In diesem Herbst begeht der Freiburger Herder-Verlag sein 200-jähriges Jubiläum ein für einen Verlag nicht gerade selbstverständliches Alter. Buchprogramm und Autoren spiegeln die wechselvolle Entwicklung und Geschichte des deutschsprachigen Katholizismus wider.
Gottes eigener Verlag
Der Freiburger Herder-Verlag wird 200 Jahre alt
US-Amerikaner nennen ihr Land
gerne Gods own country (Gottes eigenes Land).
Freiburger zögern nicht, von Gottes eigenem Verlag
zu sprechen, wenn sie den Herder-Verlag im so genannten
Roten Haus in der Hermann-Herder-Straße meinen,
nördlich der Freiburger Innenstadt gelegen. Wenn in aller Welt
Freiburg als deutschsprachiger Verlagsort einen Namen hat, dann
verdankt man dies gerade auch diesem Verlag. Nach eigenen Angaben
gehört er zu den 40 größten Verlagen in Deutschland und ist
der größte Theologieverlag im deutschsprachigen Raum. Rund
80000 Bücher sind in ihm bisher insgesamt erschienen.
Der Herder-Verlag feiert in diesem Herbst sein 200-jähriges
Bestehen. Für einen Verlag ist dies keine
Selbstverständlichkeit, zumal es sich obendrein bis heute um
einen Familienbetrieb handelt geführt von bis heute sechs
Verlegergenerationen.
Als Gründungsdatum nimmt man den 27. November 1801; das war der
Tag, an dem Bartholomä Herder (17741839), der
Ur-Ur-Ur-Großvater des heutigen Geschäftsführers Manuel Herder
(geboren 1966), vom Konstanzer Fürstbischof Karl-Theodor von
Dalberg die Berufung zum Hofbuchhändler mit Sitz in Meersburg
erhielt. Bartholomä Herders Motto wurde zum Programm:
Durch die Verbreitung guter Bücher in das Leben
eingreifen.
Geschichte und Programm stehen in enger Verbindung mit der
wechselvollen Geschichte des Katholizismus in Deutschland. Die
Aufklärung des 18. Jahrhunderts stellte sich in einen scharfen
Gegensatz zu Christentum und Kirche. Firmengründer Bartholomä
Herder erhielt seine Ernennung von einem Bischof, der diesen
Gegensatz nicht für unüberwindlich hielt. Zur Zeit eines
Benjamin Herder (18181888) wurde der Verlag dann zu einem
bedeutenden Träger der katholischen Bewegung in Deutschland.
Mit der dritten Herder-Generation in der Verlagsführung, Hermann
Herder (18641937), verbindet sich der weltweite Ausbau
eines Netzes von Herder-Niederlassungen: Lateinisch war die
Sprache einer sich an römisch-abendländischen Mustern
ausrichtenden katholischen Welt. Heute besitzt Herder noch
mehrere Niederlassungen außerhalb des deutschsprachigen Raumes:
Die Geschwister des heutigen Verlegers, Gwendoline Herder und
Raimund Herder, leiten die Verlage Herder & Herder/Crossroad
(New York) beziehungsweise Herder Barcelona.
Mit dem Namen von Theophil Herder-Dorneich (18981987)
verbindet sich die Erinnerung an die Meisterung der Kriegs- und
Nachkriegsjahre. Als Anreger des Gesprächs mit den
Weltreligionen setzte er Akzente. Dessen Sohn Hermann Herder trug
die Verantwortung zur Zeit des konziliaren Umbruchs in der
katholischen Kirche Spötter sprachen damals geradezu vom
Zweiten Herderschen Konzil, sosehr gaben sich
Theologen und Kirchenvertreter in diesen Jahren in Freiburg die
Türklinke in die Hand. Die Übersetzung der Konzilsbeschlüsse
in Theologie, Liturgie und Pastoral fand zu einem erheblichen
Teil in Werken dieses Verlagshauses statt. Manuel Herder steht
seit 1999/2000 an der Spitze des Hauses.
Die Liste der Autoren von Herder ist geradezu ein Who is
who? deutschsprachiger Theologie- und Kirchengeschichte.
Die neueste Auflage des elfbändigen Lexikons für
Theologie und Kirche (LThK) zeugt bei allen
Veränderungen nicht nur in Kirche und Katholizismus, aber auch
in der Verlagsbranche und im Buchhandel von der Stärke
wie den Stärken dieses Verlagshauses. Das LThK wird in diesem
Herbst mit dem letzten und elften Band abgeschlossen.
