Gleichermaßen atemberaubend wie umstritten im Münchener Stadtteil Neuhausen ist ein spektakulärer Kirchenneubau ent-standen. Die Herz-Jesu-Kirche ist architektonisch ein Meilenstein, an den sich die Gläubigen freilich erst langsam gewöhnen.
Wie offen sind wir?
Die neue Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen besticht durch eine moderne Architektur
Vom Spätmittelalter in die
Zukunft. So eine Zeitreise dauert manchmal nur ein paar Minuten.
Wer sich am Münchener Marienplatz in die U-Bahn setzt, lässt
schnell die Frauenkirche hinter sich jenes Wahrzeichen,
das die Isarstadt der ausgehenden Gotik verdankt. Vier, fünf
Stationen weiter kann man bestaunen, wie heute Kirchen gebaut
werden. Im Stadtteil Neuhausen steht das erst vor kurzem geweihte
Gotteshaus Herz Jesu. Die Kirche mit der
atemberaubenden blauen Glasfassade ist nicht nur Münchens
modernster Kirchenbau (Kardinal Friedrich Wetter), sondern
Herz Jesu dürfte weit darüber hinaus Beachtung
finden.
Dass München derzeit diese wichtige Adresse in Sachen Kirchenbau
der Zukunft ist, war nicht geplant. Schließlich sind Neubauten
von Gotteshäusern inzwischen eine Ausnahme. Wenn heute Bauleute
in kirchlichem Auftrag tätig werden, dann zumeist nur, weil es
jede Menge zu renovieren und zu restaurieren gibt. Viele Kirchen
aus der Nachkriegszeit beziehungsweise aus den 60ern und 70ern
schreien zwar nach Hege und Pflege. Die geringer werdende Zahl
der Gläubigen findet da-rin aber problemlos Platz. Auch die
Pfarrgemeinde Herz Jesu hätte nicht im Traum an
einen Kirchenneubau gedacht, wäre nicht das alte Gotteshaus vor
gut sechs Jahren einem Brand zum Opfer gefallen.
Was tun nach diesem Totalschaden? Die Ärmel hochkrempeln,
schnell eine neue Kirche hinzimmern und zur Tagesordnung übergehen?
Genau das war in München-Neuhausen schon zweimal geschehen. Die
erste Herz-Jesu-Kirche war eine umgebaute Festhalle
gewesen. Die wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die nächste
Kirche baute man mit Teilen eines Gebäudes, das Hitlers
Wachmannschaften auf dem Obersalzberg als Kino gedient hatte.
Aber diesmal entschied man sich gegen eine Notkirche
und für den wirklich großen Wurf, also einen Neubau
ermuntert nicht zuletzt durch die hohe Versicherungssumme von 24
Millionen Mark für die Vorgängerkirche. Die Diözesanleitung
schrieb einen Architektenwettbewerb aus, bei dem knapp 160
Vorschläge eingingen.
Atemberaubend und umstritten
Den ersten Preis erhielt ein Münchener Büro, und das ist
die eigentliche Sensation es durfte ihn auch umsetzen. Die
Entwürfe verschwanden nicht mit dem Vermerk schön, aber
leider nicht realisierbar in Vitrinen oder Schubladen.
Sondern das Erzbistum machte wirklich Ernst: Man sah die Chance,
mit aktuellen Strömungen und Entwicklungen der Architektur in
Dialog zu treten und damit auch draußen,
in der Welt, ernst genommen zu werden. Kurz gesagt:
Die Diözesanleitung wollte diese Kirche.
Im Stadtteil selbst wurden die Pläne der Architekten dagegen
alles andere als begeistert aufgenommen. Der Bau musste von
Anfang an mit Anfeindungen leben. Zu kühl, zu nüchtern sei die
Kirche. Dieser Glaskasten gleiche eher einem Bürobau
als einem Gotteshaus, hieß es. Er passe nicht ins Viertel. Auch
die eher konservativ geprägte Pfarrgemeinde bis in die
90er Jahre wurde die Messe auf Latein gefeiert hatte Mühe
mit der neuen Kirche. Auf der ersten Pfarrversammlung zu dem
Neubau habe es bürgerkriegsähnliche Zustände
gegeben, erinnert sich einer. Im Zuge der heftigen
Auseinandersetzungen blieb sogar ein Pfarrer auf der Strecke: er
geriet zunehmend zwischen verschiedene Fronten, erzählt
die Festschrift.
Die Symbolik will vermittelt werden
Ein Neuer packte es an. Seit Herbst 1999 leitet Pfarrer Hans Späth
die Gemeinde Herz Jesu. Er stand und steht hinter dem
Neubau-Projekt. Er weiß aber auch, dass die ungewohnte
Architektur übersetzt werden will. Die Akzeptanz wächst,
wenn der Bau offen und engagiert vertreten und seine neuzeitliche
Symbolik vermittelt wird, sagt Hans Späth. Und diese
dicken Bretter bohrt er unablässig. Bevor die Gemeinde
nach dreijähriger Bauzeit und genau sechs Jahre nach dem
verheerenden Brand am vergangenen Christkönigssonntag mit
Kardinal Friedrich Wetter in ihre neue Kirche einzog, hatte es
Vorträge und einen Predigtzyklus zur Vorbereitung gegeben. Und
immer wieder finden Kirchenführungen statt: Architekt Amandus
Sattler und Pfarrer Späth nehmen dann gemeinsam die Besucher
gewissermaßen bei der Hand und führen sie in die Bildsprache
der Kirche ein.
