Im vergangenen November wurde das erste BSE-Rind in Deutschland entdeckt. Seither vergeht kaum ein Tag, an dem nicht weitere Fälle hinzukämen und neue Ungeheuerlichkeiten bekannt würden. Die Verbraucher sind verunsichert. Doch wie geht es den Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind? Darüber sprach die konradsblatt-Redaktion mit Landvolkpfarrer Werner Kohler

„Die Stimmung ist depressiv“

Landvolkpfarrer Werner Kohler zu den Auswirkungen der BSE-Krise

konradsblatt: Herr Pfarrer Kohler, welche Stimmung begegnet Ihnen, wenn Sie derzeit auf Höfe im Erzbistum kommen?

Kohler: Die Stimmung ist sehr schlecht, zuweilen sogar depressiv. Wir stehen auf dem Land ohnehin schon im Strukturwandel. Viele Betriebe zweifeln daran, dass sie eine Zukunft auch noch in der nächsten Generation haben. Dann kam der Sturm „Lothar“ dazu, der massive Schäden angerichtet hat. Und mit dem BSE-Skandal ist nun auch der Bereich Rinderhaltung betroffen. All das verstärkt die negative Entwicklung, so dass immer mehr junge Leute sagen: Mir ist diese Existenz als Landwirt zu riskant.

Stichwort: BSE-Krise. Wie erleben die Bauern die öffentliche Diskussion zu dem Thema?

Es ist nicht in Ordnung, dass sich die gesellschaftliche und politische Diskussion fast ausschließlich auf die landwirtschaftlichen Betriebe konzentriert. Die Ursachen bei BSE liegen ja woanders, nämlich im vorgelagerten und im nachgelagerten Bereich. Der Bauer kann noch so verantwortungsvoll arbeiten, wenn drumherum die Spielregeln nicht eingehalten werden: Wenn nämlich die Futtermittelindustrie und die verarbeitende Industrie nicht sauber arbeiten. Doch von denen muss sich kaum jemand öffentlich rechtfertigen, nur die Bauernvertreter sitzen in den Talkshows immer mit am Tisch. Erschwerend kommt hinzu, dass die Diskussion von Anfang an sehr stark emotionalisiert wurde. Es ist fatal, wenn der Bundeskanzler zwischen „Verbandsfunktionären“ und „redlichen Bauern“ unterscheidet. Auch bei der Einrichtung des neuen Ministeriums in Berlin klang es zunächst so, als sei dies eine Stelle, die den Verbraucher vor der Landwirtschaft schützen muss.

Gibt es Versäumnisse wirklich nur vor und nach dem Hof? Oder müssen sich nicht auch die Bauern etwas vorwerfen lassen?

Das Problembewusstsein war nicht genügend ausgeprägt. Man hat sich in falsche Sicherheit wiegen lassen, dass aufgrund der vermeintlich hohen Qualitätsstandards in allen Bereichen BSE hierzulande kein Thema sei. Wenn man keine Frage hat, bekommt man keine Antwort. Und die Landwirte haben sicher zu wenig nachgefragt, was denn eigentlich genau im Futter drin ist, was hinter den verschiedenen Kürzeln auf dem Etikett steckt. Man hätte von Anfang an darauf bestehen sollen: wir nehmen nur die Produkte ab, die tatsächlich auch in einem transparenten Verfahren hergestellt sind. Für dieses Versäumnis müssen wir jetzt schwer Lehrgeld bezahlen.

Wie beurteilen Sie die Forderung der Politik, dass es jetzt zu einem radikalen Umstieg in Richtung einer ökologischen Landwirtschaft gehen muss?

Es kann nicht um Ökoromantik gehen, genauso wenig wie um neoliberale Landwirtschaftspolitik. Auch die so genannte konventionelle Landwirtschaft ist in den vergangenen Jahren immer stärker zu einer naturnäheren, ökologisch orientierteren Wirtschaftsweise übergegangen. Hier hat sich sehr viel getan. Alles Weitere braucht Zeit und Geld – und muss im europäischen Zusammenhang gelöst werden. Es ist aber unrealistisch, anzunehmen, dass die alternative Landwirtschaft sich in wirklich großem Stil durchsetzt.

Warum?

Vor allem weil die Nachfrage fehlt. Kein Bauer wird sich scheuen, alternativ zu produzieren, solange er den entsprechenden Preis dafür bekommt. Aber man kann keine Vorleistung bringen, an der man wirtschaftlich zugrunde geht. Ökologisches Wirtschaften ist nun einmal teurer. Insofern entscheidet tatsächlich der Verbraucher, inwieweit der Weg in Richtung alternative Landwirtschaft geht. Wieviel Kaufkraft sind wir bereit, aus Bereichen wie Freizeit, Urlaub, den PS im Auto abzuziehen und für unsere Ernährung auszugeben? Vielleicht lässt uns die aktuelle Krise in dieser Hinsicht aufmerksamer werden. Denn es mögen vielleicht nur noch zwei bis drei Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten. Das Thema betrifft aber 100 Prozent der Menschen.

Von den großen Weichenstellungen einmal abgesehen: Was kann ein kirchlicher Verband wie das Landvolk, was kann auch ein Landvolkpfarrer in der jetzigen Situation tun?

In der Erzdiözese Freiburg gibt es seit mehr als zehn Jahren den Beratungsdienst „Familie und Betrieb“. Hier bekommen landwirtschaftliche Familienbetriebe, die in einer Existenzkrise sind, Hilfe und Begleitung. In diesem Rahmen haben wir den staatlichen Stellen bereits unsere Mitarbeit auch in der aktuellen Krise zugesichert. Wir können BSE nicht vom Hof bringen, wir können auch keine finanzielle Unterstützung gewähren. Aber wir können Menschen helfen, mit dem Problem leben zu lernen und sie beglei-
ten. Eine wichtige Aufgabe sehe ich darüber hinaus darin, die kirchliche Öffentlichkeit auf dem Land zu sensibilisieren. Die Seelsorger und die Pfarrgemeinden müssen sich der Menschen annehmen. Wenn das Problem BSE jemanden einholt, ist das nicht
nur eine wirtschaftliche Tragödie. Den Menschen wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Da müssen wir hingehen, mit den Menschen reden und so Flagge zeigen.

Interview: Stephan Langer

Beratung und Hilfe vom Landvolk

„Wir sind für Sie da.“ Unter dieses Leitwort hat die Landvolkbewegung in der Erzdiözese Freiburg ihr Hilfs- und Beratungsangebot gestellt. In drei Geschäftsstellen stehen „Landfachleute“ zum Gespräch bereit, um Familien in der Landwirtschaft Wege aus schwierigen Situationen – nicht nur BSE – zu suchen. Der Beratungsdienst „Familie und Betrieb“ ist zu erreichen:
für Nordbaden in Neckarelz, Rainer Wilczek, Telefon (0 62 61) 6 40 92.
für Südbaden in St. Ulrich, Eva-Maria Schüle, Birgit Motteler, Telefon (0 76 02) 920180.
für die Region Bodensee/ Hohenzollern/Meßkirch, Josef Nassal, Telefon (0 75 75) 48 98.