Im Dienste am Menschen
Predigt zum Jahreswechsel von Weihbischof Paul Wehrle an Silvester im Freiburger Münster
1 In wenigen Stunden liegt das
Jahr 2000 hinter uns und gehört doch bleibend mit allem
Auf und Ab zu uns, bleibt ein Abschnitt unserer eigenen
Lebensgeschichte. Für die Kirche wurde das Jahr 2000 als
Heiliges Jahr ausgerufen. Es sollte zu einer großen Einladung
werden, unseren Glauben zu vertiefen, um so dann auch wieder zu
einer neuen Freude aus dem Glauben zu finden. Das Heilige Jahr
wollte uns Impuls sein, wieder unmittelbarer und bewusster aus
dem Ja Gottes zu jedem Einzelnen zu leben und so bei allen
Mühen des Alltags zu innerst etwas von der Freiheit des
Christseins zu erfahren.
Es gab viele Initiativen und konkrete Pilgerwege unter dem Bogen
des Heiligen Jahres; doch die eher etwas graue und mitunter
belastende Atmosphäre im Blick auf Glauben und Kirche speziell
in unserem Land wurde nicht wie durch ein kräftiges Wehen des
Geistes weggeblasen
Man hörte zwar von ermutigenden
Ereignissen andernorts (ob in Rom oder anderen Wallfahrtsorten);
doch die frohen Erzählungen verstummten nicht selten zwischen
einem Ja aber: Schon gut und recht, aber bei uns inmitten
dieser Spannungen und strittigen oder auch lähmenden
Diskussionen da versandet die Frische des Heiligen Jahres
wie eine auslaufende Welle am Strand!
2 Bei der Frage nach den Hintergründen für solches Erleben könnten
wir durchaus selbstkritisch erkennen müssen, dass ich mich
selbst nicht nachhaltig genug um die Vergewisserung und
Vertiefung im Glauben bemüht habe und das Heilige Jahr so nicht
bis in die Freude und den Dank für das heilende Handeln Gottes
in Jesus Christus hineinführen konnte.
Die Antwort muss an dieser Stelle freilich offen bleiben
nicht zuletzt deswegen, weil die Vertiefung und Vergewisserung im
Glauben immer ebenso Geschenk aus dem Wirken des Geistes Gottes
wie nur eigenes Tun ist. Und es könnte auch sein, dass wir als
Kirche bei uns derzeit einfach einen steinigen Weg vor uns haben,
der uns aufgegeben ist und den wir in Treue durchhalten sollen.
Solche Zeiten gab und gibt es in der Geschichte Gottes mit seinem
Volk immer wieder, sowohl früher wie wohl auch heute. Nicht von
ungefähr finden entsprechende Abschnitte des Alten Testamentes
bei vielen Gläubigen ein unmittelbares Echo, weil ganz auch in
unsere Zeit hineingesagt!
3 Was ansteht, für jeden Einzelnen und für uns als Gemeinschaft
im Glauben insgesamt, das ist eine vertiefte Hinwendung zur Mitte
des Handelns Gottes in Jesus Christus für uns. Wir sollten uns
selbst redlich Fragen stellen wie:
Auf welches Wort hörst du denn, wenn die vielen und nicht selten
widersprüchlichen Stimmen unserer Tage nur noch verwirren?
An wen hältst du dich tatsächlich, wenn die Wege schwierig und
unübersichtlich werden?
Was gibt verlässlich Kraft und Brot zum Leben, wenn sich viele
bunt aufgemachte Angebote doch als hohl und fad erweisen?
Hier ist uns im Bild des gehörten Evangeliums vom Rebstock und
den Rebzweigen (vergleiche Johannes 15, 19) ein klarer
Hinweis gegeben: Nur wenn die Rebzweige am Rebstock bleiben, also
nur wenn wir Verbindung mit Jesus Christus haben, kann unser
Glaube wachsen und Frucht bringen. Dabei sind die Rebzweige
zuerst mit dem Rebstock und durch ihn dann auch untereinander
verbunden. Das heißt, wir sind konkret durch Taufe und Firmung
mit Jesus Christus und durch ihn dann auch untereinander
verbunden, eben als Schwestern und Brüder im Herrn. So können
wir dann Frucht bringen, das heißt als solche, die
zum Herrn gehören und so Kirche sind, Gesicht und Profil finden,
in Tat und Wort zu Zeugen werden für das Wirken Gottes.
