Kirche in Bewegung

Das Jahr 2001 im Erzbistum. Ein Rückblick

2001 – das war aus Sicht der Erzdiözese Freiburg sozusagen ein Jahr zwischen zwei Jubiläen. Zwischen dem weltweit begangenen „Heiligen Jahr“ 2000 und dem 175jährigen Jubiläum des Erzbistums, das 2002 gefeiert wird. Trotzdem war dieses Jahr alles andere als ruhig. Im Gegenteil: Die Kirche von Freiburg war in Bewegung. Und das Jahr hatte seine Höhepunkte. Traurige wie schöne.

Wie im vergangenen Jahr, so kann als wichtigstes diözesanes Ereignis die Ernennung und Weihe eines neuen Weihbischofs vermerkt werden. Mit Domkapitular Bernd Uhl, der am 1. Mai im Freiburger Münster von Erzbischof Oskar Saier geweiht wurde, ist die Bistumsleitung vorerst „komplett“. Diszipliniert, verlässlich, nüchtern und zurückhaltend – mit diesen Attributen wurde Bernd Uhl immer wieder treffend charakterisiert. So gradlinig die „Karriere“ des gebürtigen Karlsruhers im Nachhinein erscheint, so wenig hat er sie angestrebt. Das Amt kommt zum Mann und nicht der Mann zum Amt, so heißt es in der Politik. Dieser Grundsatz trifft auf Weihbischof Uhl zu.

