Für Kardinal Karl Lehmann ist es ein „einmaliges Geschenk an die Kirche in unserem Land“: das neue Edith-Stein-Fenster im Freiburger Münster. Die Kathedrale ist die erste in Deutschland mit einem Fenster, das die Ordensfrau darstellt.

Heilige auf Glas

Neues Fenster im Freiburger Münster ist Edith Stein gewidmet

In mehr als 100 deutschen Orten sind Häuser, Kirchen, Schulen, Straßen oder Plätze nach ihr benannt. Bildhauer haben sie in Statuen verewigt, Maler in Bildern. An die Jüdin, Philosophin, Karmelitin und Heilige Edith Stein, die 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde, erinnert jetzt auch ein vier Quadratmeter großes Kirchenfenster. Der Freiburger Maler und Bildhauer Hans-Günther van Look hat es für das Münster seiner Heimatstadt geschaffen. Im Vorraum der Sakristei am Beginn des Chorumgangs hat es seinen Platz bekommen.
Dass das Bild der Heiligen ausgerechnet das Freiburger Münster schmückt, ist kein Zufall. In der Stadt hat Edith Stein von 1918 bis 1920 gelebt. Der dort lehrende Philosoph Edmund Husserl machte die am 12. Oktober 1891 in Breslau geborene Tochter jüdischer Eltern zu seiner Assistentin. Sie war damit die erste Frau in einer solchen Funktion an einem philosophischen Lehrstuhl in Deutschland. Weil Husserl in seiner hochintelligenten Schülerin, die den Doktortitel mit der Bestnote „summa cum laude“ erworben hatte, eher eine Hilfskraft sah, kündigte sie enttäuscht und arbeitete privat weiter.
In derselben Wohnung in der Freiburger Lorettostraße, in der Husserl wohnte und wo ihn seine Schülerin regelmäßig besuchte, lebt Hans-Günther van Look seit seiner Geburt im Jahr 1939. Der Schüler des 1990 in Köln gestorbenen Malers und Grafikers Georg Meistermann war schon früh fasziniert von Edith Stein, in der er eine „Revolutionärin“ sieht. Van Look bekennt, die Ermordung der Ordensfrau sei eine Tragödie, über die er oft nachdenke. „Man hätte sie von der Rampe holen und retten können“, sagt der Künstler, dessen Eltern jüdischen Familien ihr Leben verdanken. An einige Begegnungen mit der Gestapo kann sich van Look noch gut erinnern, etwa an die Männer in ihren schwarzen Ledermänteln, die sich nach dem gegenüber wohnenden Dichter Reinhold Schneider erkundigten.

Freiburg – wichtige Wegstation der Heiligen

Die Idee, Edith Stein ein Fenster zu widmen, schoss van Look bereits vor zwei Jahren „wie ein Blitz“ durch den Kopf. Beim Pontifikalamt mit dem Freiburger Erzbischof Oskar Saier im Münster anlässlich der Heiligsprechung der Ordensfrau habe er zu den Fenstern hochgeschaut und gespürt: „Ich muss ein Edith-Stein-Fenster machen.“ In einem Brief schilderte van Look dem Erzbischof sein Anliegen und bekam schließlich den Auftrag. Der Künstler: „Das Fenster soll die respektvolle Erinnerung an Edith Stein und ihre geistige Leistung nachhaltig wach halten, die Erinnerung an eine Frau jüdischer Herkunft mit hoher wissenschaftlicher Kompetenz, die im katholischen Glauben und als Nonne ihre geistige Heimat fand.“
Die Ordensfrau in van Looks Entwurf hält ein Buch in der Hand. Auf ihre philosophische Heimat verweist das Kreuz, das er ihr gegenübergestellt hat und das von einer grünen Zypresse „beschützt“ wird – dem Baum, der laut van Look in der Vorstellung vieler Menschen ihre Gebete direkt zu Gott leitet. Mit dem Kreuz war Edith Stein schicksalhaft verbunden: Als sie am 15. Oktober 1933 als 42-Jährige in das Karmelitinnenkloster in Köln-Lindenthal eintrat, wählte sie den Ordensnamen Schwester Teresia Benedicta a cruce, „die vom Kreuz Gesegnete“. Elf Jahre zuvor war sie „nach langer Suche nach der Wahrheit“ zum Christentum übergetreten. Das Kreuz spielte auch eine Rolle in ihrer „Kreuzeswissenschaft“, einer Studie über Johannes vom Kreuz, die unvollendet blieb. Das persönlich gehaltene Manuskript ließ Edith Stein bei ihrer Verhaftung durch die Nazis 1942 in den Niederlanden zurück.

„Ich muss ein Edith-Stein-Fenster machen“

Zum Verhängnis wurde Schwester Teresa ihre jüdische Abstammung. Lange bevor sie 1938 im Jahr der Judenverfolgungen ihre ewigen Gelübde abgelegt hatte, sah sie die Gefahr durch den Nationalsozialismus heraufziehen. Um ihre Kölner Mitschwestern nicht zu gefährden, emigrierte sie in der Neujahrsnacht 1938/39 in den niederländischen Karmel Echt. Die jüdischen Wurzeln der Ordensfrau hat van Look in seinem Glasfenster mit einem siebenarmigen Leuchter thematisiert. Im Hintergrund hat er in Blau den Berg Karmel dargestellt, darüber spannen sich zwei kosmische Gewölbe. Diese „Lichtbögen“, durch die hindurch Strahlen auf die Erde dringen, tauchen in den Arbeiten des Künstlers immer wieder auf.
Das Gesicht der Heiligen wollte van Look so exakt wie möglich darstellen. Als Vorlage diente ihm ein kleines Schwarzweiß-Foto. Das Geschenk eines Pfarrers und ehemaligen Nachbarn trägt auf der Rückseite die Aufschrift „Sr. Benedicta A Cruce“. Edith Stein selber hat ihren Ordensnamen mit schwarzer Tinte eigenhändig darauf geschrieben. Von der Fotografie fertigte van Look zunächst eine exakte Bleistiftzeichnung an. Durch die Farbgebung in Schwarz und Weiß erreichte er einen Abstraktionsgrad, mit dem er das Gesicht „in die Zeitlosigkeit hinüberretten“ konnte, ohne es jedoch zu stark zu verändern. Einzige Verfremdung der Gestalt sind die blauen Lichtfugen, die sich auch im Gewand finden.
In einem Glasstudio im Taunus übertrug van Look die Vorlage innerhalb von vier Wochen mit Hilfe eines Lichtkastens auf Glas. Damit sich Glas und Farbe verbinden, wurde das Fenster in Einzelteilen bei einer Temperatur von 600 Grad Celsius gebrannt. Um die feinen Linien des Gesichts deutlich sichtbar zu machen, musste van Look sein Werk immer wieder nachbessern, wie er berichtete. Nach dreimaligem Brennen war er zufrieden. Eine derartige Sorgfalt sei in diesem Fall angebracht: „Wenn man im Chorraum neben Baldung Grien und anderen berühmten Künstlern vertreten ist, muss man schon etwas Besonderes darstellen.“

Elke Blüml