4 Dies geschieht aber nicht wie in einer heilen, idealen Welt
sondem eben mitten in unseren Tagen und in unserer
Gesellschaft. Als Kirche, als Gemeinschaft im Glauben Frucht zu
bringen, heißt dann (um mit Bildworten aus dem
Johannesevangelium zu sprechen) einander und anderen zu werden,
was Jesus Christus für uns ist: nämlich Weg und Licht und Tür
und Brot zum Leben
Frucht bringen dies meint also nicht gleich
wieder ein Aktionsprogramm nach dem anderen aufzulegen und so nur
die Hektik unserer Tage noch zu verdoppeln. Frucht bringen
meint, dass wir in der Kraft des Geistes Gottes für die Menschen
heute offenbar, also zeichenhaft werden lassen dürfen, was in
Jesus Christus gegenwärtig geworden ist: die
Menschenfreundlichkeit Gottes. Durch die Hingabe Jesu wird
erneuert und wieder gut, was ursprünglich, also vom
Ursprung der Schöpfung her eigentlich als gut
geschaffen war.
5 Davon sind wir freilich meilenweit entfernt, wenn wir auf uns
selbst, unsere Gesellschaft und die Welt schauen; an zwei, drei
Stichworten wird dies schnell deutlich: a) Ein erstes Stichwort
ist der Friede immer wieder neu erhofft und doch so
vielfach brüchig oder gar aus egoistischen Interessen verhindert
ob im Kleinen oder Großen! Der Friede ist dem gegenüber
Ausdruck der Nähe Gottes; er ist die Erstlingsgabe des
auferstandenen Herrn; Friede ist die Gabe des Geistes Gottes für
unseren Pilgerweg durch die Zeit, und Friede ist die Verheißung
im einmal vollendeten Reich Gottes. Wo Christen leben, muss sich
dieser Bogen des Friedens wölben.
Die Fakten heute sprechen jedoch meist in einer anderen Sprache:
Die Kriege in einzelnen Gegenden der Erde werden zahlreicher und
nicht selten brutaler und grausamer. Als Kirche und Christen
werden wir nur glaubwürdig, wenn wir selbst auf die versöhnende
Kraft des ersten Schrittes setzen wie dies Gott in Jesus
Christus für uns getan hat und so dann für die Welt zu
Boten des Friedens werden. Wir können jenen Frauen und Männern
nur dankbar sein, die dies beispielhaft leben und tun.
b) Ein anderes Stichwort für den Dienst der Kirche, die
Menschenfreundlichkeit Gottes offenbar werden zu lassen und so
Frucht zu bringen, ist das Anliegen eines gerechten
Miteinanders in unserer Gesellschaft. Wir haben dafür im
Vergleich zu manch anderem Land viele guten Vorgaben bis in das
Grundgesetz hinein. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass
sich Nutzen und Zweck, Kapital und Gewinn immer ungenierter und
gar rücksichtslos in den Vordergrund drängen, das
wirtschaftliche Handeln einseitig bestimmen und die soziale
Gerechtigkeit unterhöhlen. Die Börsennachrichten werden zu den
Top-Meldungen unserer Tage und zum Kriterium für das konkrete
und nicht selten nur profitorientierte Handeln. Der Gewinn zeigt
sich aber längst nicht nur (wenn überhaupt) am Stand der
Aktienkurse, sondern weit mehr darin, ob wir einander gerecht
werden; ob in einer Gesellschaft gerechte Chancen zur Teilhabe
und zum Mitwirken bestehen und so dann auch eigene Initiativen
und eigene Verantwortung Raum finden können. Dies gilt nicht
zuletzt im Blick auf jene Menschen, die im wahrsten Sinn des
Wortes arm dran sind ob äußerlich oder auch seelisch, ob
fremd, ausländisch oder gar ausgegrenzt. Auch diesen Menschen
gerecht zu werden dies macht den Rang und die innere
Qualität einer Gesellschaft aus. Hier gilt es, sich aus
christlicher Grundhaltung heraus im öffentlichen Leben zu
engagieren und so erfahrbar werden zu lassen, dass das Evangelium
unmittelbar relevant ist für die Gesellschaft unserer Tage.
c) Ein weiteres und zentrales Anliegen, bei dem deutlich wird,
dass wir die verkündete Menschenfreundlichkeit Gottes erst
einholen müssen, ist die Würde jedes einzelnen Menschen
weil einmalig und nicht einfach austauschbar, weil ganz persönlich
von Gott beim Namen gerufen und angeschaut: Du! Über diese Würde
gibt es nichts zu verhandeln und zu gewähren denn sie ist
von Gott selbst dem einzelnen Menschen geschenkt. Es gilt, diese
Würde des Menschen zu respektieren!
