Laute und leise Töne, Fremde und Freunde, Hitze und Erfrischung – KJG als Erlebnis. Zur Großveranstaltung „Eventure“ von Christi Himmelfahrt bis vergangenen Sonntag kamen 3000 Jugendliche aus ganz Deutschland nach Mannheim. Rund ums Schloss zeigte der Jugendverband seine bunte Vielfalt.

Mit Karneval im Mai „voll in“

Eventure in Mannheim: 3000 Jugendliche feiern, diskutieren und setzen ein Zeichen gegen Fremdenhass

„Hallo Aachen!“ Eine Menschentraube reckt die Hände in die Höhe, als von der Bühne aus der erste der 25 Diözesanverbände begrüßt wird. Musik: „Mir losse dr Dom in Kölle ...“ – „Hallo Köln!“ Der Jubel schwillt an. Mannheims Marktplatz mitten in der Innenstadt ist bevölkert von einer bunten Menge Jugendlicher – mit roten, gelben, blauen T-Shirts, Fahnen, Trillerpfeifen, Tüchern. Es sind 3000 junge Menschen aus ganz Deutschland, die hier Eventure eröffnen, das viertägige Fest der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG). „Keine Feier ohne Speyer!“ – „Hildesheim sprengt jeden Reim!“ Erst einmal machen sie ordentlich Krach. Die Akteure auf der Bühne haben sichtlich Mühe, gegen die Feierlaune anzukommen, als sie in einem etwas ernsteren Teil die Themen der Großveranstaltung setzen wollen. Als auch in die hinteren Reihen durchdringt, dass es um Toleranz gegenüber Fremden geht, gibt es trotzdem heftigen Applaus. „Enjoy the difference“ – „Spaß haben am Unterschied“, heißt die Kampagne, die die KJG in Mannheim startet. 800 Bilder malen die Kinder und Jugendlichen während Eventure, aus denen ein bungalowgroßes Transparent entsteht – das KJGedenkmal. Es wird durch ganz Deutschland touren, bis es Anfang Februar 2002 in Berlin ankommt. Da will die KJG Politikern mindestens 20 000 Postkarten übergeben, auf denen man zehn Forderungen ankreuzen kann, bis hin zur „Aufenthaltsberechtigung für alle illegalen AusländerInnen“. Manch einem gehen die Forderungen zu weit, sagt Martin Menzel, verantwortlich für die Kampagne: „Wir haben uns schon heftige inhaltliche Diskussionen geliefert.“
Auf der Bühne präsentiert ein Zauberer weitere Themen von Eventure: Umwelt, Kindermitbestimmung, Eine Welt. Schließlich wünscht die Mannheimer Dekanatsleitung „eusch alle a wunnerscheenes Eventure in Monnem“. Leichte Verständnisschwierigkeiten der Münsteraner KJGler: „Sind wir hier in Sibirien?“ Mit „Schubidubidu Eventure“ und „Olé super KJG“ setzt sich schließlich der mehrere hundert Meter lange Zug in Bewegung zum Veranstaltungsgelände am Schloss.
Dort noch einmal bedeutungsschwere Worte der Vorbereitungsgruppe zum Sinn und Ziel von Eventure: „KJG kann man nicht beschreiben, KJG kann man nur erleben, vor allem in seiner Vielfalt.“ Einen Eindruck davon bekommen die 3000 Jugendlichen am nächsten Tag, an dem sich die Diözesanverbände vorstellen. Ein Karnevalsumzug im Mai? Bei Eventure kein Problem.
Mit dem „Gaudiwurm“ machen die Bistümer aus Nordrhein-Westfalen auf sich aufmerksam. Auf Infotafeln zeigen die Ortsverbände ihre Themen. Das Bistum Bamberg hat ein Plakat entworfen mit kritischen Fragen und Wünschen an die Kirche – etwa dass sich der Gottesdienst mehr auf junge Leute einstellen solle. Beliebt sind die Mitmachangebote, einen Turm aus Getränkekästen bauen bei der KJG Speyer etwa oder das Weißwurstfrühstück im bayerischen Dorf.
