Keine Angst vor der historischen Wahrheit
Es gibt Dinge, die dürften
absolut nicht passieren. Und doch passieren sie. So ist es mit
dem Scheitern der Arbeit der jüdisch-katholischen
Historikerkommission, die sich mit der Rolle des Vatikans und während
des Zweiten Weltkriegs beziehungsweise des Holocaust beschäftigen
sollte (siehe auch Seite 3).
So sehr das vorzeitige Ende der Arbeit dieser Kommission zu
bedauern ist, wirklich überraschend kam es nicht. Zwischen 1965
und 1981 war dieses Thema innervatikanisch bereits bearbeitet
worden: Unter der Leitung des Jesuiten Pierre Blet entstand
nicht zuletzt als Antwort auf die Vorwürfe à la Rolf
Hochhuths Stellvertreter eine elf Bände
umfassendende Dokumentation.
Diese Arbeit galt es nun kritisch zur Kenntnis zu nehmen und
ausgehend davon weitergehende Forschungsfragen zu formulieren.
Ein zentraler Knackpunkt war von Anfang an die Frage, inwieweit
die sechs Forscher über die vorliegenden Bände hinaus auch
andere Materialien aus den vatikanischen Archiven zur Verfügung
stehen würden.
Dass die entsprechenden Teile des vatikanischen Archivs noch
nicht katalogisiert sind und nach den üblichen Fristen zur
Forschung noch nicht freigegeben sind, mag formal zutreffen, als
Antwort reicht dies nicht. Welcher Wissenschaftler würde sich
schon ernsthaft darauf einlassen, lediglich Materialien zu
sichten, die bereits veröffentlicht sind? Erfolg und Misserfolg
hingen insofern auch an der Frage, inwieweit man sich auf
vatikanischer Seite einen Ruck gibt.
Andererseits tat der weltweite öffentliche Druck der Arbeit
nicht gut. Forschungsarbeit dieser Art braucht Zeit und erfordert
Vertrauen unter den Beteiligten. Insofern trifft der
US-Erzbischof Keeler den Punkt, wenn er nicht zuletzt an
die jüdische Adresse gewandt für die künftige Arbeit
anmahnt, wissenschaftliche und politische Interessen auseinander
zu halten.
Das Scheitern der Arbeit der Historikerkommission bedeutet
und das ist entscheidend jedenfalls nicht, dass die jüdisch-katholischen
Beziehungen insgesamt nun in eine Krise geraten seien. Das gilt
auch trotz der jüdischen Widerstände gegen eine geplante
Seligsprechung von Pius XII. und gegen die vollzogene
Seligsprechung von Pius IX.
Der Besuch des Papstes in Israel vom vergangenen Jahr, ganz zu
schweigen von der Anerkennung Israels durch den Heiligen Stuhl
und dem Besuch des Papstes in einer römischen Synagoge und
vieles andere mehr sind und bleiben Zeichen für eine nachhaltige
und unzweifelhafte Verbesserung der Beziehungen zwischen Juden
und Katholiken in diesem Pontifikat.
Hinzu kommt: Auf der Linie der Vergebungsbitten von Johannes Paul
II. im Heiligen Jahr 2000 liegt nur eines: keine Angst vor der
historischen Wahrheit zu haben. Insofern kann man nur hoffen,
dass man auf neuer Basis bald einen erneuten Versuch wagt, mehr
Licht in dieses belastete Kapitel der Kirchengeschichte zu
bringen.
Klaus Nientiedt