In den Pfarreien wandelt sich das Bild der ehrenamtlichen Arbeit. Dabei spielen zum einen gesellschaftliche Veränderungen, zum anderen aber auch innerkirchliche Entwicklungen eine Rolle. Die Situation birgt Chancen und Risiken.
Immer weniger machen immer mehr
Die Situation des Ehrenamtes in den Pfarrgemeinden
Die Situation ist eigentlich
paradox: Der Kern der christlichen Gemeinden hierzulande wird
kleiner. Die Kirche am Ort scheint an Bedeutung zu verlieren.
Also, so könnte man daraus schließen, wird sie von den
Menschen, die ihr zunehmend distanziert gegenüberstehen, auch
weniger angefragt. Und diejenigen, die sich engagieren, müssen
nicht mehr so viele Aufgaben schultern.
Aber so ist es gerade nicht. Die Kirche im Erzbistum Freiburg hat
zwar in den allermeisten Städten und Dörfern in der Tat an
Bedeutung und Einfluss verloren. Aber in den Gemeinden läuft der
Betrieb nach wie vor auf Hochtouren. Der Grund: Die vielen
Katholiken, die man zuweilen von oben herab gerne
als Fernstehende oder Distanzierte
betrachtet, klopfen eben doch immer wieder an die Pfarrhaustür.
Und dann auch laut und deutlich. Die Geburt eines Kindes, die
bevorstehende Hochzeit, ein Todesfall in der Familie, der Weiße
Sonntag, ja auch die Firmung: Es sind nicht zuletzt die so
genannten Lebenswenden, an denen viele den Kontakt
mit der Kirche suchen. Mit ihrer Kirche. Denn sie
sind ja Mitglied und zahlen Kirchensteuer. Und während sich im
Sonntagsgottesdienst die Reihen lichten, ist beim Gemeindefest
zur Mittagessenszeit nach wie vor kaum ein Stuhl oder eine
Bierbank frei.
Das heißt: Irgendwie kommen die Leute immer noch
gerne, wenn die Kirche einlädt. Außerdem freuen sie sich, wenn
die Kirche kommt. Wenn sich ehrenamtliche Besuchsdienste um
diejenigen kümmern, die alt sind und ihr Haus nicht mehr
verlassen können, um diejenigen, die im Krankenhaus liegen oder
im Altenheim leben: Schön, dass Sie da waren, hören
die Ehrenamtlichen dann. Kommen Sie nächste Woche wieder?
Die Einschränkung fällt schwer
Sicher, ganz bestimmt. Aber jetzt steht erst mal die
Kirchenchorprobe an. Morgen dann die Vorstandssitzung des
Pfarrgemeinderates. Und übermorgen das gemeinsame Treffen aller
Pfarrgemeinderatsvorstände, die zur gerade neu errichteten
Seelsorgeeinheit gehören. Am Sonntag dann Lektorendienst. Und spätestens
beim Mittagessen zu Hause, wenn die pubertierende Tochter so
nebenbei bemerkt, dass sie schon wieder eine Fünf in Englisch
geschrieben hat, ist es wieder da dieses Gefühl, dass
einem alles über den Kopf wächst.
Weniger Leute müssen mehr machen. Rudolf Vögele,
Referent für Gemeindeentwicklung im Erzbischöflichen
Ordinariat, lässt keinen Zweifel daran, dass diese Diagnose für
die allermeisten Gemeinden im Erzbistum zutrifft. Und er weiß,
wie schwer es den Gemeinden fällt, sich zu profilieren,
sprich: ihre Aktivitäten wenn nötig ganz bewusst einzuschränken.
Solange Leute da sind, lässt man die Dinge laufen,
weiß er. Und er hat Verständnis dafür. Weil eben die vielfältigen
Angebote der Gemeinden nach wie vor angefragt werden.
Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter
lautet so das Motto der Verantwortlichen in den Gemeinden? Nicht
überall. Monika Schmied aus Ettenheim beispielsweise musste im
vergangenen Jahr erst mal aussteigen aus dem laufenden Betrieb.
Weil sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gekommen war. 1995
erstmals in den Pfarrgemeinderat gewählt, wollte sie sich
vornehmlich für die Familienarbeit in der Gemeinde stark machen.
