Keine einfachen Antworten

"Die Kirchen haben das Recht und die Pflicht, sich in die bioethische Debatte einzumischen.“ Diese Aussage der bündnisgrünen Politikerin Christa Nickels (siehe Seite 5) scheint fast zu banal, als dass man sie zitieren müsste.
Und doch. Es gibt Hinweise darauf, dass gewichtige Teilnehmer der bioethischen Diskussion die kritischen Einwände der Kirchen abtun: als eine Extremposition religiöser Menschen, die der fortschrittliche Zeitgenosse nicht wirklich ernst nehmen kann.
Hubert Markl zum Beispiel, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, verwies vor einigen Wochen in einer Gundsatzrede auf die Entscheidung des britischen Ober- und Unterhauses, die Forschung an und mit menschlichen Embryonen sowie das therapeutische Klonen zu erlauben. Er forderte sinngemäß dazu auf, diesem Beispiel auch in Deutschland zu folgen anstatt „gemeinsam mit dem Vatikan das Hochufer moralischer Letztbegründungen zu besetzen“. Will heißen: Wenn es mit den Biowissenschaften vorangeht, dann werden wir Deutschen doch nicht abseits stehen wollen zusammen mit den Sonderlingen von der katholischen Kirche.
Ganz ähnlich Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er reagierte in einem Leserbrief an die Wochenzeitung „Die Zeit“ auf Äußerungen seines früheren Staatsministers Michael Naumann. Der hatte sich kritisch manchen Bestrebungen der Biowissenschaften geäußert und dabei bedauernd festgestellt, dass theologische Argumente in dieser Debatte kein Gewicht haben, weil die große Mehrheit der Gesellschaft nichts mehr mit dem Gottesglauben anfangen kann.
Der Kanzler unterstellte daraufhin Naumann „offene Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit“ und bemerkt: Eine religiös-theologische Kritik biomedizinischer Forschung ist für Schröder gleichzeitig „fundamentalistisch“. Und er wundert sich darüber, „welche merkwürdigen Bündnisse sich aus christlichem Wertkonservativismus und linksalternativer Technologiekritik so ergeben“.
Will heißen: Wer sich nicht mit Schröder in die neue Mitte begibt, der steht irgendwo in der Ecke bei den merkwürdigen Gestalten dieser Republik: den linksalternativen Technikfeinden, den Christen, den Fundamentalisten. Alle in einen Topf, Deckel drauf.
Aber so einfach ist es nicht. Und zweifellos machen es sich auch die Christen in dieser schwierigen Debatte mitunter viel zu leicht, in dem sie – ähnlich wie der Kanzler – einfach „Basta“ sagen, ohne auf die neuen und schwierigen Fragestellungen wirklich einzugehen. Die Forderung des thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, die katholische Kirche möge doch die unterschiedlichen Meinungen zur Bioethik auch innerhalb der CDU respektieren, kommt nicht von ungefähr (siehe Interview auf Seite 4).
Dass es in der bioethischen Debatte um viel mehr geht als um christliche Moral, muss immer wieder neu verdeutlicht werden. Bundespräsident Johannes Rau hat die Problematik in seiner Berliner Rede am 18. Mai auf den Punkt gebracht: „Wir müssen wissen, welches Bild wir vom Menschen haben und wie wir leben wollen“, betonte er damals. „Tabus anzuerkennen, das kann ein Ergebnis aufgeklärten Denkens und Handelns sein.“
Michael Winter