Um nur einige der prominentesten unter den größeren Werken zu
nennen: Eine 14-bändige Geschichte des Christentums,
eine Übernahme aus dem Französischen, steht vor dem Abschluss.
Innerhalb einer auf 25 Bände projektierten
Edith-Stein-Gesamtausgabe erschienen im vergangenen Jahr die
ersten drei Bände. 1999 begann man mit der Herausgabe der auf 54
Bände angesetzten Buchreihe Herders theologischer
Kommentar des Alten Testaments.
Von Beginn an hat sich der Verlag Herder in seiner Buchproduktion
nicht auf theologisch-religiöse Titel beschränkt. Lexika,
kartografische und Geschichts-Werke gehörten dazu Herder
verstand sich als Universalverlag. Zahlreiche
Generationen von Katholiken hatten ihren Herder im
Bücherschrank, eines der verschieden umfangreichen
Herder-Lexika. Kunst, Pädagogik, Naturwissenschaften kamen
hinzu.
Der allgemeinen Entwicklung auf dem Verlagssektor folgend besinnt
man sich inzwischen auf die Gebiete, in denen man im
deutschsprachigen Raum führend ist. Schrittweise zog man sich
aus dem Buchhandel zurück. Eine starke Position hat man auf dem
Gebiet der Vorschulpädagogik inne.
Gegenwärtig umfasst der Verlag Herder rund 160 Mitarbeiter. Der
Umsatz stieg nach eigenen Angaben von 81,5 Millionen Mark im Jahr
1999 auf 87,5 Millionen Mark im Jahr 2000. Dieser teilte sich wie
folgt auf: Hardcover 61,8 Millionen Mark, Taschenbuch 10,8
Millionen Mark, Fachzeitschriften 13,4 Millionen Mark, Neue
Medien/Software 0,04 Millionen Mark, um die wichtigsten Bereiche
zu nennen. Im vergangenen Jahr gab es 592 Buchnovitäten, davon
142 in Taschenbuchform.
Mehrere theologisch-religiöse Zeitschriften gibt der Verlag
Herder heraus: unter anderen die Monatszeitschrift Herder
Korrespondenz, die Wochenzeitung Christ in der
Gegenwart und die Monatszeitschrift der Jesuiten
Stimmen der Zeit. Ins Gesamthaus eingegliedert sind
eine Reihe weiterer Verlage: Alber, Kerle, Ploetz, Christophorus
sowie Knecht.
Bartholomä Herder, der fromme Aufklärer, der
biedermeierliche Patriarch, der altliberale Bürger aus der Zeit
des Vormärz (Hanns Bücker) sein Grab befindet sich
auf dem Alten Friedhof in Freiburg mag heute in einer Aura
nostalgischer Verklärung entrückt sein, sein Werk ist es nicht.
Bemerkenswert ist der rote Faden, der die verlegerische Arbeit
des Hauses über 200 Jahre hinweg zusammenhält und ihr ihr
unverwechselbares Gesicht gibt.
Klaus Nientiedt
Auf Augenhöhe mit den anderen
Fragen an Firmenchef Manuel Herder
konradsblatt: Herr Herder,
200 Jahre ist für ein Verlagshaus in Familienbesitz eine sehr
lange Zeitspanne. Wie macht man das?
Manuel Herder: Persönlich überblicke ich von
dieser Zeit nur den geringsten Teil. Der Verlag hat von Anfang an
Bücher und Zeitschriften gemacht, die gebraucht werden, um Leben
zu gestalten und das vor dem Hintergrund und auf der Basis
des christlichen Glaubens katholischer Prägung. Nehmen Sie das
Lexikon für Theologie und Kirche, dessen Vorgänger 1847/48 zum
ersten Mal erschien, und viele andere Werke das sind immer
wieder Anläufe, um eine Basis zu schaffen, von der aus es weiter
gehen kann. Das gilt ebenso für die meisten wissenschaftlichen
Werke, für Pastors Papstgeschichte aus dem 19. Jahrhundert wie
für die aktuelle Geschichte des Christentums. Auch
der ganze Bereich der Lebensgestaltung ist so alt wie das
Unternehmen. Wirkungsvolle Erwachsenenbildung betreibt nur, wer
etwas für das Leben und die Zukunft erreichen will. Dieses
Anliegen zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des
Hauses und seines verlegerischen Programms.
