Im September beginnt für die Teilnehmerinnen des ersten Diakonatskreises für Frauen das dritte Ausbil-dungsjahr auch wenn keineswegs sicher ist, dass sie anschließend zu Diakoninnen geweiht werden. Um Nachwuchs braucht sich der Berufszweig dennoch nicht zu sorgen, denn ein zweiter Kurs ist schon in Planung.
Beruf gefunden kirchliche Anstellung gesucht
Vierzehn Frauen aus ganz Deutschland bereiten sich auf den Diakoninnenberuf vor
Eine Stellenausschreibung im
kirchlichen Amtsblatt war es nicht, eher ein Angebot auf offener
Straße. Ob sie Hilfsbedürftige gepflegt, verwaiste Jugendliche
betreut, Familien in schwierigen Verhältnissen besucht hatten
oder ihre Erfahrungen in der Schulklasse, im Dienst auf der
Krankenstation und im Kinderheim am Ort den Ausschlag gaben:
Irgendwann haben die Frauen gemerkt, dass ihr Engagement mehr war
als nur ein Ehrenamt. Berufung wäre wohl der
richtige Ausdruck.
In diesem Sinne haben vor zwei Jahren vierzehn Frauen aus ganz
Deutschland mit der Ausbildung zur Diakonin in der
katholischen Kirche begonnen. Ein Amt, das es in der
katholischen Kirche noch nicht oder nicht mehr
gibt. Auch ein Motuproprio, ein Gesetz auf päpstliche
Initiative, wie es Paul VI. 1967 zur Wiedereinrichtung des Ständigen
Diakonates der Männer auf den Weg brachte, steht für weibliche
Amtsanwärter noch aus. Die Initiative zum ersten Diakonatskreis
für weibliche Diakone geht vielmehr auf das 1996 in Münster
gegründete Netzwerk Diakonat der Frau zurück: Ähnlich
wie sich Anfang der sechziger Jahre einige Männer auf den
Diakonat vorbereitet hatten, ohne dass das Amt offiziell wieder
eingerichtet worden war, sollten sich auch Frauen auf den
Diakonat vorbereiten können, in der Hoffnung, später von der
Kirche angestellt zu werden.
Frauen sind schon lange auf dem Weg zur Diakonin
Wie die Forderung nach der Wiederbelebung des Amtes reicht auch
die Diskussion um die Ordination von Diakoninnen bis in die
sechziger Jahre zurück; mit dem Stuttgarter Fachkongress von
1997 zum Thema Diakonat: Ein Amt für Frauen in der Kirche
ein frauengerechtes Amt? kam sie erneut auf die
kirchliche Tagesordnung. Die Kirche braucht den Diakonat
der Frauen, heißt es im damals einstimmig verabschiedeten
Votum der Versammelten, mit dem die deutschen Bischöfe
aufgefordert werden, beim Apostolischen Stuhl ein Indult zu
erwirken eine kirchenrechtliche Ausnahmeregelung, die die
Weihe von Diakoninnen in den Diözesen ermöglichen würde.
Offizielle Stellungnahmen aus den Bistümern, zustimmender wie
ablehnender Art, gibt es bis heute nicht. Anders als die
Priesterweihe der Frau, die mit der päpstlichen Erklärung
Ordination Sacerdotalis von 1994 von Rom negativ
beschieden wurde, gilt die Frage nach der Ordination von
Diakoninnen als offen. Einzelne Bischöfe haben bereits ihre
Sympathie mit dem Projekt bekundet; dass Frauenverbände und
Einzelpersonen das Projekt Diakonatskreis unterstützen,
ist mehr als Ehrensache: Denn anders als die männlichen
Diakonatsbewerber, deren Ausbildung die Diözesen übernehmen, müssen
die weiblichen die Kurskosten von rund 2500 Mark selbst tragen.
Was die Berufspraxis betrifft, sind viele Frauen schon sehr lange
auf dem Weg zur Diakonin. Die theoretischen Voraussetzungen holen
sie nach. Minimum ist der Würzburger Grund- und Aufbaukurs
Theologie, den einige parallel zur Ausbildung im Diakonatskreis
mit sechs Seminar-Wochenenden pro Jahr und sechs Stunden
praktischer Arbeit in der Woche absolvieren. Wie bei den Männern
steht nach den Schwerpunkten Diakonie und Caritas im ersten und
Verkündigung im zweiten Lehrjahr zum Schluss die Liturgie auf
dem Lehrplan. Abgesehen von der Frage nach der Zulassung zur
Weihe gibt es noch andere geschlechtsspezifische Abweichungen,
zum Beispiel das Kapitel Frauen und Liturgie.
Das Angebot Diakonatskreis hat mich angesprochen, weil ich
denke, dass das Amt innerhalb der Kirche durch Frauen neu gestärkt
und belebt werden sollte, sagt die Münsteranerin Ludgera
Brinker, die sich seit dreißig Jahren in der Jugendarbeit und in
ihrer Gemeinde engagiert. Frauen sollten die Möglichkeit
haben, ein Amt zu bekleiden und somit auch an verantwortlicher
Stelle in der Kirche zu arbeiten. Dass die Ausbildung einer
Mutter mit drei noch recht kleinen Kindern einiges abverlangt,
verschweigt die 41-Jährige nicht. Aber gleichzeitig erlebe
ich doch eine sehr große Bereicherung und Bestätigung und habe
das Gefühl, dass das für mich der richtige Weg ist.
