In vielen Bereichen geht die Zahl der Ehrenamtlichen zurück. Umgekehrt ist es in der ambulanten Hospizarbeit: Immer mehr ehrenamtliche Hospizbegleiter kümmern sich mit den Angehörigen, hauptamtlichen Pflegern und Ärzten um Sterbende. Was sind das für Menschen, die andere in der schwierigsten Phase ihres Lebens begleiten? Drei Beispiele aus Freiburg.
Die zweite Stimme
Eine wachsende Zahl Ehrenamtlicher engagiert sich in ambulanten Hospizgruppen
Die Tätigkeit in der Hospiz ist
kein Ehrenamt, das man einmal die Woche und nur am Wochenende
machen kann. Klare Worte von Ulrike Eberstein,
Einsatzleiterin des Freiburger Hospizbüros. Die anderen Frauen
stimmen zu. Sie sind ehrenamtlich in der Hospizgruppe Freiburg tätig
und wissen, was es bedeutet, Schwerstkranke und deren Angehörige
zu begleiten sei es zu Hause, im Krankenhaus oder
im Altenpflegeheim. Sterbende brauchen Menschen, die ihre
Situation erleichtern, einfach indem sie da sind und zuhören,
sagt Marga Höffgen, seit drei Jahren ehrenamtliche Begleiterin.
Die Hospizbewegung will das menschenwürdige Sterben nicht einsam
in der Anonymität eines Krankenhauses, sondern möglichst zu
Hause und mit denen, die einen im Leben begleitet haben. Und zwar
auch für diejenigen, die keine Verwandten und Bekannten haben,
die sich rund um die Uhr um sie kümmern können.
Wir wollen zu Hause sterben
Was sind das für Menschen, die bereit sind, einen (anfangs)
Fremden in dessen schwierigster Lebensphase zu begleiten? Ursula
Hafner ist seit zehn Jahren in der Hospizgruppe Freiburg: Ich
habe zwei ältere Damen betreut, die den Wunsch hatten: Wir
wollen zu Hause sterben. Sie machte eine Ausbildung zur
Schwesternhelferin, lernte dabei die Hospizarbeit kennen. Der
Wunsch der beiden Damen wurde erfüllt. Ganz anders Irma
Letsch. Sie kam als ehemalige Pflegedienstleiterin im
Heiliggeiststift in Freiburg erstmals mit ehrenamtlichen
Hospizbegleitern in Berührung: Die Vorstellung, da kommen
Fremde und kümmern sich um unsere Bewohner, war mir zunächst
suspekt. Ich wollte, dass wir Hauptamtlichen den Patienten
helfen. Aber als sie sich eine Weile mit der Hospiz-Idee
beschäftigt hatte, war sie überzeugt und baute die Hospizgruppe
mit auf. Seit ihrem Ruhestand ist sie ehrenamtliche Begleiterin.
Auch Marga Höffgen hat im Pflegebereich gearbeitet und dabei
festgestellt, dass viele Menschen allein sterben, weil
keiner Zeit für sie hat. Das will sie mit ihrem
ehrenamtlichen Engagement ändern.
Viele sind Mitarbeiter in ambulanten Hospizdiensten geworden,
weil sie im Verwandten- oder Bekanntenkreis festgestellt haben,
dass es im Bereich der Sterbebegleitung Defizite gibt. Die
Zahl der Ehrenamtlichen und auch der Gruppen in der ambulanten
Hospizarbeit nimmt zu, beobachtet Ingeburg Barden vom
Deutschen Caritasverband. Hauptgrund: Die Ehrenamtlichen in
der Hospiz bleiben jahrelang bei der Stange. Ganz im
Gegensatz zu dem Trend, möglichst keine festen Verpflichtungen
einzugehen und sich nur auf absehbare Zeit in einem Ehrenamt zu
binden.
Liegt es mir? Kann ich das?
Die Entscheidung, sich in einer ambulanten Hospizgruppe zu
engagieren, fällt bewusst und kann einige Zeit in Anspruch
nehmen. Wie bei Marga Höffgen: Ich habe mich immer wieder
gefragt: Liegt es mir? Kann ich das? Erst im dritten Anlauf
hat sie sich zum Vorbereitungskurs angemeldet. Die Anforderungen
an Interessenten sind hoch. In einem ersten Vorgespräch mit
Einsatzleiterin Ulrike Eberstein erzählen die künftigen
Hospizbegleiter von sich. Sie dürfen nicht um einen gerade
verstorbenen Angehörigen trauern, müssen eine offene Haltung
mitbringen und nicht das Ziel haben, Sterbende zu missionieren,
sollten eine eigene Einstellung zum Thema Sterben haben, zudem
zeitlich flexibel sein: Wer berufstätig ist und noch eine
Familie mit Kindern versorgt, hat meist nicht genug Zeit,
sagt Ulrike Eberstein. Mancher überschätzt seine Fähigkeiten
und die Toleranz seines Umfelds: Familie und Freundeskreis
müssen das Engagement mittragen. Schließlich werden
Hospizbegleiter zu jeder Tages- und Nachtzeit, unter der Woche
und am Wochenende gebraucht. Die meisten Ehrenamtlichen in der
ambulanten Hospizhilfe sind Frauen, deren Kinder erwachsen sind.
Unter den 63 Mitarbeitern in Freiburg sind nur drei Männer.
Die Neuen werden in einem Seminar über elf Termine vorbereitet.
