In diesen Tagen veröffentlichen die Standesämter wieder die Listen mit den beliebtesten Vornamen des vergangenen Jahres. Namen aus der christlichen Tradition sind weiter ganz vorne mit dabei aber nicht weil die Menschen so fromm wären.Doch die Hitliste der Namen zeugt nicht von der Christlichkeit der Gesellschaft.
Die Heiligen bleiben Spitze
Doch die Hitliste der Namen zeugt nicht von der Christlichkeit der Gesellschaft
Adam hätte schlicht
Meine Frau sagen können. Oder natürlich
Schatz, Herzilein oder sonst ein
Kosewort, das sich die Menschen in romantischen Beziehungen so
ausdenken. Für die Kommunikation im Paradies hätte das durchaus
gereicht. Schließlich bestand damals ja keine Gefahr, dass sich
plötzlich zwei Frauen umdrehen ... Aber Adam, so erzählt es die
Bibel, gönnte sich und seiner Frau den vermeintlichen Luxus
eines richtigen Namens: Eva. Die Geschichte aus der Genesis mag
deshalb auch diese Sinnspitze haben: Der Name gehört von Anfang
an zum Menschen, hat ganz entscheidend mit seiner
Persönlichkeit, mit seiner Würde zu tun.
Kirchliche Tradition belegt dies. Wenn ein Papst sich einen Namen
wählt, wenn beim Eintritt in einen Orden der bürgerliche Name
abgelegt wird, sollen damit Zeichen gesetzt werden: Hier
geschieht etwas Entscheidendes. Die bisherige Persönlichkeit
wird gleichsam abgelegt, es beginnt etwas Neues.
Der Name hat also offensichtlich eine sehr große Bedeutung für
den Menschen. Und daher lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wenn
sich in diesem Bereich etwas tut. Warum kommen bestimmte Namen
in Mode? Welche Gründe hat es, dass andere Namen mit
langer Geschichte zurücktreten?
Einer, der genauer hinschaut, ist der Heidelberger Namensforscher
Wilfried Seibicke. Er gilt als der Vornamenspapst im
Land Seibicke arbeitet mit Standesämtern zusammen,
erstellt jedes Jahr die Hitliste der vergebenen Namen, forscht
und publiziert zu diesem Themenfeld. Seine Erkenntnis mag
zunächst überraschen: Namen aus der antiken und christlichen
Tradition sind weiterhin am beliebtesten. Lukas, Alexander bei
den Jungs; Maria, Anna, Sophie bei den Mädchen stehen ganz oben.
Daran wird sich auch nichts ändern, wenn in diesen Tagen die
Standesämter ihre Statistiken für das vergangene Jahr 2000
veröffentlichen.
Was bedeutet dieser Befund? Ist die Rede von der Entchristlichung
der Gesellschaft vielleicht doch nur ein Märchen? Will man
wenn es ernst wird doch auch in der modernen Zeit
sein Kind unter den Schutz eines Heiligen stellen? Da schüttelt
der Experte ganz entschieden den Kopf. Die Namen werden
nicht aus christlicher Motivation heraus gewählt, erklärt
Seibicke. Und sein Freiburger Kollege, der Germanistikprofessor
Konrad Kunze, meint sogar: Wenn die Leute wüssten, dass
ein Name aus der christlichen Tradition stammt, würden ihn viele
nicht nehmen.
Die anhaltende Beliebtheit von Vornamen aus dem christlichen
Traditionsgrund hat ganz andere, viel nahe liegendere Gründe.
Seit das Christentum im Mittelalter sich hierzulande durchgesetzt
hat, haben eben auch Heiligennamen die germanischen abgelöst.
Dieser Prozess hat immerhin ein halbes Jahrtausend gedauert, war
dann aber so durchgreifend, dass gegenläufige Entwicklungen (wie
die Bevorzugung bewusst deutscher Namen seit der
Reichsgründung 1871) nicht mehr als Episoden waren. Christliche
Namen sind seither eben einfach am häufigsten im
Umlauf. Dass Eltern aus diesem Quell immer noch schöpfen,
geschieht schlicht aufgrund der einstigen kulturellen Prägekraft
des Christentums nicht aus religiöser Überzeugung.
Wenn sich heute jemand bewusst für einen christlichen
Namen entscheidet, hat das fast schon Bekenntnischarakter,
erklärt Konrad Kunze.
Für die Wahl eines Namens ist inzwischen eindeutig der Klang das
wichtigste Kriterium nicht die Bedeutung. Werdende Eltern
kaufen oft Vornamensbücher, um sich aus einem möglichst reichen
Fundus Anregungen zu holen. Die Namen werden hin- und
hergewälzt. Wie klingt das? Passt das zum Familiennamen? Können
wir auch sicher sein, dass keiner den Namen später
verhunzen, also zu einem unliebsamen Spitznamen
verstümmeln wird?
Ist all das geklärt und eben erst dann , schaut man
sich vielleicht noch die Herkunft des Namens an. Da werden dann
durchaus auch Heilige akzeptiert. Schließlich haben die ja oft
gar keine üble Lebensgeschichte. Erscheint das
Namens-Vorbild nicht absolut unsympathisch, fällt in der
elterlichen Findungs-Kommission oft ein: Na, das passt ja
gut. Und das Kind hat seinen Namen.
Wirklich überraschen wird dieser pragmatische Umgang nicht
in einer Gesellschaft, in der die Verwurzelung im
kirchlichen Urgrund schwindet. Das mag man beklagen. Doch wer den
Blick in die Zukunft wagt, findet auch Ermutigendes. Denn die
Fachleute beobachten, dass die Zahl der Vornamen stetig zunimmt.
Und zwar nicht in erster Linie aufgrund irgendwelcher
ausgefallener Neuschöpfungen oder Modenamen. Konrad Kunze
erkennt vielmehr eine Europäisierung des
Namensschatzes. Also: Je mehr sich die Gesellschaft
öffnet, je häufiger sich Menschen über die Grenzen hinweg
begegnen, desto aufmerksamer werden sie auch für die
Namenstraditionen bei den Nachbarn. Die jährliche
Veröffentlichung der beliebtesten Namen könnte so zum
sympathischen Gradmesser für die beginnende europäische
Einigung werden.
Stephan Langer
Hinweis: Wilfried Seibicke hat unter anderem das zweibändige
Werk Deutsches Vornamenbuch herausgegeben.
Konrad Kunze ist Autor des dtv Atlas Namenkunde.