Fahrdienste, Möbeltransporte oder Essen für Hungernde – Brotzeit e. V. bietet den verschiedenen Obdachlosen-Initiativen in Freiburg seine Hilfe an. Das konradsblatt stellt diesen noch jungen Verein vor. Mit Freiwilligen-Initiativen wie Brotzeit beschäftigen sich die Teilnehmer des vierten Treffens der Europäischen Freiwilligenuniversität, das vom 27. bis 30. Juni in Freiburg stattfindet (siehe Kasten).

Die von der Straße

Der Verein Brotzeit hilft den Obdachlosen-Initiativen in Freiburg

Ist es in Ordnung, wenn wir uns duzen.“ Eigentlich keine Frage von Roland an den Reporter. Also Du! Auf der Straße gibt’s keinen förmlichen Umgang. Und auf der Straße sind Roland Steyer und Christian Bamert unterwegs. Sie haben in Freiburg vor einem Dreivierteljahr den Verein Brotzeit gegründet, der Obdachlosen hilft. Genauer gesagt: den verschiedenen Initiativen, die es in Freiburg gibt, und denen die freiwilligen Helfer von Brotzeit zuarbeiten.
Christian parkt den dunkelblauen Neunsitzer auf dem Münsterplatz vor der Kooperatur. Hier treffen sich Roland und Christian mit Lydia Hospach von der Initiativgruppe „Freunde der Straße“. Die organisiert regelmäßig Sonntagscafés für Arme und Obdachlose in Pfarreien. Die Mitarbeiter von Brotzeit sind eine echte Hilfe. Sie bringen mit ihrem Wagen Utensilien zum Grillfest in den Wald, Behinderte zu den Sonntagscafés oder helfen dabei in der Küche, damit die Wohnsitzlosen ein warmes Essen bekommen. „Eine tolle Sache“, lobt Lydia Hospach die Zusammenarbeit mit Brotzeit.
Danach schauen Roland und Christian bei der Pflasterstub der Caritas vorbei. Vor dem Eingang sitzen Menschen mit schmutzigen, abgewetzten Klamotten, roten Gesichtern, junge und ältere. Die beiden sind bekannt, werden mit Handschlag begrüßt. Sie steigen über auf dem Boden liegende Hunde und Bierdosen hinweg. Im Büro der Pflasterstub empfängt sie Herbert Pirkl mit einem Auftrag: Eine Familie verschenkt alte Möbel, die der Verein Brotzeit mit seinem Kleinbus transportieren kann. „Bisher standen wir in solchen Fällen auf dem Schlauch“, erzählt Pirkl. Einmal hat die Bundeswehr Feldbetten und Schlafsäcke spendiert. Damit konnte die Pflasterstub im Winter Übernachtungsplätze für Obdachlose in Pfarrheimen einrichten. Der Haken an der Sache: Die Feldbetten standen in Müllheim, die Schlafsäcke lagen in Stuttgart. Brotzeit hat den Transport übernommen. „Wir telefonieren miteinander und gucken, was sich machen lässt“, sagt Roland. Die Pflasterstub schätzt die unkomplizierte Zusammenarbeit, will aber verhindern, dass der Verein etwa das Sozialamt aus der Pflicht nimmt. „Sonst besteht die Gefahr, dass Brotzeit finanziell ausblutet“, so Herbert Pirkl. Trockener Kommentar von Roland: „Wir warten auf Weihnachten, dann schreiben wir einen Wunschzettel.“

Bis Mitternacht Spargel schälen

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben Christian und Roland selbst auf der Straße gelebt. In Freiburg sind sie hängen geblieben, weil Roland hier am Herz operiert wurde. Eine Zeit lang wohnten sie im Franziskanerkloster. 1998 gründete Christian ein Transportunternehmen, Roland hilft ihm bei der Arbeit. In ihrer Freizeit engagieren sie sich für den Verein. „Wir machen nichts, was nicht jeder kann“, sagt Roland. „Wir machen aber, was nicht jeder macht.“ Gestern haben sie bis Mitternacht Spargel geschält – eine Marktfrau hatte ihnen am Abend zwei Kisten geschenkt. Das Gemüse verteilen sie heute an Bedürftige. „Die Mitglieder von Brotzeit sind sehr zuverlässig, kreativ und haben ein Talent zu improvisieren“, lobt Dieter Purschke vom Sozialamt der Stadt Freiburg.
Nächste Station auf der Fahrt von Christian und Roland: die Freiburger Tafel. Ein kleiner unscheinbarer Laden an der viel befahrenen Schwarzwaldstraße. Die Regale sehen ziemlich leer geräumt aus: Zwei Dutzend Bücher stehen neben Toilettenpapier, Tee und Müsli, in der kleinen Kühltheke Joghurt und Käse. Fünfzig Pfennig oder eine Mark kosten die Produkte, auf einem Schild steht: „Drei Teile pro Karte.“ Das bundesweite Konzept des Tafel-Vereins heißt „Lebensmittel verwenden statt vernichten“. Brot und Gemüse sind von gestern, die Joghurts haben ihr Mindesthaltbarkeitsdatum fast erreicht, bei anderen Produkten stimmt das Gewicht nicht exakt. Alles Spenden von Lebensmittelhändlern und Privatleuten, die die Tafel zum symbolischen Preis an Bedürftige verkauft. Vor ein paar Tagen rief ein Spediteur an: „500 belegte Baguettes, die können sofort abgeholt werden.“ Früher hätte Ladenleiterin Margret Stein bei der Heilsarmee angerufen, aber die kann oft nicht spontan einen Fahrer schicken. Inzwischen gibt es Brotzeit. Der Verein holte die Baguettes ab und verteilten sie in der Stadt an Punks, die Pflasterstub und die Heilsarmee. Abends schauen sie häufiger im Tafel-Laden vorbei, nehmen die nicht verkauften Produkte mit und bringen sie zu Menschen, die sich nicht hertrauen oder sonst eben versuchen, von Dosenbier satt zu werden.
„Wir müssen nicht denen helfen, die clever genug sind, an Essen ranzukommen“, erklärt Roland, „sondern denen, die die Tür zumachen und am trockenen Brötchen kauen.“ Wer wie die meisten der neun Mitglieder von Brotzeit selbst einmal auf der Straße gelebt hat, entwickelt ein besonderes Gespür, um versteckte Armut zu entdecken. „Das Dümmste wäre es, mit dem Suppentopf durch die Stadt zu laufen und die Bedürftigen nicht zu finden.“