Ein Markenzeichen des Verlags Herder war lange seine
Internationalität, das Netz seiner Niederlassungen war zeitweise
weltumspannend. Warum geht das ausgerechnet im Zeitalter der
Globalisierung so nicht mehr?
Es gibt zwei Arten von Globalität. Das eine ist die
exportorientierte. Mein Urgoßvater Hermann Herder konnte
lateinische Bücher weltweit verkaufen. In dem Maße, wie Latein
aufhörte, die verbindliche Kirchensprache zu sein, ging der
internationale Export zurück.
Heute stellen Sie eine englischsprachige Version des
Lexikon für Theologie und Kirche ins Internet
Ja, das ist derzeit in Planung. Die Theologien haben sich
emanzipiert. Die Art und Weise, in der heute etwa in den USA
Theologie getrieben wird, ist eine andere als bei uns. Die
Grenzen zu den Theologien anderer christlicher Kirchen und
Denominationen sind fließender als bei uns. Die verlegerische
Arbeit hat sich verändert. Im bereich der Herstellung sind wir
heute sicher sehr viel globaler als früher. Wir produzieren
unsere Bücher heute weltweit.
Der Verlag Herder entstammt dem, was man
geistesge-schichtlich die katholische Aufklärung
nennt. Hat dieser Begriff für den Verlag Herder heute noch
Bedeutung?
Ja. Versetzen wir uns in die Zeit der Verlagsgründung. Was hat
die Menschen damals bewegt? Die Verfassung der Vereinigten
Staaten, die Französische Revolution und dann der unaufhaltsame
Aufstieg Napoleons ... die ganze Welt war plötzlich verändert,
aber die Anstöße dazu kamen nicht aus unserer Region. Es musste
gelingen, die eigene Herkunft auf Augenhöhe mit dem Neuen zu
bringen. Und genau das wollte Bartholomä Herder, nämlich
mit guten Büchern ins Leben eingreifen.
Was heißt das für Sie heute?
In unserer Welt dominiert der Individualismus. Das heißt für
jeden von uns, immer wieder Entscheidungen zu Lebensfragen zu
treffen, die in den vorangegangenen Generationen von Konventionen
bestimmt wurden. Wir sind heute der Verlag für Lebensgestaltung,
denn nur wer sein Leben versteht, kann es gestalten. Hinzu kommt
heute eine neue Suche nach festen Werten. Das Institut für
Demoskopie in Allensbach stellt einen deutlichen Wertewandel in
der deutschen Bevölkerung fest. Der Glaube an ein Leben nach dem
Tod nimmt wieder zu, des Gleichen der Glaube an Engel und das
Interesse an Heiligen, Ordensgründern und Klöstern.
Gläubigkeit im christlichen Sinn muss dies aber nicht
unbedingt sein ...
Auf jeden Fall aber sind es Formen der Auseinandersetzung mit den
nichtmateriellen Dingen.
Hat es eine katholische Aufklärung, um
diesen Begriff noch einmal zu verwenden, nicht heute recht
schwer, wenn man an die kontroverse innerkirchliche Lage denkt?
Im Gegenteil. Zunehmend leichter.
Woran machen Sie das fest?
An der Kritikmüdigkeit. Die 70-er und 80-er waren durch ein
Übermaß an Kritik und Selbstkritik innerhalb der Kirchen
geprägt. Das führt zu nichts. Wir haben jetzt die Chance, unser
Energiepotenzial kreativ zu nutzen. Wollen wir wirklich tatenlos
zuschauen, wie das menschliche Leben von technik und
Naturwissenschaft neu definiert wird? Wir müssen Autoren finden,
die bereit sind, sich dieser Diskussion, diesem Streit zu stellen
und ihre Position zu verteidigen. Ich denke zum Beispiel an
Dietmar Mieth und sein Buch Die Diktatur der Gene,
das im Oktober bei Herder erscheinen wird.
Im Mittelpunkt Ihrer Verlagsarbeit steht die Theologie,
die heute mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen hat,
innerkirchlich wie nach außen. Welche Art von Theologie braucht
es zukünftig?
