Hier kann ich nicht mehr arbeiten – die Erkenntnis kommt fast immer zu spät. Arbeitnehmer, die von ihren Kollegen pausenlos drangsaliert werden, können irgendwann nicht mehr, werden krank und verlieren oft ihren Arbeitsplatz. Hilfe bieten so genannte Mobbing-Telefone.

„Das Opfer wird zermürbt“

Mobbing am Arbeitsplatz macht krank

Ein Arbeitsplatz im Keller, ohne Fenster und ohne Telefon. Als Architektin Silke Frey* aus der Kur zurückkommt, steht ihr Schreibtisch plötzlich da unten. „Wir haben keinen anderen Platz mehr, niemand möchte mit Ihnen gemeinsam in einem Büro sitzen“, sagt der Chef. Die Kolleginnen sprechen schon lange nicht mehr mit ihr, gemeinsame Konferenzen finden ohne sie statt, bei der Verteilung von Aufträgen geht Silke Frey meistens leer aus. Die 50-Jährige ist ein Mobbing-Opfer. Ihr Leidensweg ist lang: Los ging es damit, dass ihr alter Chef starb und der Nachfolger eine Reihe jüngerer Kolleginnen einstellte. Mit ihren 50 Jahren war Silke Frey die Ausnahme. In den Pausen standen die anderen zusammen, sie war allein. Wenn die Mitarbeiter Mittagessen gingen, wurde sie nicht gefragt.
Ein schleichender Prozess: „Am Anfang steht ein Konflikt, der harmlos sein kann und bei dem noch nicht klar erkennbar ist, wer das Opfer wird und wer der Täter“, erklärt der Freiburger Arbeitspsychologe Professor Heinz Schüpbach. „Irgendwann nimmt der Konflikt an Schärfe zu und an der Bereitschaft, ihn eskalieren zu lassen.“ Die Kollegen verbünden sich, das Opfer steht allein da. Häufig sind sogar die unmittelbaren Vorgesetzten beteiligt, laut einer schwedischen Studie geht sogar rund ein Drittel der Attacken von ihnen aus. Auch bei Silke Frey: Ihr Chef gibt wiederholt zu verstehen, dass er ihre Arbeit nicht sonderlich schätzt. Und er ist es sogar, der im Kollegenkreis das Gerücht verbreitet, Silke Frey sei psychisch labil.
Dafür, dass jemand gemobbt wird, gibt es viele Gründe. Wenn jemand anders ist als die anderen und deshalb unbeliebt, steht er schnell allein da, die Kollegen wollen ihn loswerden. „Das kann sogar sein, weil einer nicht raucht oder Vegetarier ist“, sagt Klaus-Peter Spohn-Logé vom evangelischen Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) Mannheim, der Mobbing-Opfer berät. Häufig liege es auch daran, dass der Betroffene nur das Arbeiten auf Anweisung gewohnt sei. Spohn-Logé: „So jemand kommt mit den steigenden Erwartungen ans Kommunikationsverhalten nicht zurecht und grenzt sich dadurch aus.“ Deshalb kommt Mobbing vor allem in den Arbeitsbereichen vor, in denen Teamarbeit gefragt ist und es keine strenge hierarchische Organisation gibt. Der öffentliche Dienst nimmt eine Spitzenstellung ein, da sind sich die Experten einig. Mobbing kommt vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen vor, in der Pflege, in Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten. Außerdem in der Verwaltung sowie im Handel, bei Banken und Versicherungen. Kirchliche Einrichtungen gehen nicht selten mit schlechtem Beispiel voran, so die Erfahrung von Mobbing-Beratern. Eine weitere Ursache für Mobbing ist der wachsende Rationalisierungsdruck. Angestellte haben Angst um ihren Arbeitsplatz und versuchen, Kollegen wegzuekeln. Oft mit Erfolg. Und in manchen Fällen haben sogar Vorgesetzte von ganz oben die Order, unliebsame Beschäftigte zu „beseitigen“. Schließlich ist es billiger für das Unternehmen, wenn jemand von sich aus kündigt, als wenn der Betrieb den Entlassenen eine hohe Abfindung bezahlen muss. „Und im öffentlichen Dienst geht der Personalabbau praktisch nur noch über Mobbing, weil die Mitarbeiter unkündbar sind“, sagt Erika Reger, stellvertretende Diözesanvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Freiburg.
