„Glauben vernünftig ins Gespräch bringen“

Der Freiburger Verlag Herder schließt sein „Lexikon für Theologie und Kirche“ ab

Es ist mehr als eine von vielen Vorstellungen einer Neuerscheinung auf dem religiös-theologischen Buchmarkt: Der Verlag Herder in Freiburg stellte im Jahr seines 200. Bestehen den elften und letzten Band seines nun vollständig vorliegenden „Lexikons für Theologie und Kirche“ (LThK) vor. Der Präsident des vatikanischen Einheitsrates und Herausgeber des LThK, Kardinal Walter Kasper, würdigte das Werk angesichts des theologischen Pluralismus, der in ihm zum Tragen komme.

Die Veröffentlichung eines lexikalischen Werkes dieser Größenordnung ist ein kirchenpolitisches Ereignis. Weltweit sucht das LThK seinesgleichen. Auf mehr als 8000 Seiten werden in zehn Bänden rund 26000 Artikel angeboten, von 37 Fachberatern und 4150 Autoren zusammengetragen. Der elfte Band enthält 400 nachgetragene Stichworte. Die unterschiedlichsten Wissensgebiete sind vertreten – eben die, die für eine sachgemäße Darstellung von Theologie, Kirche, Christentum nach heutigem Verständnis erforderlich sind.

Dem theologischen Pluralismus Rechnung tragen

Erhältlich ist das Nachschlagewerk nur als Gesamtwerk – bis zum Jahresende zum Subskriptionspreis von 4950 Mark. Ab 1. Januar 2001 beläuft sich der Preis auf 2700 Euro. Die derzeitige Auflage liegt bei 7250 Exemplaren, davon sind allein 6700 Subskriptionen. Eine englischsprachige Internetversion des LThK ist vom Verlag angekündigt, lässt aber noch auf sich warten.
Sieht man von einem Vorläuferwerk im 19. Jahrhundert ab, ist das LThK nun in dritter, völlig neu bearbeiteter Auflage erschienen. Der letzte Band der ersten Auflage erschien 1938, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, unter der Federführung von Michael Buchberger, zuletzt Bischof von Regensburg. Auch die zweite Auflage, geprägt von der Theologie Karl Rahners, markierte eine Übergangszeit: Abgeschlossen wurde es nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, ohne freilich dessen Ergebnisse bereits voll verarbeiten zu können.
Federführender Herausgeber der dritten Auflage ist Walter Kasper, inzwischen Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen in Rom, zuvor Bischof von Rottenburg-Stuttgart beziehungsweise Dogmatikprofessor in Tübingen.
Die zweite Auflage lebte von der Umbruchssituation in Christentum und Kirche Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Die Bedingungen für die dritte Auflage waren gänzlich andere. Kardinal Kasper umschrieb sie mit dem Hinweis, eine bestimmte theologische Richtung sei diesmal nicht vorgegeben worden: „Sollte das Werk repräsentativ sein, so musste es dem stark gewachsenen theologischen Pluralismus Rechnung tragen.“ So sind diesmal erstmals auch nicht-katholische Fachleute als Autoren vertreten.
Zur näheren Charakterisierung des LThK verwies Kasper auf die drei Leitworte der katholischen Tübinger Schule des 19. Jahrhunderts: Kirchlichkeit, Wissenschaftlichkeit, lebens- und praxisorientierte Offenheit. Mancher in der Kirche wird den theologischen Pluralismus des LThK kaum so positiv sehen, wie Kardinal Kasper dies tut, und mancher meint zwischen Kirchlichkeit und Wissenschaftlichkeit eine größere Spannung zu erkennen als der oberste Ökumeniker der katholischen Kirche – beides zeigt aber nur, dass dieses Werk nicht einfachhin selbstverständlich ist.
Dieses Lexikon ist Ausdruck der Überzeugung, dass es dialogische Prozesse braucht, in denen sich die kirchliche wie theologische Entwicklung vollzieht, ja ein solches Lexikon ist selbst ein „dialogischer Prozess“ (Kasper). Angesichts der bekanntermaßen schwierigen innerkirchlichen Entwicklung auf vielen theologischen und Seelsorge-Gebieten wirkt das Lexikon für Theologie und Kirche in seiner jüngsten Auflage wie ein entschiedenes Bekenntnis dazu, dass sich der Glaube auch heute vernünftig ins Gespräch bringen lässt (Kasper) – ohne ungeistige und konfessionalistische Enge.

Jede Generation erarbeitet ihr Lexikon

Aber noch in anderer Hinsicht ist dieses Werk nicht selbstverständlich. Schon das Äußere jedes einzelnen Bandes mutet im Zeitalter des Internet und der Elektronisierung des Medienbetriebs durchaus etwas unzeitgemäß an. Muss ein solches Werk nicht schon überholt sein, wenn es erscheint?
Verleger und Herausgeber glauben dennoch, dass dieses Werk in seiner Buchform wie in seinen Inhalten in die Zeit passt. Mitherausgeber Peter Walter, Dogmatik-Professor in Freiburg, zeigte sich überzeugt, dass das Werk „nicht so von heute“ sei, „dass es morgen schon von gestern ist“.
Ob dann eines späteren Tages eine vierte Auflage noch in Buchform erscheinen, ja ob man überhaupt noch die Kraft zu einer vierten Auflage haben wird, muss heute niemanden beunruhigen. Wie sagte doch Alt-Verleger Hermann Herder, der diese dritte Auflage wesentlich angestoßen und möglich gemacht hat: „Ein Lexikon muss in jeder Generation neu erarbeitet werden.“

Klaus Nientiedt