Im Zuge personaler Veränderungen wurde sie im Laufe der
Wahlperiode Vorsitzende des Gremiums. Was folgte, war eine Anhäufung
von Terminen, mit denen Monika Schmied nicht gerechnet hatte.
Angesichts der zu errichtenden Seelsorgeeinheit waren über die
normalen Pfarrgemeinderats- und Vorstandssitzungen hinaus weitere
Treffen mit den Verantwortlichen der Nachbargemeinden notwendig.
Schließlich kam noch ein überraschender Pfarrerwechsel in der
Gemeinde dazu. Ich habe gemerkt: Ich muss mich entscheiden,
sonst bleibe ich mit meiner Familie auf der Strecke, erklärt
die 48-jährige Mutter von drei Kindern.
Richtig frustriert war Monika Schmied schließlich, als sie im
Zuge der Briefkontakte über den Pfarrerwechsel realisierte, dass
sie als Ehrenamtliche von der Diözese nicht als Gesprächspartnerin
wahrgenommen wurde. Die fälligen Schreiben aus Freiburg waren
immer ausschließlich an die Hauptamtlichen adressiert.
Ehrenamt auf Honorarbasis?
Man wird als Ehrenamtliche gern gesehen. Wenn aber eine
hauptamtliche Alternative da ist, dann zählt man nichts,
meint sie und beklagt zudem die mangelnde Begleitung der
Ehrenamtlichen: Wir haben keinen Ansprechpartner, dem wir
sagen können, was uns belastet. Aber die Hauptamtlichen gehen in
ihre Supervision.
Letztendlich hatte die Pfarrgemeinderatsvorsitzende das Gefühl,
sich für die Strukturen aufzureiben und entschloss
sich, nicht mehr für die neue Wahlperiode zu kandidieren.
Ehrenamtlich tätig ist sie trotzdem weiterhin. Sie konzentriert
sich jetzt vor allem auf das, woran sie Freude hat.
Auf die Exerzitien im Alltag beispielsweise, die sie
seit fünf Jahren in der Gemeinde anbietet. Angesichts ihrer persönlichen
Erfahrungen und der Tatsache, dass der Laden
zusammenbricht, wenn wir Ehrenamtlichen aufhören würden,
plädiert Monika Schmied freilich dafür, verantwortlichen und
qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Gemeinde
ein begrenztes Honorar zu bezahlen. Damit sie
beispielsweise etwas für ihre Rentenkasse tun können,
meint sie.
Ungewohnte Gedanken zum Thema Ehrenamt . Denn dessen
besonderes Merkmal besteht ja gerade darin, dass man es einfach
so macht. Kostenlos eben. So wie das für die ältere
Generation der Ehrenamtlichen offenbar weitgehend selbstverständlich
ist. Es gibt Dinge im Leben, die sollte man ohne Geld
machen, meint Elisabeth Rudolph, die seit Jahrzehnten
ehrenamtlich in der Karlsruher Pfarrgemeinde St. Bonifatius tätig
ist. Ihr Engagement begründet sie ganz einfach aus ihrer Zugehörigkeit
zur Gemeinde. Und selbst mit dem Wort Ehrenamt hat
Elisabeth Rudolph Probleme. Es muss dabei um die Ehre
Gottes gehen und nicht um die eigene Ehre, betont sie.
Nur so lasse ich es gelten. Ähnlich argumentiert
Elisabeth Schnappinger aus der Nachbarpfarrei St. Stephan in
Karlsruhe. Ihrer Beobachtung nach ist die Bereitschaft zur
Mitarbeit und Hilfe nach wie vor groß. Aber wirkliche
Verantwortung wollen immer weniger Leute übernehmen, meint
sie.
Beide Frauen sind sich freilich darüber bewusst, dass diese
Entwicklung auch mit den Veränderungen in Kirche und
Gesellschaft zusammenhängt. Dass gerade den Frauen, die in
vielen Bereichen der Gemeindepastoral ehrenamtlich Verantwortung
übernehmen, heute immer auch die Türen ins Berufsleben offen
stehen. Und dass sich Väter heute ganz bewusst viel stärker im
Haushalt und im Zusammenleben mit den Kindern engagieren, als das
früher der Fall war.
