Das Eigene im Fremden erkennen
In Mannheim wurde interreligiöses Gebetbuch vorgestellt
Im Ökumenischen Bildungszentrum sanctclara in Mannheim wurde mit Gott in vielen Stimmen ein Buch vorgestellt, das christliche, jüdische und islamische Gebete von heute versammelt.
Nähe und Distanz sind nicht
zwingend an (...) Religionsgrenzen entlang festzustellen.
In diesen Tagen mag das in manchen Ohren fremd klingen. Aber
gerade deshalb ist der schmale Band mit Gebeten umso wichtiger.
Michael Lipps, Leiter der evangelischen Erwachsenenbildung im ökumenischen
Bildungszentrum sanctclara ist der Herausgeber dieses
Bandes, dessen Untertitel schlicht Beten in Mannheim
lautet. Denn der Leser erlebt die Autoren weniger als Angehörige
unterschiedlicher Kulturen als vielmehr als Menschen, die
sich bittend, hoffend, verzweifelnd aber auch lachend an ihren
Gott wenden.
Das Entscheidende dabei ist das Verbindende der jüdischen, der
muslimischen und der christlichen Religion. Amin
sagen die Muslime. Das ist ebenso nah am Amen der
Christen wie der Wunsch nach Nähe und Verständigung, der in
vielen Gebeten aufblitzt. Talil Kamran, Leiter des Instituts für
deutsch-türkische Integrationsstudien, drückt es so aus: Jede
der abrahimitischen Religionen glaubt: unser Gott ist
einzig, aber: Wenn wir etwas Schönes sehen,
verbindet es uns und hinter dem Schönen verbirgt sich immer
Gott. So kann man in diesen Gebeten auch das Schöne der
anderen Religion entdecken und so im Fremden das eigene
erkennen, wie es Michael Lipps in seiner Rede über die
Entstehung des Buches formuliert. Etwas, das immer wichtiger wird
angesichts von Extremisten, die unter Berufung auf ihr
Glaubensverständnis Häuser zerbomben.
Dieses Buch kann ein Beitrag zu einer Verständigung zwischen den
Kulturen und Religionen sein, denn es ist in der Tat eine
andere Art des Verstehens, wenn ich den andern von seiner
Herzseite aus betrachte. betont Michael Lipps. Und von
ihrer Herzseite zeigen sich die Menschen, die ihre
persönlichen Gebete in diesem Band veröffentlichen, ganz
bestimmt. Denn Gebete sind zuallererst etwas Persönliches. Die
Schreiber sprechen nicht in erster Linie als Evangelischer
oder als Jude, sondern als Mensch, der mit seinen
ureigensten Problemen, Wünschen und Hoffnungen vor Gott tritt:
Ich bin am Ende. Wo bist du, Gott?, fragt Marianne
Bevier, katholische Klinikseelsorgerin. Heidi Herborn, Leiterin
der Ökumenischen Hospizhilfe, fragt Gott: Gilt deine
Zusage noch immer / Ich bin bei euch. Eine Frau, die von
ihrem Ehemann verlassen wurde, schreibt: Sprachlos ist mein
Gott. Andere Gebete sind voller Hoffnung auf Gott,
insbesondere darauf, dass er die Spaltungen zwischen den Menschen
überwinden hilft: Gott, ich klage dir den Unfrieden dieser
Welt, schreibt Andrea Knauber, evangelische Pfarrerin in
Mannheim, und Talat Kamran bittet: Erhebe uns über die
Verschiedenheiten und Unterschiede, die die Menschen voneinander
trennen. Andere werden deutlicher. Georg Lichtenberger
etwa, bis zum Frühjahr Jugendpfarrer des katholischen Dekanats
Mannheim, bittet: Gott des Lebens, lass uns aufstehen von
den Stammtischen und Kaffeekränzchen, wenn Parolen geschmiedet
werden. Sein Gebet heißt Aufbruch und es enthält,
wie so viele dieses Bandes, eine Aufforderung an uns alle.
Dieses Buch ist ein Zeichen für das Miteinander der
Religionen in dieser Stadt, sagt Oberbürgermeister Widder
am Schluss der Veranstaltung. Ein gutes Zeichen. Gerade in diesen
Tagen.
Markus Vollstedt