Wir brauchen eine Theologie, die die Verbindung zwischen der
Wissenschaft und dem Leben herstellen kann. Dann ist sie eine
echte Zukunftswissenschaft, die in den nächsten Jahrzehnten eine
größere Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen kann. Das ist
mein vorrangiges Ziel für die nächsten Jahre: Unsere Theologie
muss zu einem wissenschaftlichen und damit auch
gesellschaftlichen Ereignis werden.
Seit seiner Gründung ist der Verlag eng mit dem
Katholizismus verbunden. Wie gehen Sie heute mit dem sicher nicht
immer verkaufsförderlichen Image des katholischen
Verlags um?
Marktforschungen belegen: Der Verlag Herder mit seinen mehr als
fünf Millionen Büchern pro Jahr wird von den verschiedenen
Gruppen unterschiedlich wahrgenommen. Beim katholisch geprägten
Bürgertum sind wir der katholische Verlag, gerade hier im
Südwesten, aber auch im Voralpenland und entlang des Rheines. Im
protestantisch geprägten norddeutschen Raum sind wir der
christliche Verlag, nicht zuletzt wegen des Namens Johann
Gottfried von Herder, mit dem man uns gelegentlich identifiziert.
Die Gegensätze innerhalb Ihres Verlagsprogramms sind
nicht gering. Um es an Namen festzumachen: Da gibt es ebenso
Kardinal Joseph Ratzinger wie Eugen Drewermann. Wie geht das
zusammen?
Das gehört zusammen, weil es der Sache nach zusammen gehört.
Manchmal ist das Stellen der richtigen Fragen schwieriger als das
Geben von Antworten. Die Theologie ist auch eine fragende
Wissenschaft.
Eines der wichtigsten Daten der Verlagsgeschichte ist das
Zweite Vatikanische Konzil. Was änderte sich mit dem Konzil für
den Verlag Herder?
Das Konzil hat um das Wort von Johannes XXIII. aufzunehmen
die Fenster aufgemacht. Die katholische Binnenmentalität,
wie wir sie bis dahin kannten, haben wir weitgehend nicht mehr.
Die Kirche ist offener geworden und setzt sich mit neuen Themen
auseinander. Das spiegelt sich in unserem theologischen Programm
wieder. Das Konzil fiel zeitlich mit den 68-er Jahren zusammen.
Diese Zeit hat unsere Gesellschaft nachhaltig verändert
und viele Entwicklungen freigesetzt, gute wie schlechte. Gegen
die schlechten kämpfen viele unserer Autoren seit langem an.
Nicht nur Christentum und Kirche unterliegen gegenwärtig
erheblichem Wandel, auch das Medium Buch. Welchen Platz hat das
Buch in der Informationsgesellschaft?
In der Branche findet ein Paradigmenwechsel statt. Das Buch
unterliegt einem Bedeutungswandel. Bücher sind das
Informationsmittel gewesen, dann kam die Zeitung hinzu, dann das
Radio, schließlich Fernsehen und Internet. Jedes Mal hat das
Buch von seiner Rolle als Informationsträger etwas abgegeben.
Der Hölderlin-Forscher hat natürlich eine Gesamtausgabe in
gedruckter Form, aber wenn er etwas dringend sucht, geht er ins
Internet, da findet er den gesamten Text mit Suchfunktionen. Der
Informationsträger Buch ist im Grunde überholt, der moderne
Datenbanktechnologie mit Vernetzung gehört die Zukunft. Dennoch
hat das Buch mit den ihm eigenen Stärken seinen Platz. Wir
müssen gute Bücher machen, die Menschen im Leben begleiten.
Lesen hat einen festen Platz in der Gesellschaft nach wie
vor und wird ihn auch in Zukunft haben.
Was bedeutet es dem Verlag Herder, in Freiburg ansässig
zu sein?
Viel. Wir fühlen uns in unserer Stadt und in unserer Erzdiözese
sehr wohl.
Könnte man Ihnen nicht vorhalten, Sie zögen sich in die
Idylle der Südwestecke Deutschlands zurück, anstatt dort
präsent zu sein, wo heute die Musik spielt, in den großen
Zentren und Metropolen.
Wieso? Die Stadt von Husserl, Heidegger, Welte und Rahner ist
genau die richtige. Freiburg ist rund 1000 Jahre alt. Der Verlag
Herder wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Gutes bleibt gut.
Interview: Klaus Nientiedt