Dieser Hinweis wird zunehmend weniger verstanden in unseren Tagen
oder gar ironisierend belächelt. Aber Gott lässt seiner
nicht spotten! Bilden wir uns doch nicht ein, dass wir
Menschen vor der Versuchung gefeit wären, den vermeintlichen
Nutzen nicht schnell über die Würde des Menschen zu stellen
der dann tatsächlich nur noch der Ausgenützte
ist. Wo Menschen sich zu Konstrukteuren menschlichen Lebens
machen, da werden sie über kurz oder lang auch zu Profiteuren
solchen Tuns werden wollen!
Wir stehen derzeit in hochaktuellen und brisanten Entwicklungen
der Gentechnologie. Die Zusammenhänge sind ausgesprochen
vielschichtig und ein bloßes Entweder-oder führt nicht weiter:
Entweder gar keine Forschung und Entwicklung oder: alles
ist erlaubt! Die Verantwortung des Menschen ist angesichts der
rasant wachsenden Berge des Wissens und der technischen Möglichkeiten
viel differenzierter und deshalb herausfordernder: Welche
Schritte dienen tatsächlich dem Menschen selbst, seinem
menschenwürdigen Dasein und der Einsicht, bei all dem selbst
Geschöpf vor Gottes Angesicht und ihm verantwortlich zu sein?!
Der rücksichtslose Umgang des Menschen mit sich selbst und der
Schöpfung wird zu Hypotheken führen eine Ahnung davon
bekommen wir ja in diesen Tagen durch aktuelle Meldungen ,
die ihn irgendwann erdrücken und des Lebens im wahrsten Sinn des
Wortes nicht mehr froh werden lassen
6 An der Schwelle zum neuen Jahr sind wir aufgefordert, ganz
elementar nach dem Woher und Wohin unseres Menschseins zu fragen:
Worauf dürfen wir hoffen und unter welcher Verheißung können
wir dies tun?
Meiner Beobachtung nach wächst die Nachdenklichkeit in unserer
Gesellschaft darüber, dass wir mit den so genannten ethischen
Ressourcen, also mit der Kraft zu einem verantwortlichen Handeln,
nicht leichtfertig umgehen können in der Meinung, eine solche
Kraftquelle stünde beliebig zur Verfügung. Man kann nicht
dauernd aus einer Quelle schöpfen, ohne diese Quelle nicht auch
umsorgen und hüten zu wollen!
Manche äußere Hektik, Umtriebigkeit und Betriebsamkeit in den
Geschäften und Abläufen unserer Tage verdecken ja nur, dass längst
schon für viele Menschen unterschwellig die Sorge und gar Angst
zu spüren sind: Was trägt denn eigentlich noch? Was ist denn
letztlich mit mir selbst und wer rettet mich vor dem Verdacht,
dass am Ende doch alles sinnlos sei?!
Hier füreinander und für andere wie Licht und Weg und Tür zu
sein, hier aus der Verbundenheit mit Jesus Christus heraus in der
Gemeinschaft des Glaubens erkennbar zu werden wie Zeichen
und Werkzeug für das heilende Handeln Gottes mitten in
unseren Tagen dies ist der elementare und ermutigende
Lebensdienst der Kirche in unserer Zeit.
Der Auftrag, wie die Rebzweige am Rebstock, so aus der
Verbundenheit mit Jesus Christus heraus heute Frucht zu
bringen, dies hat nichts mit Anmaßung zu tun; dies ist
vielmehr der uns vom Herrn selbst aufgegebene Dienst. In seinem
Namen dürfen wir deshalb auch mit aller Demut und mit einem
gesunden Selbstbewusstsein zugleich unsere Berufung leben
nämlich dankbare Zeugen zu sein für das Wirken Gottes auch in
unseren Tagen und ins neue Jahr 2001 hinein!