Frau bleibt dran

Ingeborg Haag hat bewiesen, dass sich ändern muss, was bleiben soll

Die offizielle Verabschiedung ist längst über die Bühne gegangen – was nicht heißt, dass sich die ehemalige Diözesanvorsitzende des Frauenbundes in der Erzdiözese Freiburg hätte in den Ruhestand begeben wollen. Das hätte auch niemand erwartet, zumal ihr einige Ehrenämter erhalten bleiben. Und ein völliger Ausstieg wäre ja auch nicht gesund.
Unglaublich, wie voll der Terminkalender einer 76-Jährigen sein kann! Sei es der Diözesan- oder Dekanatsrat Freiburg, der Landesfrauenrat oder der Freiburger Ortsausschuss des Deutschen Müttergenesungswerkes, die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen oder einfach der Dienst als Lektorin oder Kommunionhelferin in ihrer Heimatgemeinde „Maria Hilf“ – über Langeweile kann Ingeborg Haag sicher nur sehr selten klagen. Doch ein wahres Organisationstalent klemmt auch zwischen zwei Termine einen dritten hinein, und sei es für die Presse.
Ingeborg Haag ist keine Frau fürs Aufhören. Im Gegenteil: Anfangen, aufbauen, vorwärts bringen, so hat sie es immer gehalten. Knapp drei Jahrzehnte lang hat sie als Diözesanvorsitzende die Geschicke des Frauenbundes in der Erzdiözese Freiburg begleitet, bis zum Sommer dieses Jahres. Dann fand sie, sollten andere das Ruder übernehmen.
Doch beim Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) steckt das Nachwuchsproblem schon im Begriff: „In Verband, da steckt ,binden‘ drin“, weiß Haag nur selbst zu gut. Das scheint heute einfach nicht mehr „trendy“ zu sein und betrifft nicht nur die konfessionellen Vereine.

Ein freier Wind

„Treue zum Ursprung – Bereitschaft zum Wandel“, lautete das Motto im Jubiläumsjahr 1993. Ein hehres Ziel, wenn man den „Ursprung“ des KDFB in den Blick nimmt: Katholische Frauen, die ihr Interesse an der Frauenfrage mit ihrem Glauben und der Zugehörigkeit zur katholischen Kirche verbinden wollten – und sich zu diesem Zwecke im Verband zusammenschlossen. So geschehen anno 1903 in Köln, damals als Katholischer Frauenbund (KFB).
Den Katholikinnenbund durchwehte ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich freier Wind: Als eigenständiger Laienverband und Verein bürgerlichen Rechts stand der Katholische Frauenbund außerhalb kirchlicher Strukturen und wählte seine Amtsträgerinnen selbst. Er war kein Standesverein, sondern wollte den katholischen Frauen „aller Betätigungskreise und sozialen Schichten“ offen stehen, sie zusammenfassen.
Als Bildungsverein, der seine zentrale Aufgabe in der „Aufklärung der katholischen Frauen über Fragen und Probleme, welche die Entwicklung der Gegenwart mit sich bringt, insbesondere soweit sie die Frauenwelt betreffen“ sah, hat auch Haag den späteren Katholischen Deutschen Frauenbund kennen gelernt.
Die Schwiegertochter hat einmal von ihr wissen wollen, ob sie sich wegen der Emanzipation im KDFB engagiert habe? Dazu muss sie gestehen: „Am Anfang ging es mir um die Jugend, die einen Bezug zur Kirche bekommen sollte.“ Das „feministische Bewusstsein“ von der Notwendigkeit, als Frauen in einem großen Verband besonders für „die Sache der Frauen“ eintreten zu müssen und zu wollen, sei erst später in ihr gereift.
Gott sei Dank – in einem Frauenverband muss das eine das andere nicht ausschließen, war doch die Jugendarbeit in großen Teilen „weibliche“ Bildungsarbeit und trug somit das ihre bei zur politischen Aufklärung der Mädchen, zur Teilnahme und Mitbestimmung der Frauen in Kirche und Gesellschaft. Wie ihre Vorgängerin – und ihr Vorbild – Hedwig Dransfeld (1871– 1925) ist auch Ingeborg Haag eine Überzeugungstäterin: Mangelt es an weiblichem Selbstbewusstsein, hilft nur die Flucht nach vorn. Mit ihren berühmt-berüchtigten „Arbeitskreisen“, die sie schon in den siebziger Jahren in die Tagungen des KDFB einführte und in denen die Frauen Kompetenz und Sicherheit erwerben sollten, hat sie sich zwar nicht nur beliebt gemacht, denn wer reißt sich schon darum, vor versammelter „Frauschaft“ ein Statement abzuliefern? Doch hier lässt die „Lehrerin“ nicht mit sich handeln, versucht vielmehr, auch ihre Amtsnachfolgerin, Therese Drakew, zu gewinnen, diese Tradition fortzuführen.
Mag Ingeborg Haag auch persönlich von Diskriminierungen verschont geblieben sein und ihren Platz in der Kirche gefunden haben, sie ist sich wohl bewusst, dass es auch andere, zuweilen sehr entmutigende Erfahrungen mit dieser Institution gibt. Ein aktuelles Beispiel sind die Frauen, die sich zum Dienst in ihrer Kirche berufen fühlen, aber mit ihrem Anliegen nach der Zulassung zum Diakonat von deren Leitung abgewiesen werden. Eine Reaktion, die Ingeborg Haag nicht nachvollziehen kann: „Der Diakonat der Frau ist jetzt wirklich dran“, ist sie überzeugt. Auch wenn Rom da anderer Meinung ist.

„Wer die Macht hat, hat das Sagen“

Aber: „Wer die Macht hat, hat das Sagen“, so lautet nicht zuletzt aus dieser Erfahrung heraus ein höchst aktuelles KDFB-Motto. „Natürlich, auch in der Diakoninnendebatte hatten wir anfangs die Befürchtung, den betroffenen Frauen ginge es ,nur um die Macht‘“, erinnert sich Ingeborg Haag; ein Verdacht, der sich als unbegründet erwiesen habe.
Gleichwohl sei es nicht immer einfach gewesen, den Frauen zu vermitteln, „dass Macht auch eine gute Sache ist“. Es komme eben darauf an, „wer das ausfüllt und wie“, meint Ingeborg Haag. Ein Grund mehr, den Hundertjährigen des Bundesverbandes unter das Motto „Macht – von Gott gegeben, von Frauen gewollt“ zu stellen.
Doch bis dahin ist ja noch Zeit. Und die wird Haag wie immer zu nutzen wissen. Aus aktuellem Anlass engagiert sie sich im Dialog mit dem Begegnungskreis Freiburger Muslimas. Ingeborg Haag wird auch in Zukunft „einzigartige Verdienste im ehrenamtlichen Engagement“ aufweisen können, für die ihr Erzbischof Oskar Saier vor kurzem die Konradsplakette verliehen hat, die höchste Auszeichnung des Erzbistums Freiburg.

Brigitte Böttner