Ein solcher Rundgang beginnt draußen. Der Besucher steht
vor der mehr als 16 Meter hohen Front aus blauem Glas. Besonders
beeindruckend: an Hochfesten wie bei der Kirchweihe im November
oder jetzt zu Ostern lässt sich die Wand auf fast ganzer Höhe
öffnen. Die wahrscheinlich größten Kirchentüren der Welt
laden zum Eintritt, zur Mitfeier ein. Hier klingt bereits das
Grundthema von Herz Jesu an: Offenheit. Die
Transparenz der Baumaterialien, das geöffnete Portal, später
dann die Lichtführung im Inneren all das sei ein stetiger
Imperativ an die Gemeindearbeit, wie Pfarrer Späth
erklärt: Wie offen sind wir für alle, die Stille suchen,
für das, was draußen passiert?
Betritt der Besucher den Glaswürfel, gelangt er zunächst in
eine Zwischenzone hinter das blaue Glas der Außenhaut und
vor die helle Lamellenkonstruktion, mit der der eigentliche
Gottesdienstraum im Innern abgetrennt ist. In diesem relativ
schmalen Gang lässt sich der Feierraum komplett umwandern, und
hier hat ein moderner Kreuzweg seinen Platz bestehend aus
Fotos der Via Dolorosa in Jerusalem.
Jedes Licht macht die Kirche anders
Der Eintritt in den eigentlichen Gottesdienstraum ist ein
Erlebnis für sich. Zunächst gilt es, fast schon ein Nadelöhr
zu durchschreiten: man duckt sich unwillkürlich angesichts der
niedrigen Decke unter der Orgelempore. Dann öffnet sich
spektakulär der weite, klare und helle Innenraum. Die Kirche
wirkt plötzlich sehr groß. Und sie ist ausgerichtet auf ein überdimensionales
Kreuz, das in eine Metallkonstruktion eingewebt ist. Das
Besondere im Innern ist die Lichtführung: Je nach Tageszeit und
damit Lichteinfall stellt sich die Situation unterschiedlich dar.
Jedesmal, wenn ich in die Kirche komme, erlebe ich sie
anders, sagt Architekt Sattler.
Es steckt viel Symbolik in der Herz-Jesu-Kirche
Symbolik freilich, die gedeutet und erklärt werden muss.
Dazu gehört beispielsweise das immer wiederkehrende Thema Passion
etwa im Text der Johannes-Passion, der mittels eines
Nagel-Alphabets auf die Fassade geschrieben ist. Oder
in den Wundmalen, die im Boden eingelassen wurden. Im Kontrast zu
der modernen Gestaltung steht das Gemälde der Madonna mit Kind
aus dem 16. Jahrhundert, dessen Anschaffung der Förderverein der
Kirche ermöglicht hat. Geborgenheit, Mystik (bei bestimmter
Lichtsituation scheinen Marienbild und Tabernakel unsichtbar zu
schweben) das sind weitere Themen, welche die Architektur
im Innern anspricht.
Überholtes Liturgieverständnis?
Herz Jesu ist ohne Frage ein architektonisches
Ereignis. Doch ob sie wirklich in jeder Hinsicht ein richtungsweisender
Sakralbau für das 21. Jahrhundert (Kardinal Wetter) ist,
wird von Seiten der Liturgiewissenschaft bezweifelt. Das Ganze
komme vielleicht als Gebäude schön und modern daher es
drücke jedoch ein überholtes Liturgie- und Raumverständnis
aus, meint etwa der Münsteraner Liturgieprofessor Klemens
Richter. Die traditionelle Anordnung zweier Bankblöcke im Gegenüber
zum Altarraum mache beispielsweise nur die Feier einer Liturgie
in Formen von gestern möglich, heißt es in einer
wissenschaftlichen Arbeit. Herz Jesu eine
Kirche hauptsächlich zum Anschauen, zum Bestaunen, um Konzerte
anzuhören, aber weniger um miteinander lebendige Gottesdienste
zu feiern, Gemeinde zu sein?
Die Münchener jedenfalls freunden sich langsam mit ihrer neuen
Kirche an. Heute schimpft kaum einer mehr auf Herz Jesu
als Aquarium oder Containerhalle wie noch
vor Monaten. Die 90-prozentige Ablehnung sei in ein Verhältnis
von 60 Prozent Befürworter und 40 Prozent Gegner umgeschlagen,
schätzt Pfarrer Späth. Die heftige Diskussion um Herz
Jesu habe jedenfalls Kirche wieder ins Gespräch gebracht,
sieht er das Positive der vergangenen Monate. Und sie habe
deutlich gemacht, dass Kirche und Architektur sich auch heute
noch etwas zu sagen haben: Wer katholischen Kirchenbau nur
mit dem Barock identifiziert, kommt hier nicht mehr mit.
Stephan Langer