Gemeinsam mit den katholischen Bildungswerken im Südwesten hat der Südwestrundfunk (SWR) ein einmaliges Langzeitprojekt unternommen: „Das dritte Leben.“ Die Fernsehmacher haben über zehn Jahre hinweg 30 Senioren aus ganz Deutschland begleitet und zeigen anhand dieser Beispiele Facetten des Älterwerdens um die Jahrtausendwende.

Blick in die Kochtöpfe

„Das dritte Leben“ im SWR: Älterwerden um die Jahrtausendwende

In meinem Leben hat sich ganz grundlegend etwas verändert, weil sich mein Mann von mir getrennt hat. Nun stehe ich vor einer Situation, die ich im Moment überhaupt nicht bewältigen kann.“ Eva Moussa spricht in die Kamera, zu einem Millionenpublikum. Aber die Hausfrau steht nicht im Fernsehstudio bei „Jürgen Fliege“ oder „Vera am Mittag“, sondern auf dem heimischen Balkon. Sie nimmt am Langzeitprojekt „Das dritte Leben“ des Südwestrundfunks (SWR) in Zusammenarbeit mit katholischen Bildungswerken im Südwesten teil. 30 Menschen, die 1992 in Rente gingen, werden über einen Zeitraum von zehn Jahren mit der Kamera begleitet. Ziel des Projektes ist es, Ängste vor dem Älterwerden abzubauen, ein zeitgemäßes Altersbild zu erzeugen und zu zeigen, wie sich der Ruhestand abwechslungsreich gestalten lässt.
„Wir haben es mit einer Pioniergeneration zu tun“, erklärt Hermann Josef Heinz, Leiter des Bildungswerks der Erzdiözese Freiburg. Es gibt immer mehr ältere Menschen in Deutschland, und diese werden dank der modernen Medizin gesünder älter. Heinz: „Sie wollen ihr Leben nicht ausgleiten lassen, sondern etwas daraus machen.“ Der Ruhestand als Unruhestand: Die Senioren genießen ihre neue Freiheit, suchen sich Hobbys wie Reisen, eine Sammlung oder den eigenen Garten.
Einerseits möchte „Das dritte Leben“ vermitteln, dass das Leben auch im Alter einen Sinn hat. Andererseits verschweigt es aber auch nicht die schwierigen Erfahrungen, die die Projektteilnehmer gemacht haben, wie etwa Eva Moussa. „Zu Beginn haben die Kandidaten oft Vorstellungen geäußert, die so nicht eingetreten sind“, berichtet Hermann Josef Heinz. „Das Leben verläuft eben nicht linear.“ Also mussten sie den Umgang mit unerwarteten Erfahrungen lernen.
Eine große Herausforderung auch für die Fernsehmacher. Sie wollen das Älterwerden möglichst ungefiltert zeigen, gleichzeitig heißt das oberste Ziel: „Wir dokumentieren nur das, was die Teilnehmer dokumentiert haben möchten.“ Dazu hat mit jedem Kandidaten einmal im Jahr ein ganztägiges Interview stattgefunden. Außerdem haben die TV-Macher ebenfalls jährlich einen der Projektteilnehmer porträtiert und dabei ein bestimmtes Thema aufgegriffen: „Auseinandersetzung mit der Sinnfrage“ – „Der Umgang mit Schicksalsschlägen“ – „Krankheit und Leid“ etwa. Schließlich gibt es Treffen mit den so genannten Wissenschaftlichen Beiräten des Projekts.
„Wir können wirklich in die Kochtöpfe hineingucken“, sagt SWR-Redakteur Hermann Sturm. „Die Teilnehmer sind sehr offen.“ Freimütig erzählen sie von Schicksalsschlägen wie Krankheit oder Trennung. In den Gesprächen zeigt sich: Immer wichtiger werden im Alter Bilanz- und Sinnfragen. Was war? Was kommt noch? Und: Was ist nach dem Tod? Die Fragen sind selten abstrakt – die Projektteilnehmer blicken zurück auf ihren Beruf, auf ihre Beziehung, das Erwachsenwerden ihrer Kinder, und sie schmieden Pläne für den Zeitvertreib in den kommenden Jahren.
Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, dass sich Menschen vor der Kamera verstellen und versuchen, eine Rolle zu spielen. Aber gerade die Dauer des Langzeitprojekts sorgt dafür, dass die Kandidaten sich zunehmend natürlich verhalten.
Die katholischen Bildungswerke unterstützen das Projekt, das bis zu seinem Abschluss im Jahr 2002 sieben bis zehn Millionen Mark gekostet haben wird. „Der seelisch-psychische Verlauf dieser Lebensphase ist kaum erforscht“, sagt Bildungswerkleiter Hermann Josef Heinz. Und SWR-Fernsehdirektor Christof Schmid ist überzeugt: „Das dritte Leben wird für die gerontologische Forschung und den gesamten sozialwissenschaftlichen Bereich eine herausragende Bedeutung haben.“

Burkhard Schäfers

Das 3. Leben - Sendetermine 2001

Seit neun Jahren begleitet die Fernsehkamera das Leben von 30 Ruheständlern. Die Beobachtungen münden jährlich in drei Filme à 45 Minuten. Die Sendetermine sind in diesem Jahr:
* Samstag, 1. Dezember,
* Samstag, 8. Dezember,
* Samstag, 15. Dezember,
jeweils 16 Uhr
Am Samstag, 22. Dezember, 15 Uhr, schließt sich eine Diskussionsrunde mit den Teilnehmern sowie Fachleuten an
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