Kirchenkunst als Provokation
Positive Bilanz zum Abschluss des Kunstprojekts Kirchen(t)räume
Vom 10. Juni bis zum 10. September waren in acht katholischen und acht evangelischen Kirchen in Karlsruhe, Bad Bergzabern und Wissembourg 19 Kunstwerke installiert. Vorausgegangen war ein europaweiter Wettbewerb, zu dem über 500 Entwürfe eingereicht wurden. Drei Arbeiten wurden zum Abschluss des in ganz Deutschland einmaligen Projekts prämiert.
Unübersehbar waren die
Kalkflecken auf den drei runden Spiegeln in St. Stephan. Eine
Beterin spritzt da immer Weihwasser drauf, wusste eine Frau
zu erzählen. Offensichtlich gab es unterschiedliche Weisen der
Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen sakralen Kunst. Die
Spiegel waren bemalt und Teil eines Kreuzwegs und gehörten zu
dem jetzt zu Ende gegangenen ökumenischen Kunstprojekt Kirchen(t)räume
(siehe auch konradsblatt Nr. 23/01).
Urban Wunsch, der den Betrachtern die Kunstwerke in der
Karlsruher Hauptkirche erklärte, reagiert mit einem Lächeln:
Der Kreuzweg des Straßburger Künstlers Professor Daniel
Schlier erschließt sich dem Betrachter nicht ohne Erläuterung.
Dass man die Spiegel auch in ihrer ursprünglichen Funktion
nutzen konnte, bewiesen immer wieder Kirchenbesucher, die ihr
Aussehen überprüften. Fünf bis zehn Interessierte kamen im
Durchschnitt zu den zweimal wöchentlich stattfindenden Führungen
nach St. Stephan. Auch in anderen Gemeinden gab es
Begleitveranstaltungen.
Wie kaum eine Installation hat der Kreuzweg in St. Stephan die
Gemüter bewegt. Künstler sind eben ihrer Zeit voraus,
deutet Wunsch manches Unverständnis für die bisweilen ungewöhnlichen
Arbeiten. St. Stephan war als einzige Kirche mit drei Kunstwerken
ausgestattet. Nachts weithin sichtbar leuchtete über dem Dach
ein Heiligenschein eine spektakuläre Arbeit des Hamburger
Künstlers Ulf Reisener. Und in der mächtigen Kuppel der
klassizistischen Kirche hing eine große Leinwand. Auf sie wurde
von der Berliner Künstlerin Anna von Gwinner ein
Trampolinspringer projiziert, der unaufhörlich nach oben sprang.
Für Wunsch symbolisiert er das Bedürfnis des Menschen, immer höher
zu steigen. Nur während der Gottesdienste durfte der Sportler
ruhen.
Es sind Leute aus ganz Deutschland gekommen, freut
sich Dieter Holderbach. Der Pfarrer von St. Stephan und Dekan von
Karlsruhe zieht eine positive Bilanz des in der Tat mutigen
Unternehmens, moderne Kunst und Kirche zusammen zu bringen. Viele
Pfarrer haben in Predigten versucht, die Botschaft der Künstler
zu erschließen. Eines ist den Organisatoren in jedem Fall
gelungen: Sie haben über die Kunstobjekte Glauben und Kirche ins
Gespräch gebracht.
Albert Käuflein
Sieg für den Trampolinspringer
Die Preisträger des Kunstprojekts Kirchen(t)räume
Mit der Übergabe von drei Preisen
zu je 10 000 Mark wurde das ökumenische Kunstprojekt
Kirchen(t)räume offiziell abgeschlossen. Zahlreiche
Künstler, Architekten und Theologen kamen zu einem ökumenischen
Gottesdienst und einer feierlichen Finissage in der
Karlsruher Stephanskirche zusammen.
Der Preis der Jury fiel auf die in der Stephanskirche angebrachte
Video-Projektion Trampolinspringer der Berliner
Künsterin Anna von Gwinner. Michael Heck, Leiter des
Kulturreferates der Stadt Karlsruhe und Mitglied der Jury,
würdigte das Kunstwerk: Grundlage für Aufschwünge in
eine neue Wirklichkeit im christlichen Sinne ist der
Glaube, so Heck. Ihn sieht man ebenso wenig, wie das
Trampolin in der Installation.
Viele Bürgerinnen und Bürger werden es sicher bedauern, dass
mit dem Ende des Kunstprojektes auch die Außeninstallation
Heiliger Schein über der Kuppel von St. Stephan
wieder verschwindet. Diese Arbeit von Ulf Reisner aus Hamburg
wurde mit dem Preis der Sponsoren ausgezeichnet. Den Preis der
Kirchengemeinden erhielt der Ellwanger Künstler Rudolf Kurz für
seine 14 Stelen Spuren Christi, die in der
Peter-und-Pauls-Kapelle im elsässischen Weissenburg zu sehen
waren.
Als Mitverantwortlicher für das Projekt dankte der Karlsruher
Dekan Dieter Holderbach namentlich dem Künstlerehepaar Barbara
Jäger und Omi Riesterer. Ohne deren Engagement bei der Betreuung
der Teilnehmer sowie beim zweimaligen Auf- und Abbau der Modelle
der über 500 eingesandten Arbeiten für das Preisgericht und
für eine Ausstellung in der evangelischen Stadtkirche wäre das
Projekt nicht durchführbar gewesen.
Dass die Kunstwerke durchaus gemischte Reaktionen hervorriefen,
liegt auf der Hand. In ausgelegten Büchern konnten sich die
Kirchenbesucher schriftlich äußern und sowohl ihrer Freude als
auch ihrem Ärger über die Projekte Luft machen. Die Aussage
ich bin begeistert war darin ebenso zu finden wie das
Urteil: Die Bilder sind eine einzige Katastrophe.
Ebenso wie Dekan Holderbach zog auch Pfarrer Alfons Bechtold von
der Pfarrkirche Unserer Lieben Frau in der Karlsruher Südstadt
eine positive Bilanz des Projekts. Es sei wichtig, eventuelle
Berührungsängste zwischen Kirche und moderner Kunst abzubauen,
so Bechtold. Wir brauchen heute mehr denn je das Gespräch,
vor allem mit denen, die unsere kirchliche Sprache nur noch
schwer oder gar nicht verstehen. Ähnlich äußerte sich
Rosemarie Vollmer, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft
Christlicher Künstler im Erzbistum Freiburg: Gut, dass die
Kirchen den Mut hatten, ihre Tore für die heutige Kunst und
deren Schöpfer und Betrachter zu öffnen.
Bernhard Wagner