Gruppenbild mit Rahner

Ein Freiburger Theologe verfolgt die Fährte seiner Kollegen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Personenkult ist seine Sache nicht. Zumindest nicht, wenn er selbst hineinverwickelt wird. Doch ein Porträt in der Bistumszeitung ist kein Risiko mehr, wenn es zum Flüchten ohnehin zu spät ist: Ein Preis hat Günther Wassilowsky prominent gemacht.
Es gehört wohl zur menschlichen Spezies, immer auf der Suche zu sein nach Köpfen und Vorbildern. Wer eins gefunden hat, verfasst vielleicht spontan ein Porträt, eine Biographie oder ein Buch über die betreffende Persönlichkeit. Bei Günther Wassilowsky waren es zunächst Lexikonartikel – wenn man sein journalistisches Frühwerk bei der „Hohenzollerischen Zeitung“ einmal unberücksichtigt lässt; fünf Beiträge hat er zur Neuauflage des renommierten Nachschlagewerks „Religion in Geschichte und Gegenwart“ (RGG) beigesteuert, unter anderem über die Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul I.
Im August soll Wassilowskys erstes Buch erscheinen, wieder eine Art Porträt, das vor kurzem mit dem „Karl-Rahner-Preis für theologische Forschung“ ausgezeichnet wurde. Seither zählt der 33-Jährige zur Fachprominenz, weniger der Prämie (mit 10 000 Mark entspricht sie eher einem Druckkostenzuschuss für die Buchveröffentlichung) als ehrenhalber: Was den Literaten der Büchner- und den Journalisten der Pulitzer-, ist den Theologen der Rahner-Preis, der 1984 anlässlich des 80. Geburtstags von ehemaligen Schülern und Assistenten des Altmeisters gestiftet wurde.
Günther Wassilowsky hat über eine Handvoll deutsche Theologen promoviert, und natürlich gehört Karl Rahner dazu. „Wer sich heute mit der neueren Theologie beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei“, sagt Wassilowsky auf die Frage, wie er sein Thema gefunden habe. Doch lag es wohl auch an der Faszination des theologischen Virtuosen Rahner, der wie kein anderer souverän „mit allen Spielbällen der Tradition“ hantiert. Und wer sich durch sein dickleibiges Werk hindurcharbeitet, eignet sich ganz nebenbei eine Theologiegeschichte im Kleinen an.

Der Einfluss der Konzilsteilnehmer aus Deutschland

Dass sich auch Günther Wassilowsky zum Historiker entwickelt hat – sozusagen mit Schlagseite Konzil – liegt auch an seinem Doktorvater, dem Freiburger Dogmatiker Peter Walter; er gilt als nüchterner Vertreter seiner Zunft, weiß aber die Liebe zum Detail zu vermitteln. Seit Oktober betreut Wassilowsky an Walters Lehrstuhl ein Projekt zur Geschichte der deutschen katholischen Theologie im 20. Jahrhundert.
Die These, dass der Einfluss der Konzilsteilnehmer aus Deutschland weit größer und nachhaltiger war als in der Forschung gemeinhin zugestanden, hat den Nachwuchswissenschaftler für mehrere Jahre in sämtliche Rahner-haltigen Archive verschlagen. Bei der Suche nach Schriftlichem, das auf dem Konzil selbst verfasst wurde und somit unter Umständen den Verhandlungsprozess selbst dokumentieren könnte, hat Günther Wassilowsky engagierte Unterstützung wie handfesten Widerstand erlebt. Über den Frankfurter Jesuitenpater Alois Grillmeier fand er schließlich den sprichwörtlichen „Schatz im Acker“: das Konzilstagebuch von Otto Semmelroth, mit dem seine Arbeit eigentlich erst richtig anfing.
„Bislang bin ich in den Archiven auf keinen einzigen ,Rahner-Text’ gestoßen, von dem ich behaupten würde, dass Rahner ihn ,alleine’ verfasst hat“, heißt es in einem Zwischenbericht zu seiner Forschung über „Die ,Textwerkstatt‘ einer Gruppe deutscher Theologen auf dem II. Vatikanum“, deren innerem Kreis neben Semmelroth und Grillmeier auch der damalige Bischof von Mainz, Hermann Volk, angehörte.
Personenkult hin oder her: Als einsamer Träumer von der Zukunft der Kirche hätte auch ein Karl Rahner keinen Stich auf dem Konzil gemacht. Im Gegenteil, sein Beitrag lässt sich von der Gemeinschaftsproduktion gar nicht lösen, das hat Günther Wassilowsky jetzt nachgewiesen.

Ganz ohne Personenkult geht es nicht

Die Begeisterung sitzt tief, und über die Verdienste jener illustren Truppe lässt sich immer noch schwärmen. Die Deutschen hätten ihr Bestes gegeben, um dem Konzil einen Text anzubieten, der zwar ihren theologischen Überzeugungen Rechnung tragen, andererseits aber eine konsensfähige Alternative bieten wollte, erklärt Wassilowsky. Man merkt, dass er jeden einzelnen Schritt der Textwerdung nachvollzogen hat – so weit die Quellen reichten.
Was aber macht der Forscher, wenn er nicht gerade in die Quellen der Konzilsgeschichte abtaucht? Er unterrichtet zum Beispiel. Als Reli-Lehrer am Freiburger „Kepler“ oder im Villinger Gymnasium am Romäusring kann man sich zumindest bei dem Versuch verausgaben, die abgehobene Universitätstheologie zu erden. Und sich jenes „direkte Feedback“ abzuholen, das beim einsamen Forschen ausbleibt.
Ein paar Jahre lang hat sich der gebürtige Rangendinger mit dem Gedanken an den Priesterberuf oder einen Ordenseintritt auseinander gesetzt – und beide Optionen fürs Erste ad acta gelegt.
„Universales Heilssakrament Kirche. Die Ekklesiologie einer Gruppe deutscher Theologen auf dem II. Vatikanum – historisch-systematisch rekonstruiert im Spiegel der Konzilsbeiträge von Karl Rahner.“ Diesen Titel hatte sich Günther Wassilowsky für seine Dissertation überlegt. Der Verlag war anderer Meinung. Wo Rahner drin ist, muss auch Rahner draufstehen. Kein Markenprodukt kommt ohne entsprechendes Logo ins Regal. Also: „Karl Rahners Beitrag zur Ekklesiologie des Zweiten Vatikanum.“ Ganz ohne Personenkult geht es nicht. Das dürfte auch der Rahner-Preisträger in diesen Wochen zu spüren bekommen.
Brigitte Böttner