Kühleres Klima

Zwei Jahre nach der Verabschiedung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ zwischen dem Lutherischen Weltbund und dem Vatikan ist die Hoffnung auf weitere entscheidende Schritte in der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten einer tiefen Ernüchterung gewichen. Das am Reformationstag erschienene Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen“ thematisiert in selbstbewusster Spra-che sowohl das Kirchenverständnis als auch die ökumenischen Zielvorstellungen der EKD.
Mit Recht wird dieser Text als die evangelische Antwort auf die im Herbst 2000 erschienene päpstliche Instruktion „Dominus Iesus“ gewertet. Daraus ging hervor, dass die Kirchen der Reformation aus offizieller katholischer Sicht lediglich „kirchliche Gemeinschaften“ sind und nicht Kirchen „im eigentlichen Sinn“.
Gemeinsam ist beiden Texten die Tatsache, dass das spezielle Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken nur in wenigen Passagen thematisiert wird. Die allerdings sprechen dann eine umso deutlichere Sprache: Im EKD-Papier wird in nüchternen Sätzen festgestellt, dass evangelischerseits der Notwendigkeit und Gestalt des Petrusamtes, dem Verständnis der apostolischen Sukzession und des kirchlichen Amtes, der Nichtzulassung von Frauen zur Priesterweihe und dem Rang des Kirchenrechts in der katholischen Kirche „widersprochen werden muss“. Natürlich bekunden beide Seiten ihren guten Willen zur Ökumene. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass das Klima merklich kühler geworden ist. Zumal das Papier der EKD deutlich macht, dass es nicht nur die kontroversen Auffassungen über Einzelthemen sind, die zwischen der katholischen und evangelischen Kirche stehen. Vielmehr wird auch die Frage nach dem Ziel aller ökumenischen Bemühungen, nach dem, was unter der Einheit der Kirche überhaupt zu verstehen ist, unterschiedlich beurteilt.

Das alles ist nicht wirklich neu. Aber selten lagen die Positionen so offen und ungeschönt auf dem Tisch. Und jetzt? Weiterdenken, weiterreden, weitermachen. Was sonst?

Michael Winter