In den allermeisten Fällen funktioniert die Methode. Aber wenn das Mobbing-Opfer den Betrieb verlässt, hat es meist einen langen Leidensweg hinter sich: Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, Herz- und Kreislaufprobleme, Schlafstörungen, Angstzustände bis hin zu Depressionen und Selbstmordgedanken, manche flüchten sich in Alkohol und Zigaretten – der Druck, unter dem die Betroffenen tagtäglich stehen, hat Folgen. Auch Silke Frey kann bald nicht mehr. Sie geht zum Arzt, wird krank geschrieben, aber als sie wiederkommt, ist alles noch schlimmer. Sie kann sich nicht konzentrieren, und auf einmal macht sie wirklich die Fehler, die ihr schon seit langem angedichtet werden. Damit liefert sie Gründe für ihren Chef, sie abzumahnen. „Das Opfer wird zermürbt“, sagt Professor Schüpbach.
Viele wollen ihr Problem nicht wahrhaben, und wenn, wissen sie nicht, wer ihnen helfen kann. Im Raum der Erzdiözese gibt es drei Mobbing-Telefone kirchlicher Träger. In Freiburg haben die KAB und der KDA gemeinsam mit den Gewerkschaften DGB und DAG vor eineinhalb Jahren das Mobbing-Telefon ins Leben gerufen. Das Mannheimer Mobbing-Telefon von DGB und KDA gibt es seit drei Jahren. Und seit kurzem bietet auch der KDA in Karlsruhe Beratung für Mobbing-Opfer an. In den Zeiten, zu denen die Apparate besetzt sind, stehen sie kaum still, berichten die Berater. Sie haben eine psychologische und juristische Schulung gemacht und arbeiten ehrenamtlich. Ihre Aufgabe ist es, zunächst einmal zuzuhören. Dann ist die Frage, ob das Opfer psychische oder arbeitsrechtliche Folgen zu befürchten hat. Steht die Kündigung kurz bevor, raten die Experten zunächst, keinen Auflösungsvertrag zu unterschreiben und nennen Adressen von Rechtsanwälten. Leiden Opfer bereits unter psychischen Folgen, können sie beim Mobbing-Telefon die Namen von Psychologen erfahren, die auf Mobbing spezialisiert sind. „Manche Fälle gehen schon unter die Haut“, sagt Erika Reger von der KAB. „Die Berater dürfen zwar mitfühlen, aber nicht mitleiden.“ Regelmäßig treffen sie sich mit einem Supervisor, um einzelne Fälle zu besprechen. Die meisten Anrufer sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, es melden sich etwa doppelt so viele Frauen wie Männer.
Nach Schätzungen sind 1,5 Millionen Menschen in Deutschland von Mobbing betroffen. Laut einer aktuellen Untersuchung ist in Großstädten bereits jeder vierte Berufstätige einmal zum Opfer geworden, in ländlichen Gebieten jeder sechste. Und Mobbing ist teuer. Die Kosten für verminderte Leistungsfähigkeit und Fehlzeiten trägt der Arbeitgeber, die für ärztliche Hilfe die Krankenkassen. Experten gehen von einem Betrag zwischen 50 000 und 100 000 Mark je Betroffenem aus.
Das Problem der Opfer: Sie erkennen meist erst viel zu spät, welches Spiel die Kollegen mit ihnen treiben. Und sie haben niemanden im Betrieb, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Selbst Betriebs- und Personalräte wissen oft nicht, wie sie mit Mobbing im Unternehmen umgehen sollen. Eigentlich ist die Situation nur zu retten, wenn ein Opfer frühzeitig das Gespräch sucht. „Fragen Sie den Gegenüber direkt, was er gegen Sie hat. Dadurch drehen Sie die Position um“, rät Erika Reger. „Oder sprechen Sie mit dem obersten Vorgesetzten.“ Ein Anruf beim Mobbing-Telefon kann Mobbing-Situationen entschärfen, die erst am Anfang stehen. Bei rund dreiviertel der Fälle ist es allerdings schon zu spät. Die Kluft zwischen dem Opfer und seinen Kollegen ist unüberwindbar. Dann kann ein Beratungsgespräch immerhin zu der Erkenntnis führen: „Hier kann ich nicht weiterarbeiten.“ So wie bei Silke Frey. An dem Schreibtisch im Kellerraum hat sie nicht mehr gesessen.

Burkhard Schäfers

* Name geändert

Hinweis: Beim Mobbing-Telefon kann jeder anrufen, die Beratung ist kostenlos. Mannheim: (06 21) 1 56 17 17 (Di 14 bis 16 Uhr, Do 17 bis 19 Uhr), Freiburg: (07 61) 29 28 00 99 (Di und Do 17 bis 19 Uhr), Karlsruhe: (07 21) 9 17 53 66 (nach Vereinbarung).