„Ich bin heilfroh, wenn ich mal rauskomme“

Wie Rudolf, mit dem Roland gemeinsam im Obdachlosenheim gewohnt hat, und der im Rollstuhl sitzt. Rudolf lebt in einer städtischen Einrichtung in der Wonnhalde, ein ganzes Stück weg von der Innenstadt. Das heruntergekommene Haus mit den nackten, kahlen Wänden liegt mitten in einer Villengegend. Die Reichen können mit dem Auto fahren oder mit der Straßenbahn. Rudolf mit seinem Rollstuhl nicht, er sitzt entweder vor dem Haus oder in seinem kleinen Zimmer. „Ich bin heilfroh, wenn ich mal rauskomme und andere Leute sehe“, sagt er. Etwa beim Sonntagscafé von den „Freunden der Straße“. Da kommen er und die anderen Behinderten aber nur hin, weil sie ein Fahrer vom Verein Brotzeit abholt. „Wir bieten keinen Luxus“, sagt Roland. Sein alter Kumpel widerspricht: „Es ist sehr gut, ich bin sehr zufrieden.“
Wieder im Auto, klingelt das Handy, das Roland fast die ganze Zeit über in der Hand hält. Er vereinbart einen Termin für den Abend – ein Möbeltransport. In einige Wohnungen sind die Helfer von Brotzeit schon gekommen, und haben erst einmal beim Entrümpeln geholfen. Viele Leute, die das nicht mehr selbst können und für die eine Transportfirma zu teuer ist, schämen sich, berichtet Roland: „Wir helfen diskret und unbürokratisch.“ Das bedeutet etwa: Ausrangierte Waschmaschinen, Schränke oder Sofas bei Spendern abholen und sie zu denen bringen, die die Möbel dringend gebrauchen können.
Mittagspause machen die beiden heute im Haus von Sissi Walther. Die Vorsitzende des Vereins „Bürger helfen Bürgern“ engagiert sich in Freiburg seit Jahrzehnten für Menschen in Not. „Bemerkenswert ist die Freude, mit der die freiwilligen Helfer bei Brotzeit von Montag bis Sonntag rund um die Uhr ihre Arbeit machen.“
Soweit alles prima. Bloß das Geld fehlt hinten und vorn. Ben-zin, Telefon und Papierkram kosten etwas. Beiträge bezahlen die Mitglieder des Vereins nicht, weil sie fast alle aus dem Milieu kommen. Hilfe zur Selbsthilfe eben. Und obwohl es finanziell alles andere als rosig aussieht, lobt Sissi Walther die Brotzeit-Gründer: „In einem halben Jahr hat sich der Verein als so selbstverständlich durchgesetzt – das ist keiner anderen Initiative in Freiburg gelungen.“

Burkhard Schäfers

Kontakt: Brotzeit Freiburg e.V., Schwarzwaldstraße 121, 79117 Freiburg, Telefon (07 61) 2 90 92 99. Konto 10 036 545, BLZ 680 501 01, Sparkasse Freiburg.

Freiwilligenuniversität in Freiburg

Um Freiwilligenarbeit geht es in Theorie und Praxis beim vierten Treffen der Europäischen Freiwilligenuniversität (EFU). Es findet vom 27. bis 30. Juni in Freiburg statt. Vorträge, Seminare und Projekte richten sich an Freiwillige, Studenten, Dozenten und an Freiwilligenarbeit Interessierte. Themen sind unter anderem Zugänge zur Freiwilligentätigkeit, soziales Engagement von Firmen, die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen oder die Qualifizierung der Freiwilligentätigkeit. Das Treffen wird organisiert vom Deutschen Caritasverband und vom Diözesanverband, von der Katholischen Fachhochschule und der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Die EFU ist eine Wanderuniversität, bisherige Treffen fanden in Lyon, Barcelona und Santiago de Compostela statt. Gegründet wurde sie 1993 in Brüssel. Weitere Informationen unter www.caritas.de.