Jeder kennt sie, aber wann spricht man mal über sie? Einsamkeit ist eine Erfahrung vieler. Der Deutsche Caritasverband wählte das Phänomen der Einsamkeit zu seinem Jahresthema.

Begegnung als Heilmittel

Caritas-Jahresthema: Einsamkeit als Massenphänomen

Einsamkeit hat viele Namen“ – was in den 70er Jahren ein deutscher Schlager behauptet hat, beschreibt auch im dritten Jahrtausend die deutsche Wirklichkeit treffend. Weit weg von Schnulze und Gefühlsduselei hat sich die Caritas dieser Erscheinung gewidmet. Sie hat ihr Jahresthema 2001 unter das Wort „Einsam“ gestellt und die vielen Facetten des Phänomens analysiert.
Nach den Worten seines Präsidenten Hellmut Puschmann will der katholische Wohlfahrtsverband diejenige Seite der Einsamkeit in den Blick rücken, die Menschen unglücklich macht. In der Einsamkeit sieht die Caritas ein „Massenphänomen“, eine Erfahrung, die Menschen „in erschreckender Häufigkeit“ machen. Einsamkeit – eine Erfahrung, die das Vertrauen erschüttert, dass das Leben einen Sinn hat. Obwohl ein Massenphänomen, ist Einsamkeit eine individuelle, subjektive Erfahrung, die jeder für sich macht und die nicht mit den Erfahrungen anderer austauschbar ist.
Mit ihrem Jahresthema spricht die Caritas etwas an, das unzählige Menschen betrifft, gleichzeitig aber weithin unbekannt ist. So sehr einem Menschen die eigene Einsamkeit bewusst sei, bleibe ihm die Einsamkeit des Menschen neben ihm verborgen. „Die einsam machenden Bedingungen, unter denen ungezählte Menschen leben, werden häufig ignoriert und tabuisiert.“
Das Verdrängen des Phänomens funktioniert vielleicht deshalb oft so reibungslos, weil sich Einsamkeit keiner Altersgruppe und keiner sozialen Schicht zuordnen lässt, wie der Caritaspräsident feststellt. Sie trifft Kinder ebenso wie alte Menschen, Wohlhabende genauso wie Arme. Sie tritt unabhängig von der beruflichen und wirtschaftlichen Situation zutage, unabhängig von der Zugehörigkeit zu ethnischen oder soziologischen Gruppen; sie ist nicht an Lebensumstände wie Krankheit oder Pflegebedürftigkeit gebunden. Das Massenphänomen Einsamkeit unterscheidet nicht zwischen Eheleuten, Singles, Geschiedenen oder Verwitweten.
Beispiel alte Menschen: Oft krank und pflegebedürftig, haben sie es schwer in einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit zum Kriterium eines lebenswerten Lebens hochstilisiert. Aber auch junge Menschen sind betroffen. Wer etwa von der Schulbank direkt in die Arbeitslosigkeit entlassen wird, erfährt, dass ihn die Gesellschaft nicht braucht.
Zur Vereinsamung führen kann auch Arbeitslosigkeit, die wiederum oft Armut bedeutet. Arme sind vom gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben beinahe ausgeschlossen. Keinen Anschluss an die Leistungsgesellschaft finden auch Kranke und Behinderte. Wie sehr Fremdsein in die Isolation treiben kann, sei in Deutschland „in diesen Jahren in bedrückender Weise“ zu erleben, meint Puschmann.
Zum Thema Einsamkeit hat die Caritas auch Statistiken befragt: Nach ihren Angaben lebten im April 1999 in Westdeutschland 11,2 Millionen Menschen in einem Einpersonenhaushalt, 1957 nur knapp 3,4 Millionen. Bezogen auf Gesamtdeutschland war im April 1999 der Einpersonenhaushalt mit 35,6 Prozent der häufigste Haushaltstyp. Bemerkenswert sei die „Verjüngung“ in diesem Bereich. Die Zahl der allein Lebenden zwischen 25 und 45 Jahren hat sich in Westdeutschland zwischen 1991 und 1999 von knapp 700 000 auf etwa 3,6 Millionen mehr als verfünffacht.
Zurück zur Praxis: Die Caritas wäre kein Wohlfahrtsverband, wenn sie über Analysen und Zahlen das Handeln vergäße: In ihren vielfältigen Beratungsdiensten zeigt sie Menschen Wege, aus der Isolation auszubrechen, Vertrauen zu fassen und Lebensperspektiven zu entwickeln. Dennoch ist sich der Wohlfahrtsverband durchaus bewusst, dass sich Einsamkeit allein durch organisatorische, politische oder finanzielle Maßnahmen nicht überwinden lässt. Wenn Einsamkeit Beziehungsverlust bedeute, könne ihr Gegenpol nur Begegnung heißen und – in der höchsten Ausprägung – Liebe. „Wir wollen die Menschen auch dazu einladen, jenseits aller strukturellen Fragen auf ihre Mitmenschen zuzugehen, im anderen das Du zu suchen und zu entdecken und dabei vielleicht mehr zu sich selbst zu kommen.“

Elke Blüml

Hinweis: Weitere Informationen zum Jahresthema im Internet unter www.caritas.de