An die 70 junge Menschen stehen am Abend beim Thomas-Morus-Musical auf der Bühne – Chor, Orchester und Darsteller aus der ganzen Diözese Freiburg. Nur dreieinhalb Wochenenden hatten sie Zeit zum Proben. Das Ergebnis begeistert nicht nur die 1000 Zuschauer. Jugendbischof Franz-Josef Bode lädt das Musical, das Josef Hofmann (Text) und Kai Armbruster (Musik) aus dem Dekanat Donaueschingen geschrieben haben, spontan in seine Heimatdiözese Osnabrück ein. Nach diesem Startschuss in die Kulturnacht haben neun Nachwuchs-Bands auf drei verschiedenen Bühnen ein dankbares Publikum. Die KJG feiert, mit Freunden und Fremden.
Und das Programm gönnt den Teilnehmern kaum eine Ruhepause. Aus rund 150 Workshops in den Bereichen Bildung, Freizeit, Politik und Spiritualität können sie am nächsten Tag auswählen. Über 20 Nachwuchs-Detektive suchen mit Kombinationsvermögen beim „Reality Scotland Yard“ in den Mannheimer Quadraten „Mister X“. Andere streifen auf der Suche nach dem richtigen Workshop durch die ehrwürdigen Gänge der Universität. Aus einem Hörsaal tönt „Bless the Lord my soul“, ein bunter Chor singt Gospels. Nebenan sammeln die Teilnehmer des Workshops „Volksentscheid“ Argumente, um sich für ihren Informationsstand in der Mannheimer Innenstadt zu wappnen. In einem Raum voller Monitore reden die „Fernsehjunkies“ über ihre Lieblingsserien. Ein Dutzend Jungs sind mit ihren selbst gebauten Bumerangs auf dem Weg zu einer Wiese am Rheinufer. In der Innenstadt suchen 150 Kinder nach dem entführten Veranstaltungs-Maskottchen, der Evente. Mit Hilfe von Mannheims Oberbürgermeister Gerhard Widder bringen sie es wieder zum Schloss.
Und dann ist da noch Paul Niedermann. Der 73-jährige gebürtige Karlsruher Jude hat die Deportation nach Gurs überlebt: „In wenigen Jahren, wenn es uns Zeitzeugen nicht mehr gibt, können nur Videos erzählen“, sagt er. „Aber die können nie eure persönlichen Fragen beantworten.“ Deshalb seien Gespräche mit der „dritten Generation“ so wichtig. Es gibt sie also doch, die ruhigen Akzente auf Eventure. So wie das „Himmelwärts“, ein Raum der Stille, in dem jeder sein Glaubensbekenntnis aufhängen kann. Angenehm kühl ist es hier, während die Hitze draußen für viele ein Motivationshemmnis darstellt. So besucht vielleicht die Hälfte der 3000 Teilnehmer einen Workshop. Die anderen bevorzugen Aktivitäten wie im Schatten liegen, die Beine im Brunnen kühlen oder Plantschen im Pool.
Auch Melanie, Viola und Daniela aus dem Bistum Aachen haben es nicht allzu lang beim Stadtrundgang durch das jüdische Mannheim ausgehalten. Sie sind schon wieder auf der Suche nach etwas Neuem. Frage des Reporters: „Warum seid ihr bei Eventure?“ Gespielt entrüsteter Blick von Daniela: „Also das ist doch wohl keine Frage, dass wir hierher kommen!“
Dazu passt das Motto „voll in“ des Abschlussgottesdienstes auf der Mensawiese, den Freiburgs Weihbischof Paul Wehrle gemeinsam mit den geistlichen Leitern Peter Dörrenbächer von der Bundes-KJG und Matthias Koffler vom Diözesanverband Freiburg zelebriert. „Voll in“, aber nicht was äußerliche Trends angeht, sondern die innere Gemeinsamkeit: „So wird das Treffen hier nicht irgendein Event und morgen schon vergessen, sondern ermutigend“, sagt Weihbischof Wehrle. „Junge Leute, die nicht einfach dem neuesten Gag hinterherlaufen, sondern zusammenhalten und mit Zuversicht nach dem Weg auf Leben in Fülle hin ausschauen.“

Burkhard Schäfers