Für den ausländischen Besucher bietet sie Kunstgewerbeartikel der besonderen Art. Ihre religiösen Themen zeugen von der katholischen Prägung des Landes. Dem Betrachter schafft sie Zugänge zum kollektiven Unbewussten seiner Menschen: Volkskunst ist im Nachbarland Polen auch Ausdruck der in den Köpfen der Menschen weiterhin gegenwärtigen dörflich-bäuerlichen Vergangenheit dieses Landes.

Der Paradiesgarten der kleinen Leute

Polnische Volkskunst erzählt Lebensgeschichten

Er stemmt sein dornengekröntes Gesicht in seine Hände und stützt die Arme auf seine Oberschenkel. Über seinem Gesicht liegt ein melancholischer Ausdruck: „Christus im Elend“, eine der bekanntesten religiösen Darstellungen innerhalb polnischer Volkskunst. Das Motiv kennt nicht nur die Volkskunst – als Motiv der Volkskunst ist es jedoch noch eindrücklicher. So unterschiedlich die Figuren im Einzelnen auch ausfallen, so unvollkommen ihre Ausführungsweise: Der in Holz geschnitzte mitleidende Christus verweist auf konkrete Menschen mit ihren persönlichen Leidensgeschichten, mit den Leidensgeschichten ihres Volkes und ihrer Umgebung.
Die Volkskunst ist eine der Markenzeichen polnischer Kultur. Nicht als gäbe es sie nicht auch andernorts. Aber die äußeren Bedingungen des Landes, die geografischen wie die kulturellen, begünstigten offenbar die Volkskunst in diesem Land: Die Lebensverhältnisse waren lange Zeit und sind erstaunlich stark bis heute ländlich-bäuerlich geprägt, das Handwerk kleinbetrieblich organisiert, das kommunistische Herrschaftssystem schloss das Land von einem Teil kultureller Einflüsse von außen ab. Wie wenige Länder dieser Erde ist dieses Land, wenigstens in seinen heutigen Grenzen, katholisch geprägt – die vielfach anzutreffenden religiösen Züge in der Volkskunst sind daher nicht überraschend.
Es ist oder vor allem war eine bäuerlich geprägte Laienkunst, selbst wenn Bauern als Abnehmer schon lange nicht mehr die entscheidende Rolle spielen. Die wenigste Volkskunst wird heute noch von Laien im eigentlichen Sinn geschaffen – Professionalisierung hat auch hier Eingang gehalten. Die südlichen und gebirgigen Landesteile, die Beskiden und die Hohe Tatra etwa, sind auf diesem Gebiet weiterhin führend. Und vermutlich hat gerade auch die traditionelle staatliche Förderung dieser Kunst ihr das Überleben gesichert.
Bekannt sind diese Figuren in Westeuropa nicht erst seit der Öffnung der Grenzen der ehemaligen Ostblockländer. Zu Zeiten des kommunistischen Regimes waren kunstgewerblich gehandelte Teile der Volkskunst beliebte Gegenstände, die Polenreisende mit nach Hause nahmen. Mit dem im Zwangsumtausch erworbenen Zloty, der polnischen Währung, war im damaligen Wert wenig zu erwerben – bis eben auf Figuren, Teppiche und Kunstgewerbeartikel. Auf diese Weise wanderte manche Holzfigur und mancher Kelim (Teppich) als Reisemitbringsel in den Westen.
Vertrieben werden all diese Gegenstände über eine Handelseinigung mit Namen „Cepelia“, zu deutsch: „Zentrum für Kunst- und Volksgewerbe“ in Warschau. Im ganzen Land sind diese Geschäfte zu finden. 1950 gegründet, hat die „Cepelia“ auch den Systemwechsel in die Marktwirtschaft überstanden – eines fehlt allerdings heute: Der Grund, mit Käufen von kunstgewerblicher Volkskunst auf angenehme Weise den ungeliebten Zloty loszuwerden, besteht heute nicht mehr – der Zloty hat sich zu einer erstaunlich harten Währung gemausert – das Interesse hat darunter aber nicht wirklich gelitten. Und die Preise haben sich den neuen Verhältnissen angepasst.
