mittlerweile mehr als 4000 Studien, wie sich elektromagnetische Felder – die auch in der Nähe von Bildschirmen, Mikrowellen oder Gewittern entstehen – auf den menschlichen Organismus auswirken. Aber sie widersprechen sich. Einerseits gibt es offenbar kaum Hinweise auf Gefahren, andererseits genügen die bisher erhobenen Daten nicht, um das Risiko zu bewerten. Im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO untersuchen derzeit Wissenschaftler, ob elektromagnetische Felder Krebs auslösen können. Mobilfunkgegner fürchten außerdem, dass die Strahlen Schlafstörungen, nachlassende Gedächtnisleistungen und erhöhten Blutdruck verursachen. Erste Ergebnisse der groß angelegten WHO-Studie sollen 2003 vorliegen.
In Wittnau hat die Fachhochschule Offenburg die Strahlung gemessen. „Die Ergebnisse liegen um ein Tausendfaches unter den vom Bundesamt für Strahlenschutz vorgegebenen Richtwerten“, sagt Peter Aßmann von der Telekom. Ähnliche Zahlen hätten sie besorgten Bürgern in anderen Pfarreien mit Mobilfunkanlage im Kirchturm mitgeteilt. „Daraufhin haben sich die Proteste erledigt.“ In Wittnau nicht. „Ich kenne in ganz Baden-Württemberg keinen vergleichbaren Fall“, so Aßmann.
Das zentrale Problem: Die Wellen sieht man nicht, hört sie nicht, riecht sie nicht. „So etwas löst Urängste aus“, sagt Johannes Baumgartner vom Erzbischöflichen Ordinariat in Freiburg. Das Bistum gibt keine offizielle Linie vor, wie sich die Pfarrgemeinden zu verhalten haben, wenn ein Mobilfunkbetreiber in ihrem Kirchturm eine Anlage errichten möchte: „Wir raten niemandem ab, aber auch nicht zu.“ Hauptargument der Pfarreien, die sich dafür entscheiden: Wir wollen den Menschen das mobile Telefonieren ermöglichen. Die Miete, die die Betreiber überweisen, spielt eine eher untergeordnete Rolle. Meist sind es nicht mehr als 10 000 Mark im Jahr. Das Ordinariat hat einen Mustervertrag erarbeitet, außerdem versorgt es Pfarreien mit Informationsmaterial. 50 bis 70 Sender in Kirchtürmen sind mittlerweile in der Diözese in Betrieb.
„Wenn wir den Eindruck hätten, dass davon eindeutige Gefahren ausgehen, würden wir sie mit Sicherheit verbieten“, betont Johannes Baumgartner. Das hat etwa das Erzbistum München und Freising getan. Dort dürfen in Kirchtürmen keine Mobilfunkantennen stehen. In der Diskussion müsse damit gerechnet werden, dass es sonst zu Protesten und Spaltungen innerhalb der Pfarreien und bei verschiedenen Pfarrgemeinden zu einer unterschiedlichen Praxis kommen könne. Das wollte das Münchner Ordinariat verhindern.
Aber die Entwicklung scheint kaum aufzuhalten: Rund 55 Millionen Handys sind mittlerweile in Deutschland in Betrieb, versorgt von 33 000 Sendern. Kommendes Jahr soll der neue Übertragungsweg UMTS eingeführt werden, im Laufe der Zeit wird die Zahl der Mobilfunkanlagen auf 80 000 steigen, schätzen Experten. Das heißt: Vermietet eine Pfarrei ihren Kirchturm nicht, weichen die Betreiber mit ihrem Sender in der Regel auf ein Nachbargebäude aus, wenn Handys in dem Ort sonst keinen Empfang hätten.
Eine solche Alternative sieht Telekom-Mitarbeiter Aßmann in Wittnau nicht. „Wenn wir die Antenne im Kirchturm abbauen müssen, liegt der Ort künftig wieder im Funkloch.“ Das ärgert natürlich diejenigen, die mit ihrem Handy in Wittnau telefonieren wollen. Und: Knapp 85 000 Mark würde der Abbau laut Aßmann die Telekom kosten. Noch versucht der Betreiber deswegen, die Anlage zu halten: „Wir können nicht wegen ein paar aufgeregter Bürger den Vertrag auflösen.“ Was also sind die von der Pfarrei ins Feld geführten „massiven Proteste“? „Wenn das natürlich der halbe Ort ist, würden wir abschalten“, sagt Aßmann.

„Kirchturm ist kein sakraler Raum“

Mittlerweile hat die Pfarrei eine Sammlung von Beschwerdebriefen an die Telekom geschickt. Weiteres Argument neben den Gesundheitsgefahren: Der heilige Kirchenraum werde entwürdigt. Das wiederum hält Johannes Baumgartner vom Ordinariat nicht für relevant: „Der Kirchturm ist kein sakraler Raum.“ Er habe auch in der Vergangenheit nicht nur eine liturgische Funktion gehabt. Beispiele sind die Kirchturmuhr, die Glocken und Kirchtürme am Meer, die als Leuchtturm genutzt wurden.
Mancherorts werden Kirchtürme gerade deswegen als günstige Standorte akzeptiert, weil die Mobilfunkanlagen von außen nicht zu sehen sind und durch die Höhe ein relativ großer Abstand besteht. „In einigen Pfarreien wird gestritten, in anderen gibt es keine Probleme“, erklärt Johannes Baumgartner. Wo, will er aber lieber nicht sagen. So genannte „Vereine zum Schutz der Bevölkerung gegen Elektrosmog“ suchen nämlich das Land systematisch nach Sendeanlagen in Kirchtürmen ab und starten Protestaktionen oder sammeln Unterschriften. Sie organisieren Diskussionen und treten dort als Experten auf. Immer wieder begegne er den gleichen Leuten, sagt Telekom-Mitarbeiter Aßmann, mal in Bayern, dann in Baden-Württemberg, seit kurzem in der Pfalz. Nicht immer sei eindeutig, ob es ihnen um die Sache geht oder darum, Geld zu verdienen.
Wittnau ist überall: Egal ob sich eine Pfarrei für eine Mobilfunkanlage im Kirchturm entscheidet oder dagegen, sie wird immer Kritik einstecken müssen. Entweder von den Gegnern solcher Sender oder von denen, deren Handydisplay anzeigt: „Kein Netz.“ Johannes Baumgartner: „Das Thema zu diskutieren, ist unglaublich schwierig, weil die Debatte dermaßen emotional ist.“

Burkhard Schäfers