Im Wettlauf gegen die Zeit
Die Suche nach den Opfern der NS-Zwangsarbeit braucht mehr Unterstützung
Mittlerweile ein medialer Dauerbrenner, beschäftigt die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter Politik und Kirchen gleichermaßen. Kommunen und Diözesen recherchieren nach Hinweisen auf den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in der Zeit des Nationalsozialismus. Um die Schwierigkeiten bei der Ermittlung ehemaliger Zwangsarbeiter und der gezielten Suche nach Überlebenden ging es bei einem Kongress der Diözesan-Akademie Rottenburg-Stuttgart.
Enttäuschungen und Rückschläge
gehören zum Geschäft, damit hat sich Günter Saathoff in der
jahrelangen Debatte um die Entschädigung ehemaliger
NS-Zwangsarbeiter längst abfinden müssen. Diesmal aber, so
hatte der Generalbeauftragte für die Bundesstiftung Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft gehofft, würde er schon über
Erfahrungen mit den ersten Zahlungen berichten können.
Doch dann waren neue Rechtsstreitigkeiten mit amerikanischen Anwälten
dazwischengekommen: die US-Richterin Shirley Kram zögerte, die
Sammelklagen von NS-Opfern gegen deutsche Banken abzuweisen,
woraufhin den deutschen Unternehmen die Rechtssicherheit nicht
gewahrt schien und der geplante Beginn von Entschädigungszahlungen
erneut verschoben wurde. So beißt sich die Katze in den
Schwanz. Und unversehens finde sich nun die
katholische Kirche als Speerspitze der Bewegung
wieder, so Saathoff.
Die Avantgarde der Versöhnung (Kardinal Karl
Lehmann), nun auch noch als Vorreiterin bei der
Zwangsarbeiter-Entschädigung das hat wohl alle
Beteiligten überrascht. Ähnlich wie die Vertreter der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte sich die Deutsche
Bischofskonferenz erst unter dem Druck der Öffentlichkeit zu
einem (finanziellen) Engagement für ehemalige NS-Zwangsarbeiter
entschließen können; anders als jene wollte sie sich jedoch
nicht an der Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft beteiligen, sondern ehemalige Fremdarbeiter in
kirchlichen Einrichtungen aus einem eigenen Fonds entschädigen.
Aus diesem haben nach Auskunft von Geschäftsführer Ferdinand
Michael Pronold bereits 30 Männer und Frauen Zahlungen von je
5000 Mark erhalten.
Weitere Opfer aufzuspüren ist Aufgabe der Bistümer, die von der
Bischofskonferenz mit der Recherche in Klöstern und kirchlichen
Einrichtungen beauftragt wurden. Das Engagement bei den
Nachforschungen ist jedoch sehr unterschiedlich: Während die
Erzdiözese München-Freising und das Bistum Rottenburg-Stuttgart
umgehend aktiv wurden, hielten sich die hessischen Bistümer zurück
bis der Internationale kirchliche Suchdienst in Arolsen
bei Stichproben in seinen Karteien fündig geworden war.
Im Erzbistum Freiburg ist die Suche nach möglichen
Zwangsarbeitern eher schleppend angelaufen. Wie der Erzbischöfliche
Archivoberrat Christoph Schmider gegenüber dem konradsblatt
betonte, sollen die Nachforschungen allerdings in nächster Zeit
intensiviert werden zumal vieles darauf hindeute, dass es
auch im Bereich der Erzdiözese Freiburg Fremdarbeiter gegeben
habe.
Dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart bereits im November eine
stattliche Liste überwiegend osteuropäischer Arbeitskräfte
zutage gefördert hatte und diese zum großen Teil sogar
namentlich identifizieren konnte, kommt nicht von ungefähr,
steht doch das Thema NS-Zwangsarbeiter schon seit
Anfang der neunziger Jahre auf dem Programm der Diözesan-Akademie
in Stuttgart-Hohenheim lange bevor sich eine breitere Öffentlichkeit
dafür interessierte. Mittlerweile sind 23 kirchliche
Einrichtungen bekannt, in denen zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeiter(innen)
eingesetzt waren. Anhand von Archivalien konnten über 130 Beschäftigungsverhältnisse
nachgewiesen und insgesamt 105 Personen 46 Frauen und 59 Männer
namentlich identifiziert werden.
Der nunmehr dritte Kongress dieser Art mit dem Titel Zwangsarbeit
in der Kirche, den die Diözesan-Akademie Mitte Februar
veranstaltete, sollte vor allem dem Erfahrungsaustausch von
Archivaren und Historiker(innen) dienen, die sich der Suche nach
Fremdarbeitern während des Zweiten Weltkriegs widmen. Ein Geschäft
von Ehrenamtlichen, angefangen bei den Angestellten in kommunalen
Archiven, denen trotz der Auftragslage personelle Unterstützung
versagt bleibt, über wissenschaftliche Mitarbeiter(innen) und
interessierte Amateure, bis hin zu den Geschäftsführern des
kirchlichen Suchdienstes. Neben einer durchwachsenen Quellenlage
viele Dokumente sind vernichtet oder verloren, mitunter
bereitet schon die Aktenablage Schwierigkeiten erschweren
Datenschutz und mangelnde Kooperation der beteiligten
Einrichtungen die Zusammenarbeit und den Austausch von
Ergebnissen.
Doch die Zeit drängt. Mögliche Überlebende
Zwangsarbeiter(innen) sind heute etwa achtzig Jahre alt, täglich
sterben viele von ihnen. Und nicht alle Diözesen gehen so
schnell und konsequent zu Werke wie das Bistum
Rottenburg-Stuttgart.
Neben einer verbesserten Zusammenarbeit, so das Fazit der
Hohenheimer Tagung, wird verstärkter Druck notwendig sein, vor
allem aus der Bevölkerung, die bislang noch zu wenig Anstalten
macht. Ferdinand Michael Pronold hat auch keine Hemmungen,
die bekannten gefürchteten Medien einzuschalten, um Ergebnisse
zu bekommen. Denn die haben ja schon einmal gute Dienste
geleistet.
Brigitte Böttner/konradsblatt