Getroffen in Freiburg
Raimon Panikkar (Barcelona)
Die Freiburger Evangelische und die Katholische
Erwachsenenbildung, die Katholische Akademie Freiburg sowie der
ortsansässige Verlag Herder laden seit kurzem etwa fünfmal im
Jahr zu einer neuen Veranstaltungsreihe ein: spektrum
spirituell. Einblicke in eine sich radikal verändernde
religiöse Landschaft. Diesmal: der indisch-spanische Vordenker
des interreligiösen Dialogs und Autor des Verlags Herder, Raimon
Panikkar.
Ist der Religionendialog ein altes oder ein neues Thema? Hermann
Herder, der Seniorchef des Verlages Herder, stellte dem Publikum
diesen Wanderer zwischen den religiösen Welten vor. In den 50er
Jahren hat er ihn bereits kennen gelernt. Also doch ein altes
Thema?
Was ein breiteres Publikum heute als ein neues Thema erfährt,
hat einen langen Vorlauf ... etwa den Vorlauf der Biographie
dieses faszinierenden Mannes. Vater indischer Hindu, Mutter
spanische Katholikin. Der Sohn wächst interreligiös und
mehrsprachig auf. Während des spanischen Bürgerkriegs schickt
man ihn zum Studium nach Deutschland: Chemie in Bonn.
Als Christ bin ich gegangen, als Hindu habe ich mich
gefunden und als Buddhist kehre ich zurück, ohne jedoch aufgehört
zu haben, ein Christ zu sein. So umschrieb der 1918
geborene Panikkar einmal seine Pilgerschaft zwischen Ost und
West. Er lebt wie ein Einsiedler in den Bergen bei Barcelona,
seiner Geburtsstadt.
Während er, befragt von Gotthard Fuchs, Theologe aus dem
Rhein-Main-Gebiet, assoziativ seine Gedanken vorträgt, öffnet
sich ein weites Spektrum religiöser Geistigkeit. Die
Gottesfrage, Gott als Beziehung, die Unsagbarkeit Gottes,
trinitarische Wirklichkeit und trinitarischer Gott da sage
jemand, man rede hierzulande immer nur über die nur allzu
bekannten innerkirchlichen Streitfragen.
Frage an Panikkar, wie er es um die Wahrheitsfrage bestellt
sieht. Eine absolute Wahrheit, eine Wahrheit an sich gibt es für
ihn nicht. Wahrheit sei Tradition, Beziehung. Die Menschen hätten
oftmals den existenziellen Bezug zur Wahrheit verloren.
Befürchtungen über ein ständiges Wechseln religiöser Identität
zerstreut er. Das ständige Hin und Her ist für ihn kein Weg:
Alle Wege führten zwar zum Gipfel, aber der Weg zwischen den
Wegen nicht.
Frage: Was ist Gott für ihn? Antwort: Gott ist das, was Ihre
Einsamkeit beendet. Frage: Was ist der Religionendialog? Antwort:
Schule der Demut; Einblick in die eigene Geschichtlichkeit;
Möglichkeit, die Unzulänglichkeit der eigenen Sprache zu
erfahren; einzige realistische Möglichkeit, einen Beitrag zum
Frieden zu leisten.
Und das Christentum? Die Christenheit sei gestorben, das
Christentum mit seinem Credo, mit seiner Lehre in einer Krise,
aber die Christlichkeit sei lebendiger denn je.
Panikkar redete viel an diesem Abend. Aber der Mann weiß, dass
es darauf letztlich nicht ankommt: Das letzte Wort ist ein
leeres Wort, das Schweigen. Das wichtigste Wort ist vielleicht
Amen sagen.
Klaus Nientiedt