Die Gemeinde muss sagen, ob sie den Dienst braucht
Uta Becker ist eine von fünf Teilnehmerinnen aus dem Bistum
Rottenburg-Stuttgart. Die 32-jährige Krankenschwester hat den
Fernkurs Theologie schon vor einigen Jahren belegt, als sie nach
einer Möglichkeit suchte, die körperliche Pflege der Kranken
mit einer geistlichen Begleitung zu verbinden. Ich habe
dann vom Diakonat gehört und mir gedacht: Als Krankenschwester
hauptamtlich tätig und im Zivilberuf Diakonin zu sein das
wäre der Beruf, in dem ich beides verwirklichen kann. An
ihrer Ausbildung hat die Frauengemeinschaft der Heimatgemeinde in
Heilbronn-Biberach mitgestrickt: 70 Paar Strümpfe im Wert von
500 Mark als Ausbildungszuschuss, vielleicht auch, damit
die mutigen Frauen unterwegs keine kalten Füße bekommen müssen.
Beim Abschlusswochenende des zweiten Lehrjahres in Waldbreitbach
im Westerwald geht es um Amt und Ordination. Wozu leistet sich
die Kirche Dienste und Ämter? Wozu dient die Weihe? Gastredner
Guido Bausenhart, der wie alle Referentinnen und Referenten beim
Diakonatskreis ehrenamtlich auftritt, beherrscht
nicht nur die Theorie; fünfzehn Jahre in der Ausbildung von
Pastoralreferentinnen und -referenten im Bistum
Rottenburg-Stuttgart haben seinen Zugang zum Thema Laien und
Amtsträger geprägt. Konkurrenz zwischen beiden lässt er nicht
gelten, geht es dabei doch nicht um Mehr- oder Nichtkönnen. Wenn
Aufgaben festgelegt und Ämter eingerichtet werden, dann allein
aus der Notwendigkeit heraus. Das Kriterium des Paulus
lautet, dass der Dienst die Gemeinde aufbaut, stellt
Bausenhart fest. In dem Moment, wo ein wieder belebtes Amt die
diakonale Dimension in der Gemeinschaft sichern
solle, werde der Dienst in der Kirche zum Dienst der Kirche.
Somit sei die Ordination nicht nur eine Angelegenheit von
Kandidat oder Kandidatin und Weihespender: Die Gemeinde
muss sagen, ob sie den Dienst braucht, betont Bausenhart.
Eine Funktion, die obsolet geworden ist, muss auch nicht amtlich
gesichert werden.
Der Diakon zielt auf die Not, das Stichwort aus dem
Vortrag hat Irmgard Kämper beschäftigt. Sie ist nicht die
Einzige, der Vortrag hat alle nachdenklich gemacht. Ich
merke, dass mein Dienst gebraucht wird, sagt die
Ostfildnerin. Aber die Entscheidung für den Diakonatsweg ist
erneut auf den Prüfstand gerückt. Wozu die Ausbildung und wozu
die Weihe? Um das, was ich jetzt schon tue, mit Auftrag und
Autorität zu tun, meint die Religionslehrerin Renate
Herter. Frauen haben in der Kirche genauso ihren Platz wie
die Männer, am Altar und in der Welt, fasst Bettina
Heinrichs aus dem Erzbistum Köln ihre Überlegungen zusammen.
Der historische Rückblick habe gezeigt, dass sich das Amt seit
den Anfängen verändert habe, es kann sich wieder verändern.
Für Stefanie Patt aus Mainz stellt die Weihe auch eine Art
Qualitätssicherung dar.
Ludgera Brinker ist die Letzte in der Runde. Das Wichtigste an
der sakramentalen Weihe sei für sie der Zuspruch der
liebenden Nähe Gottes. Diese Motivation eint die vierzehn
Frauen jenseits ihrer Unterschiede von Herkunft und Beruf: Sie
wollen zu Diakoninnen geweiht, von ihrem Bischof beauftragt
werden, um mit ihrer Sendung zum Dienst an den Nächsten
offiziell im Auftrag der Kirche unterwegs zu sein.
Ist eine Beauftragung als Diakonin möglich?
Ursula Kubera vom Vorstand Netzwerk Diakonat der Frau
erwartet nicht, dass die Diözesanbischöfe die Frauen sofort
weihen, aber dass sie eine offizielle Beauftragung
erhalten, im diakonalen Feld zu arbeiten. Eine Beauftragung
der Diakonin im Sinne einer Sendungsfeier, ähnlich wie sie bei
Pastoralreferentinnen und -referenten stattfindet, halte sie in
einigen Diözesen für möglich, nachdem einige Frauen im persönlichen
Gespräch mit ihrem Bischof entsprechende Rückmeldungen bekommen
hätten.
Gute Nachrichten aus den Diözesen sind im Diakonatskreis
immer willkommen, und an diesem Wochenende sind sie sogar
ausgesprochen zahlreich: Anfragen hier und Vorträge dort,
zahlreiche Interessensbekundungen und Ermutigungen zum Weitermachen.
Nachwuchssorgen gibt es bislang auch nicht: Weil sich schon 20
Interessentinnen angemeldet haben, wird dem ersten Diakonatskreis
in Kürze ein zweiter folgen.
Gute Aussichten also für die Diakoninnen? Was das Ziel ihrer
Ausbildung betrifft, sind die Pionierinnen auf dem Weg zum
Frauenamt durchaus realistisch geblieben: Sie wissen, dass sie in
nächster Zukunft nicht damit rechnen können, zur Diakonatsweihe
zugelassen zu werden. Von ihrem Traumberuf wird sie
das jedoch nicht abhalten können: Mit vollem Einsatz als
Diakonin unterwegs zu sein für die Menschen und für ihre
Kirche.
Brigitte Böttner