Bauern und Handwerker, Mann mit Bart und Mann mit Ente, Hochzeitspaare, Kreuzigungsszenen, Heilige, biblische Gestalten und immer wieder Christus, Christus, Christus – das Spektrum an Themen ist weit. Geschichten und Legenden, Hoffnungen und Tränen – die Figuren dieser Laienkunst haben etwas zu erzählen. Der vermeintliche Nachteil, dass sie nicht „perfekt“ sind, ist ihr Vorteil. Volkskunst ist nahe bei den Menschen und muss deswegen trotzdem nicht kitschig sein – und dies, obwohl die Begehrlichkeiten der für das Land immer noch ungewohnten Marktwirtschaft nicht spurlos an dieser Kunst vorbeigegangen sind. Das bloß Dekorative gibt es natürlich auch – erstaunlicher aber ist, wie authentisch viele dieser Gegenstände daherkommen.
Zum Beispiel der erwähnte „Christus im Elend“. Kein „keep smiling“. Die Christusdarstellungen, und nicht nur sie, verleugnen nicht das Leiden. Im Gegenteil. Leid spielt in den Darstellungen eine erstaunliche, eine geradezu selbstverständliche Rolle. Was nicht gedeutet werden darf als übersteigerte Leidensverliebtheit. Dass das Leid in dieser Kunst keineswegs ausgespart wird, spiegelt wider, wie sehr Leiden zum Erfahrungsschatz des polnischen Volkes gehörte: die wiederholten Teilungen des Landes, die Kriege, das alltägliche Leiden im persönlichen Umfeld. In der Sprache der Kunst finden auch die grauenvollen Erfahrungen Polens mit den Konzentrationslagern Nazideutschlands ihren Niederschlag: Christus steht stellvertretend für die Gefolterten und Ermordeten; der Ordensmann Maximilian Kolbe, der in Auschwitz für einen anderen Häftling in den Tod ging, trägt einen Heiligenschein aus Stacheldraht.
Religion tritt hier nicht als eine Eigen- und Sonderwelt neben dem normalen Leben der Menschen auf. Bereits 1980 schrieb der frühere Polen-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Erik-Michael Bader, über die religiöse Prägung der polnischen Volkskunst: „Die noch fast ungebrochene Lebendigkeit des katholischen christlichen Glaubens in Polen, vor allem auf dem Land, prägt auch die Laienkunst. Zutiefst christlich ist die in Christusdarstellungen, aber nicht nur in ihnen, wiederkehrende Aussage von der Stärke der Schwachen, der Hilfsbereitschaft dessen, der selber der Hilfe bedarf...“ Man ist bemüht, das „allzu ferne Evangelium in die eigene konkrete Umwelt, ins bekannte Diesseits hereinzuholen“.
Die Künstler dieser Laienkunst mögen noch sehr als Einzelgänger leben und auftreten – ihre Kunst zeugt von mehr als den Gefühlen Einzelner. Hinter den Darstellungen lebt eine dem Volk gemeinsame Vorstellungs-, Bilder- und Lebenswelt. Die Darstellungen bieten einen Zugang zu Vorstellungen, die den Bildern Einzelner vorausliegen. Im einen Fall ist diese Welt noch lebendig, im anderen wandert sie als versiegtes Brauchtum in die Laienkunst und überlebt auf diese Weise im Gedächtnis des Betrachters. Nach einem der bekanntesten Sammler polnischer Volkskunst, dem früheren ARD-Hörfunkkorrespondenten Ludwig Zimmerer, schafft diese bäuerliche Kultur „Zugänge zu den verfallenden kollektiven Schächten des Unbewussten, zu Ungewissheiten“.
Naiv ist diese Kunst nicht in dem Sinne, dass sie heile Welt vorspielen würde. Naiv ist sie allenfalls in dem Sinn, dass der Künstler seine Eindrücke in auffallender Unmittelbarkeit umsetzt. Es spricht aus ihr eine Sehnsucht nach gelingendem Leben, die das Diesseits nicht verachtet und doch auch das Jenseits nicht außer Acht lässt. Sie erzählt die Geschichte und die Geschichten der „kleinen Leute“. Derer, die – zu Recht oder zu Unrecht – den Eindruck haben, in der großen Kunst kämen die eigenen Geschichten eigentlich nicht vor, wenigstens seien sie ihnen nicht zugänglich. Nach Auskunft von Zimmerer geht es ihnen da offenbar nicht anders als den Künstlern dieser Kunst selbst: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, vermöchten die Künstler selbst „kaum in Worte zu fassen, was sie ihren Bildern und Figuren zu sagen hätten“.

Klaus Nientiedt