Nach einem Vierteljahr werden sie eingesetzt. Ein Vertiefungskurs
nach einem Jahr beendet die Vorbereitung. Einig sind sich die
Begleiter darin, dass ihre eigene Begleitung eine wesentliche
Rolle spielt. Es gibt Fälle, wo ich nachher lange darüber
nachdenke: Habe ich richtig reagiert?, sagt Marga Höffgen.
Um mit den Selbstzweifeln klarzukommen, hilft mir die
Supervision.
Über Erlebnisse mit Sterbenden zu sprechen, überhaupt über den
Tod zu sprechen, wird in unserer Gesellschaft meist verdrängt.
Ich kann auch im privaten Bereich über das Thema reden,
berichtet Ursula Hafner. Bekannte sprechen mich an, wenn
sie Fragen zu Tod und Sterben haben. Mit einem verbreiteten
Vorurteil wollen die Hospizbegleiter aufräumen: Viele
denken, wir seien nur ernst und superheilig, erzählt
Ulrike Eberstein. Mein Zahnarzt hat früher gedacht, er könne
mit mir nicht scherzen, weil ich mit Sterbenden zu tun habe.
Tod-ernst sind sie bestimmt nicht, dafür aber
sensibler. Jeder Sterbende hat unterschiedliche Erwartungen an
den Begleiter, immer auch abhängig von seinem aktuellen
Gesundheitszustand. Ich kann nicht planen, wie ich mich
verhalte, ich muss es spüren, so Marga Höffgen. Soll
ich die Hand halten, soll ich ihn streicheln oder in den Arm
nehmen, oder soll ich im Hintergrund bleiben, mich nicht direkt
ans Bett setzen. Vielen Schwerstkranken helfe es schon,
dass jemand bei ihnen ist, selbst wenn sie ihm den Rücken
zuwenden und nicht sprechen wollen. Einer der wenigen Leitsätze
in der Hospizarbeit: Der Sterbende hat die erste Stimme, der
Begleitende nur die zweite. Und: Man muss nicht zwangsweise
über Sterben sprechen, sagt Ulrike Eberstein. Das hängt
davon ab, ob der Kranke es möchte, und dann spricht er von sich
aus das Thema an.
Ähnlich sieht der Umgang mit den Angehörigen aus. Diese in
ihrer Trauerphase begleiten, auch das ist eine Aufgabe der
Ehrenamtlichen, deren Fähigkeit zur Teamarbeit immer wieder
gefragt ist. Zu Beginn einer Begleitung müssen sie das Vertrauen
des Sterbenden und der Angehörigen gewinnen. Nur dann sind sie
bereit, das Sterbebett auch einmal zu verlassen, sich bei einem
Spaziergang zu erholen oder beim Einkaufen auf andere Gedanken zu
kommen.
Konfliktstoff birgt auch das Zusammenwirken von Haupt- und
Ehrenamtlichen. Pflegekräfte haben manchmal Angst, ihr
Arbeitgeber möchte Stellen einsparen, indem er die Arbeit von
Unbezahlten machen lässt, so die Erfahrung von Marga Höffgen.
Deshalb müssen wir klarstellen: Wir machen einen ergänzenden
Dienst. Das bedeutet auch, sich zurückzunehmen, gerade für
diejenigen, die früher selbst in der Pflege tätig waren wie
Marga Höffgen: Wenn ich dem Pflegepersonal Ratschläge
gebe, überschreite ich meine Kompetenzen. Die
Wohlfahrtsverbände warnen vor der Gefahr, dass Ehrenamtliche
instrumentalisiert werden. Im Bereich der häuslichen
Krankenpflege bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen immer
weniger Leistungen. Eine mögliche Folge: Ehrenamtliche machen
das, was vor kurzem noch die Aufgabe von Ärzten und Pflegern
war. Wir fordern unsere Ehrenamtlichen auf: Übernehmen Sie
keine pflegerischen Aufgaben, sagt Edeltraut Kambach vom
Caritasverband Freiburg-Stadt. Und Einsatzleiterin Ulrike
Eberstein ergänzt: Ich muss in jedem Einzelfall darauf
achten, dass kein Ehrenamtlicher missbraucht wird, etwa zu oft
Nachtwache im Krankenhaus macht.
Geld setzt Hospizbegleiter unter Druck
Die Helfer selbst sehen die Gefahr nicht so drastisch wie die
Hauptamtlichen, aber in einem Punkt sind sie sich einig: Es
ist gut, dass ich auch mal einen Einsatz absagen kann, ohne ein
schlechtes Gewissen zu haben, sagt Irma Letsch. Die
Freiheit hätten sie nicht mehr, wenn sie Geld für ihren Dienst
bekämen oder ihre Leistungen von den Krankenkassen bezahlt würden,
wie es manche Politiker wollen. Deren Forderung: Die ambulanten
Hospizdienste müssen professioneller werden. Unter diesen
Bedingungen aber würden viele nicht weitermachen, meinen die
Ehrenamtlichen aus Freiburg. Wenn sie von Angehörigen Geld
angeboten bekommen, lehnen sie ab. Denn Geld setzt die
Hospizbegleiter unter Druck, nicht mehr kommen und gehen zu können,
wann sie möchten. Und: Wenn sie nur die besuchen, die bezahlen können,
würde wieder das entstehen, was die Hospizbewegung gerade
verhindern will: Ein Sterben erster und zweiter Klasse.
Burkhard Schäfers