Jugendarbeit: Großes Potential

Nur einmal in diesem Jahr war das Freiburger Münster noch voller besetzt als am Tag der Bischofsweihe. Aus traurigem Anlass: Am öku-menischen Trauergottesdienst drei Tage nach den Terroranschlägen in den USA nahmen tausende Menschen aller Altersstufen, Christen wie Nichtchristen teil. Erzbischof Saier brachte die Hoffnung und den Trost des christlichen Glaubens zur Sprache. Gleichzeitig stellte er die Frage, ob Menschen aus eigener Initiative überhaupt zu einer solchen Tat fähig sind oder ob es nicht vielmehr ein „satanischer Hass“ ist, der sie antreibt. Fertige Antworten und Deutungen erwartete niemand in diesen Tagen. Und doch war es erstaunlich, dass sich so viele Menschen in scheinbar selbstverständlicher Weise auf die Kompetenz, Sprache, Gebete und Symbole der Kirche einließen.
Die Verantwortlichen der kirchlichen Jugendverbände im Erzbistum können am Silvesterabend gleich auf drei gelungene Großveranstaltungen anstoßen. Den Anfang machte die Katholische Junge Gemeinde (KJG). Unter dem Motto „eventure 2001“ organisierte der KJG-Diözesanverband Freiburg eine mehrtägige Großveranstaltung in Mannheim, zu der 3500 KJGlerinnen und KJGler aus ganz Deutschland kamen. Im August folgte die Internationale Ministrantenwallfahrt nach Rom. Die Freiburger stellten dabei mit 4500 Ministrantinnen und Ministranten die größte Gruppe: ein Viertel aller deutschen und ein Fünftel aller europäischen Teilnehmer.
Der Höhepunkt aus Sicht der Jugendverbände folgte dann im Oktober: An der 72-Stunden-Aktion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum Freiburg beteiligten sich über 7000 Kinder und Jugendliche, die an vielen verschiedenen Orten insgesamt 313 soziale Projekte verwirklichten. Dazu kam, dass der Pop-Sender SWR 3 sein Radioprogramm umstellte und somit die BDKJ-Aktion in ganz Südwestdeutschland bekannt machte.
Dass die kirchliche Jugendarbeit trotz dieser beeindruckenden Veranstaltungen keineswegs ein Selbstläufer ist, wissen die Verantwortlichen in den Gemeinden und Seelsorgeeinheiten nur zu gut. Trotzdem gilt: Es gibt ein erstaunlich großes Potential von Kindern und Jugendlichen, die sich für die Angebote der kirchlichen Jugendarbeit interessieren. Darauf lässt sich auch auf Gemeindeebene aufbauen – vorausgesetzt, die Jugendlichen haben es mit glaubwürdigen, sensiblen und engagierten Leitungspersonen zu tun.
Schnell und relativ reibungslos gehen die strukturellen Veränderungen in der Seelsorge voran. Bis zum Beginn des neuen Jahres werden diözesanweit bereits weit über 50 Seelsorgeeinheiten errichtet sein. Die Verantwortlichen im Ordinariat berichten von „ermutigenden Erfahrungen“ und davon, dass die angesichts der Errichtung einer Seelsorgeeinheit notwendigen Gespräche vor Ort oftmals auch zu einer „fruchtbaren Auseinandersetzung“ mit der Frage nach dem Profil der eigenen Pfarrgemeinde führen. Möglich, dass eine solche Diskussion mancherorts unterblieben wäre, wenn alles einfach so weiterliefe wie bisher.
Dass es aber nicht einfach so weiterlaufen kann, dass es parallel zu den unumgänglichen strukturellen Veränderungen grundlegender pastoraler Überlegungen – ja, so etwas wie eines „Neuaufbruchs“ bedarf, wurde im zurückliegenden Jahr so häufig betont wie seit langem nicht mehr. „Aufhänger“ für diese Diskussion war und ist das vielbeachtete Wort der Deutschen Bischofskonferenz „Zeit zur Aussaat“, in dem der missionarische Auftrag der Kirche thematisiert wird. „Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können“, sagte der Vorsitzende der Pastoralkommission der Bischofskonferenz, der Erfurter Bischof Joachim Wanke vor Jahresfrist bei der Vorstellung des Papiers.
Erzbischof Oskar Saier hat diesen Text in den letzten Monaten immer wieder in den Vordergrund gerückt. Aus gutem Grund. Denn die darin geforderte missionarische Pastoral ist nicht einfach einer von vielen möglichen und gleichwertigen pastoralen Schwerpunkten, sondern eine Grundbedingung, die jeglichen pastoraler Aktivitäten vorausliegt.
Der Erzbischof stellte das Thema zunächst in den Mittelpunkt seines diesjährigen Fastenhirtenbriefes und gab die Frage der Bischofskonferenz an die Kirche von Freiburg weiter: „Wie kann der Weg markiert werden, den Christen in unserer Zeit gehen können, und wie können sie andere zur Weg-Gemeinschaft im christlichen Gottesglauben einladen?“
Das Thema „Missionarisch Kirche sein“ prägte auch die fünf „Tage der pastoralen Dienste“, zu denen jeweils die hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeladen waren. Referenten waren neben den Bischöfen Joachim Wanke und Kurt Koch (Erfurt, Basel) die Churer Professorin Eva-Maria Faber und Professor Andreas Wollbold aus Erfurt. Rund 1000 Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten, Kirchenmusiker sowie die Bistumsleitung kamen zu diesen Treffen in Engen, Mosbach, Kirrlach, Freiburg und Bühl-Kappelwindeck zusammen – allesamt Multiplikatoren, die das Anliegen einer missionarischen Pastoral in die Gemeinden tragen sollen.
Eine Tagung zum Thema „geistliche Gemeindeerneuerung“ in Rastatt sowie ein von der Abteilung Seelsorge im Ordinariat herausgegebenes Praxisheft mit dem Titel „Als Seelsorgeeinheit Profil entwickeln. Impulse zur Gemeindeentwicklung“ hatten eine ähnliche Stoßrichtung: Strukturen sind das eine. Viel gewichtiger ist gemäß „Zeit zur Aussaat“ die Frage, wie aus einer Pfarrei eine profilierte und lebendige Gemeinde wird, in der suchende und fragende Menschen zum Glauben finden können.
An vielfältigen Beratungsangeboten für die Gemeinden sowie an unterschiedlichen Modellen geistlicher Gemeindeerneuerung mangelt es nicht. Und diese Vielfalt entspricht durchaus der unterschiedlichen Situation, Mentalität und Geschichte der Pfarrgemeinden. Vielleicht aber bedarf es – als gemeinsame Grundlage der verschiedenen Angebote – zukünftig noch einer stärkeren Herausarbeitung der wesentlichen theologischen Aspekte der Gemeindepastoral. Das könnte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort helfen, die notwendigen Prioritäten zu setzen und Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden.

Ein „Freiburger“ Kardinal

Durch die Wahl eines neuen Abtes und einer neuen Äbtissin rückten im vergangenen Jahr auch zwei alte und traditionsreiche Klöster im Erzbistum ins Blickfeld der Öffentlichkeit: In Beuron wurde Theodor Hog, der bisherige Prior der Benediktinerabtei zum neuen Erzabt gewählt und geweiht. Er trat die Nachfolge von Erzabt Hieronymus Nitz an. Der Konvent der Zisterzienserinnen des Klosters Lichtenthal in Baden-Baden wählte Schwester Maria Bernadette Hein zur neuen Äbtissin. Sie ist Nachfolgerin von Äbtissin Adelgundis Selle. Die Freude über diese Weihen kann freilich den Blick auf die Nachwuchsprobleme der Orden nicht verstellen. Eine Gemeinschaft musste in diesem Jahr sogar ihre Tore schließen: Das Kloster der Frauen vom Heiligen Grab in Baden-Baden, nicht weit von Lichtenthal.
Zum Schluss noch die Personalie des Jahres: 33 Jahre nach dem Tod des aus Riedböhringen stammenden legendären Konzilstheologen und Jesuiten Augustin Bea hat das Erzbistum Freiburg wieder einen Kardinal: Karl Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Gebürtig aber ist er in Sigmaringen. Und er ist Freiburger Diözesanpriester.

Michael Winter