Geschichte zum Anfassen

Ruth Worzalla liest erlebte Begebenheiten aus ihrer Kindheit

E s wird oft die Frage gestellt: „Was geht uns das heute noch an, was vor über 50 Jahren in Deutschland passierte?“ Diese Frage stellt Ruth Worzalla oft an den Anfang ihrer Besuche in Schulklassen. In ihren Lesungen, die sie im Rahmen des Geschichts- oder Religionsunterrichtes hält, gibt sie ihre ganz persönliche Antwort darauf und lässt dadurch Geschichte greifbar werden.

Erinnerungen wider das Vergessen

Ruth Worzalla erzählt den Schülerinnen und Schülern aus ihrer Kindheit während der Zeit der NS-Diktatur. In Berlin geboren, wurde sie am 1. September 1939, dem Tag als der Zweite Weltkrieg ausbrach, eingeschult. Infolge der Kriegswirren besuchte sie vierzehn verschiedene Schulen.
Öffentlich über ihre Kindheit spricht Worzalla noch nicht lange. Ihre Erinnerungen erzählte sie bis vor ein paar Jahren nur im Verwandten- und Bekanntenkreis. Im Jahre 1996 jedoch rüttelte sie eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog auf. Anlass war der erste Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Besonders eine Passage aus dieser Rede hatte es ihr dabei angetan: „Geschichte verblasst schnell, wenn sie nicht Teil des eigenen Erlebens war. Deshalb geht es darum, aus der Erinnerung wieder lebendige Zukunft werden zu lassen.“ Durch Freunde und Bekannte ermutigt, fing sie an, ihre Erinnerungen an die Kindheit im Berlin der ersten Kriegsjahre aufzuschreiben. Sie wollte nun auch andere Menschen an ihren Erlebnissen teilhaben lassen. Wider das Vergessen. „Ich schreibe heute über gestern für morgen“, so ihr Motto.
Ihr Manuskript liegt inzwischen auch als Buch vor. Seitdem liest Worzalla, die seit 1990 in Waldkirch lebt, Schulklassen in ganz Baden-Württemberg aus „... es fehlte die Puppe“ vor (siehe auch „konradsblatt“, Ausgabe 46/2000).
Eine von acht Erzählungen in ihrem Band ist die Geschichte „Shalom Ruth“. Es ist diejenige, die sie regelmäßig mit den Schülerinnen und Schülern bespricht. Worzalla stellt darin aus der Sicht des Kindes dar, wie ihre jüdische Freundin – sie hieß ebenfalls Ruth – an einem Spätsommertag im Jahre 1941 mit ihrer Familie auf einen Lastwagen verfrachtet und abtransportiert wurde. Männer mit braunen Hemden und blank geputzten Stiefeln hatten die beiden Mädchen, sie waren die besten Freundinnen, vor ihrem gemeinsamen Wohnhaus in Berlin-Mitte auseinander gerissen. Für immer, wie sich herausstellen sollte. Es gab keinen Abschied, keinen Händedruck, nicht einmal hinterherwinken durfte sie. Vorbei war das gemeinsame Spiel mit den Puppen. Fragen, die sie stellte, wurden nicht mehr beantwortet. Die Hilflosigkeit angesichts der täglichen Erfahrungen und Einschränkungen, der alltäglichen Bedrohung des Lebens, wurde immer größer.

Verantwortung für das Nie-Wieder


Sich Fragen nach dieser Zeit zu stellen, zusammen mit den Schülerinnen und Schülern nach Antworten zu suchen, darum geht es Ruth Worzalla. Und darum, aus diesen Erfahrungen Lehren für die Zukunft zu ziehen. „Es geht nicht um die Frage der Schuld. Für die Taten und Unterlassungen der Großeltern können wir nicht die Verantwortung tragen. Aber Deutschland und jeder Einzelne trägt heute die Verantwortung für das Nie-Wieder.“
Ein Gefühl für diese Verantwortung entwickeln, das sollen auch die Schülerinnen und Schüler. Die gebürtige Berlinerin regt dazu an, darüber nachzudenken, ob heute Ähnliches wieder passieren könnte. Sie fordert auf, aufmerksam zu sein und den kleinsten Anzeichen von Diskriminierung mit Zivilcourage entgegenzutreten, denn – das ist ihr wichtig: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es im Grundgesetz.
Für diese Maxime einzutreten, macht ihr sichtlich Freude. Im Alter hat sie doch noch ihren Traumberuf Lehrerin ein Stück weit verwirklichen können, nachdem man es ihr in der DDR verwehrt hatte. Damals, als sie 1948 von Bayern nach Ostberlin zurückkehrte, weigerte sie sich, in die FDJ einzutreten und durfte diesen Beruf deshalb nicht ergreifen. So wurde sie Krankenschwester. Schließlich gelang es Ruth Worzalla, nach Westberlin überzusiedeln. Ihre Liebe zur Jugendarbeit konnte sie dann nach dem Studium der Sozialpädagogik beruflich verwirklichen. Auch als Rentnerin ist sie Pädagogin mit Leib und Seele geblieben. Jedoch werden bei ihr keine Fakten gepaukt, die Kinder sollen vielmehr aus ihren Erzählungen lernen. „Geschichte muss anhand von Beispielen vermittelt werden. Theorie allein bringt nicht so viel“, meint Worzalla. Die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler gibt ihr Recht.

Markus Weber

Hinweis:
Das Oberschulamt vermittelt Lesungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für Schulen. Wer sich dafür interessiert, kann sich an folgende Adresse wenden:
Oberschulamt Freiburg
Herr Schönstein
Eisenbahnstraße 68
79098 Freiburg
Telefon (07 61) 2 82 51 18

oder direkt bei Ruth Worzalla
Fischermatte 10,
79183 Waldkirch
Telefon und Fax (0 76 81) 82 86