Kommentar:
Wer fragt die Kinder?
Die rund 1000 kirchlichen
Kindergärten im Erzbistum Freiburg müssen noch flexibler
werden. Diese Botschaft wurde in den zurückliegenden Monaten des
öfteren transportiert zuletzt von der
Delegiertenversammlung der diözesanen Arbeitsgemeinschaft
Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) in
Rastatt (vergleiche konradsblatt 43/01, Seite 6).
Flexibler werden, das heißt auf der einen Seite:
verlängerte Öffnungszeiten. Immer mehr Kindergärten bieten
beispielsweise eine durchgehende Betreuung einschließlich
Mittagessen an. Berufstätige Eltern bringen ihre Kleinen am
Morgen und holen sie nach Feierabend wieder ab.
Flexibler werden, das bedeutet aber auch: ein
erhöhtes Angebot der Betreuung von Kindern unter drei Jahren.
Kindergärten müssen sich immer mehr zu
Dienstleistungszentren entwickeln und intensiver auf die
tatsächlichen Betreuungsbedürfnisse von Eltern eingehen,
heißt es auch von seiten des Diözesan-Caritasverbandes.
Bei der KTK-Tagung in Rastatt berichtete die Leiterin einer
Darmstädter Einrichtung von positiven Erfahrungen bei der
Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Die Einrichtung geht in
hohem Maße auf die Bedürfnisse der Eltern ein. So ist es
durchaus möglich, dass eine Erzieherin statt Mutter oder Vater
den notwendigen Arztbesuch mit dem Kind unternimmt.
Die Kirche als Trägerin von Kindergärten tut sicherlich gut
daran, sich der Entwicklung zu stellen. Eine Entwicklung, die
zudem von der Landespolitik forciert wird, die Kindergärten mit
flexiblen Öffnungszeiten und Betreuungsangeboten von Kindern
unter drei Jahren großzügig bezuschusst. Wollen sie
konkurrenzfähig bleiben, müssen auch die kirchlich getragenen
Kindergärten auf die gesellschaftlichen Veränderungen
reagieren.
Und doch braucht es in der Diskussion um die Flexibilisierung der
Kindergärten auch die kritischen Stimmen, die
Bedenkenträger, die dann, wenn alle ganz
toll oder kein Problem sagen, die einfachen und
wesentlichen Tatsachen zur Sprache bringen: Zweijährige Kinder
sind auch wenn sie das nicht immer artikulieren können
viel lieber bei ihren Eltern als in der
Kindertagesstätte. Und wenn sie schon zum Arzt müssen, dann
bitte mit Mama oder Papa und nicht so gern mit der Erzieherin.
Die Betreuungsbedürfnisse der Eltern sind das eine.
Die Bedürfnisse der Kinder aber müssen ebenso laut und deutlich
benannt werden.
Wenn immer mehr Eltern von kleinen Kindern aufgrund realer oder
vermeintlicher Notlagen kein anderer Ausweg bleibt, als die volle
Berufstätigkeit beider Partner, dann hat diese Gesellschaft ein
tiefgreifendes Problem, das nicht einfach durch die Erhöhung von
Betreuungsangeboten für Kinder unter drei Jahren gelöst werden
kann. Bei aller Offenheit für Veränderungen muss gerade die
Kirche als Kindergartenträgerin die oft vernachlässigten und
doch so naheliegenden Bedürfnisse der Kinder benennen.
Michael Winter