Kirche ist kein Museum
In der Kirche, auch in der
kirchlichen Presse, gelten zuweilen Sätze als mutig,
obwohl sie eigentlich nur Selbstverständliches zum Ausdruck
bringen. So ähnlich ist es auch mit dem Ausspruch von Kardinal
Walter Kasper, der gesagt haben soll: Ich will den vollen
katholischen Glauben erhalten, aber das geht nicht, indem man aus
der Kirche ein Museum macht.
Der neue Präsident des vatikanischen Einheitsrates wollte sicher
nicht schlecht über Museen sprechen, sondern sagen: Den vollen
katholischen Glauben erhalten kann man nicht, wenn man nicht auch
Entwicklung, Veränderung, Wandel vorantreibt. Damit bringt der
neue Kardinal etwas damit zum Ausdruck, was gegenwärtig viel
weniger selbstverständlich ist, als es klingt.
In einer Zeit, in der Orientierung für manchen schwerer geworden
ist, sucht man hier und da (wieder) nach dem tatsächlich oder
vermeintlich Unwandelbaren. Dabei kann es passieren, dass man
nicht Gott selbst für den Fels in der Brandung hält, sondern
die Art und Weise, in der in der Vergangenheit kirchliches Leben
gestaltet wurde. Kasper erinnert mit seiner Bemerkung daran, dass
Glaube und Kirche nur unter den Bedingungen der Geschichte zu
haben sind.
Ins Museum stellt man eine Geschichte, die abgeschlossen ist. Die
Geschichte des Christentums ist nicht abgeschlossen. Die Lieder,
die wir im Gottesdienst singen; die Kirchen, die wir bauen, um
uns darin als Christen zu versammeln; die Gebete, mit denen wir
Gott loben und ihm unsere Sehnsucht nach Sinn entgegenrufen; die
Bilder, in denen wir von ihm sprechen; die Formeln, in denen wir
unser Bekenntnis zum Gott der Bibel zusammenfassen; die Riten,
die wir vollziehen, um damit auf das Handeln Gottes an uns
Menschen zu verweisen; die Institutionen, die sich Kirche und
Christentum geben so altehrwürdig dies alles auch ist, es
ist nicht bloße Vergangenheit.
Christen leben ihren Glauben als heutige Menschen, und tun dies
durchaus nicht in jeder Hinsicht so wie die Menschen vor ihnen.
Sie tun es in heutiger Sprache und heutigen Begriffen, mit
heutigen Fragen und heutigen Perspektiven. Wer dies bejaht,
verzichtet nicht auf den einen, katholischen und apostolischen
Glauben.
Die Geschichte des Glaubens und die Geschichte der Menschen mit
dem Glauben der Bibel geht weiter. Auch in Kirche und Christentum
kann sich niemand auf dem ausruhen, was Generationen vor ihm
gestaltet haben. Der Glaube will neu ausgesagt, neue Lieder
wollen gesungen, neue Institutionen geschaffen werden.
Die Einberufung eines außerordentlichen Kardinals-Konsistoriums
durch Johannes Paul II., die Überlegungen, wie sie jetzt auch
Kardinal Kasper über ein neues Konzil anstellt Vorgänge
wie diese regen die Fantasie an, ob vielleicht Vorwärtsentwicklung
auf einigen überfälligen Reform-Feldern möglich werden könnte.
Zu voreiliger Euphorie siehe den überraschenden
Papstbrief an die neuen deutschen Kardinäle besteht kein
Anlass. Aber viele warten darauf.
Klaus Nientiedt