Legende oder Wirklichkeit?
Neue Forschungen nach den Ursprüngen des Christentums
Am 24. Dezember 1994 berichtete
die Londoner Times von einer Entdeckung des Papyrologen Professor
Carsten Peter Thiede: Er habe in einer Oxforder Bibliothek das
wahrscheinlich älteste erhaltene Fragment des Neuen
Testaments gefunden. Es handelt sich bei dem Fragment um
drei kleine Stücke eines Papyrus mit Texten aus dem Matthäusevangelium.
Durch einen Vergleich mit anderen antiken Handschriften versuchte
Thiede den Nachweis zu erbringen, dass dieser Papyrus nicht, wie
bisher angenommen, aus dem zweiten Jahrhundert stammt, sondern
aus der Zeit vor 70 nach Christus. In seinem Buch Der
Jesus-Papyrus hat Thiede diese These, die eine lebhafte
Diskussion auslöste, ausführlich dargelegt. Er geht in dem Buch
noch auf ein zweites Fragment aus Qumran ein, welches einen Text
aus dem 6. Kapitel des Markusevangeliums aus der gleichen Zeit
enthalten soll.
Was zunächst nur für Fachleute von Interesse zu sein scheint,
besitzt weit reichende Bedeutung. Wenn die These von Thiede
zutrifft, sind die Evangelien um etwa eine Generation früher zu
datieren, als er der Ansicht der Mehrheit seiner Fachkollegen
entspricht. Dann stammen sie aus der Zeit der Augenzeugen.
Der Spielraum für Erfindungen ist dann geringer. Es
geht Thiede um einen Paradigmenwechsel. Wir dürfen,
schreibt er, die Evangelien wieder als ernst zu nehmende
historische Quellen behandeln statt als literarische Konstrukte
auf der Grundlage einer fälschlich für unzuverlässig
gehaltenen mündlichen Überlieferung. In gewisser
Fortsetzung zum Jesus-Papyrus ist jetzt von Thiede
das Buch Das Jesus-Fragment erschienen. In ihm
hinterfragt er die fest verankerte Meinung, dass die Legende von
der Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena unhistorisch
sei.
In eine ähnliche Richtung zielen die beiden Publikationen des
Wissenschaftsjournalisten Michael Hesemann. In dem Buch Die
Jesus-Tafel bemüht er sich mit geradezu kriminalistischer
Akribie um den historischen Nachweis, dass die in der römischen
Basilika Santa Croce in Gerusalemme aufbewahrte Tafel vom Kreuz
Jesu entgegen der gängigen Überzeugung echt sein könnte. Die
Tafel wäre dann das einzige zeitgenössische schriftliche
Dokument der Kreuzigung. Und das Johannesevangelium, das die
meisten Exegeten in das ausgehende 1. Jahrhundert datieren, wäre
zumindest in diesem Detail historisch erstaunlich exakt. In
Die stummen Zeugen von Golgatha dehnt Hesemann seine
Untersuchungen auf weitere Passionsreliquien aus.
Zwar hängt der Glaube nicht von der Datierung der Evangelien und
noch weniger von der Echtheit von Reliquien ab. Aber völlig
irrelevant ist die historische Dimension nicht, da das
Christentum auf geschichtliche Ereignisse Bezug nimmt. Der
Christus des Glaubens ist vom Jesus der Geschichte nicht zu
trennen. Alle vier Bücher sind geeignet, eine Diskussion über
herrschende Lehrmeinungen neu zu entfachen. Die Skepsis gegenüber
der Geschichtlichkeit biblischer und früher
kirchengeschichtlicher Ereignisse muss sich neu rechtfertigen.
Albert Käuflein
Hinweis: Am 1. März um 20 Uhr
spricht Professor Carsten Peter Thiede im Roncalli-Forum
Karlsruhe und Michael Hesemann am 4. April, ebenfalls um 20 Uhr.