Eigenverantwortlich handeln
Für Wolfgang Müller von der Abteilung Seelsorge
Personal im Erzbischöflichen Ordinariat ist der Gedanke
eines Ehrenamtes auf Honorarbasis problematisch. Wo grenze
ich ab?, fragt er und verweist auf die Aufgaben, die
beispielsweise Mitarbeiterinnen von Besuchsdienstkreisen in den
Gemeinden bewältigen. Da wird womöglich noch mehr Zeit
investiert als im Vorstand des Pfarrgemeinderats.
Dringlich ist Müller zufolge allerdings die konsequente
Erstattung der Unkosten, wie das vonseiten der Erzdiözese
bereits vor Jahren festgelegt worden ist. Wenn den
Ehrenamtlichen die Fahrtkosten genauso erstattet würden, wie den
Hauptamtlichen, dann sähen manche Gemeinden alt aus,
unterstreicht Wolfgang Müller. Weiteren Spielraum zur
finanziellen Förderung des Ehrenamtes sieht der Referent nicht.
Natürlich sei es wichtig, dass das ehrenamtliche Engagement mehr
Anerkennung bekommt. Leider wird in unserer Gesellschaft
unter Anerkennung oft eine Zuwendung in finanzieller Form
verstanden.
Vielleicht deshalb, weil andere Formen der Anerkennung zu wenig
gepflegt und beachtet werden auch und gerade in der
Kirche? Vielleicht deshalb, weil auch in der Kirche ein achtsamer
Umgang mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
gar nicht selbstverständlich ist, während ihr Engagement
dagegen als selbstverständlich vorausgesetzt wird? Vielleicht
deshalb, weil die Hauptamtlichen in den Gemeinden den
Ehrenamtlichen zu selten signalisieren, dass sie wirkliches
Interesse an ihnen haben?
Fest steht: Ein Ehrenamt in der Pfarrgemeinde wird heute nicht
mehr einfach so übernommen, nach dem Motto einer
muss es ja machen. Ein Ehrenamt muss auch attraktiv sein,
es soll nicht nur, aber auch Spaß und Freude machen. Schließlich
bietet die Gesellschaft vielfältige Möglichkeiten nicht nur zur
Freizeitgestaltung, sondern auch zum sinnvollen Engagement. Und für
viele gehört zu dieser Attraktivität des Ehrenamtes auch die Möglichkeit,
sich selbst einbringen zu können. Wer gewohnt ist, im
Berufsleben eigenverantwortlich und selbständig zu handeln, will
auch im Ehrenamt nicht einfach vorgegebene Aufgaben erledigen,
sondern eigene Ideen umsetzen.
Das Loch im Terminkalender
Nach Auffassung von Stefanie Bohlen, der Vorsitzenden des
Pfarrgemeinderates in Wittnau bei Freiburg, sollte die
ehrenamtliche Arbeit zukünftig auch in der Pfarrgemeinde stärker
projektorientiert, also zeitlich und thematisch
begrenzt, angeboten werden. Das heißt beispielsweise, dass sich
der Kirchenchor nicht nur über neue Mitglieder freut, die er
fortan zum festen Stamm der Sängerinnen und Sänger zählen
kann, sondern auch über Frauen und Männer, die nur ein
bestimmtes musikalisches Werk mit einüben und aufführen wollen
und anschließend wieder wegbleiben. Wir müssen uns darauf
einstellen, dass Leute dazustoßen, mitarbeiten und sich anschließend
einem anderen Projekt zuwenden, meint Stefanie Bohlen.
Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass einige da sein müssen,
die den Karren ziehen, die kontinuierlich dran bleiben und auch
nach außen hin für die Pfarrgemeinde stehen. Das Ehrenamt, das
nur mit Lust und Laune und ohne Anstrengung ausgeübt wird, wäre
noch zu erfinden. Stefanie Bohlen, halbtags berufstätig und
Mutter von drei Kindern, hat sich von vornherein auf viel Arbeit
eingestellt, zumal auch bei ihrem Amtsantritt die Gründung einer
Seelsorgeeinheit unmittelbar bevorstand. Sie handelt nach dem
Motto: Wenn du wirklich willst, findest du auch ein Loch im
Terminkalender. Voraussetzung sei natürlich, dass die
Familie dahinter stehe. Aber wer sich engagiert, sagt
sie, muss damit rechnen, dass dieses Engagement ein Stück
seines Lebens wird.
Michael Winter