Es wird weniger und später geheiratet, aber wenn geheiratet wird, wird um die Trauung viel Aufhebens gemacht. Die Zahl der Scheidungen steigt, aber die Hoffnung, in neuen Beziehungen das erhoffte Glück zu erlangen, geht nicht zurück. Wie kann die Kirche mit dieser Situation umgehen? Das konradsblatt sprach mit dem Professor für Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen, Urs Baumann. Baumann ist auch Mitautor einer Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz zur Trauungspastoral (Auf dem Weg zum Sakrament der Ehe. Die deutschen Bischöfe Nr. 67).
Ein Bekenntnis zu Christus
Fragen zum Ehesakrament an den Theologen Urs Baumann
konradsblatt: Herr
Professor Baumann, Taufe und Eucharistie lassen sich sehr
unmittelbar aus dem Handeln Jesu ableiten, beim Ehesakrament geht
das nicht so ohne weiteres. Warum dürfen sich Christen dennoch
berechtigt fühlen, in Christi Namen solche Zeichenhandlungen
vorzunehmen?
Baumann: Das Ehesakrament hat sich tatsächlich
erst spät entwickelt, im Übergang vom elften zum zwölften
Jahrhundert. Definitiv unter die Sakramente gezählt wird es seit
dem 12., 13. Jahrhundert. In den Haustafeln im Epheserbrief heißt
es etwa: Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die
Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat (Eph 5,
25). Das Verhältnis von Mann und Frau hat in Christus sein
Vorbild. Wenige Verse danach wird die Ehe von Mann und Frau als
ein tiefes Geheimnis bezeichnet. Augustinus hat im 5.
Jahrhundert das Wort Geheimnis als sacramentum
übersetzt vorgefunden. Er war es dann auch, der die Eheschließung
zur Taufe in Verbindung setzte. Das Taufversprechen bestimmt die
Beziehung eines Menschen zu Gott, zu Jesus Christus. Das
Eheversprechen zweier Christen ist eine Art angewandtes,
konkretisiertes Taufversprechen, also ein heiliges
Versprechen vor Gott und den Menschen.
Was meinen Christen, wenn sie von Sakrament
sprechen?
Sakramente sind liturgische Feiern, in denen bestimmte Symbole
verwendet werden: Wasser bei der Taufe, Brot und Wein bei der
Eucharistie, das sind die klassischen Symbole. Ihre Bedeutung
erhalten sie durch eine religiöse Deutung. Bei der Taufe wird
das Eintauchen in das Wasser verstanden als ein Sterben und
Auferstehen in Christus. Durch die Taufe wird der Täufling ein
neuer Mensch.
Das sacramentum greift auf Vorstellungen
aus der vorchristlichen Welt zurück. Welche sind das?
Sacramentum ist zum einen ein heiliges
Versprechen . Es war also nicht das, was wir heute darunter
verstehen, eine liturgische Feierhandlung oder ein religiöses
Symbol, sondern es war etwa der Eid des Soldaten oder der
Beamteneid, eine heilige Verpflichtung, die man vor den Göttern,
im Tempel, abgibt.
Sacramentum ist auch die Kaution, die man bei einem
Zivilprozess im Tempel hinterlegt. Eine andere Bedeutung versteht
unter sacramentum eine heilige Handlung, dieses Verständnis
findet sich auch bei Augustinus. Er versteht zum Beispiel die
Feier der Karwoche als sacramentum, also eine Art
dramatisches Geschehen.
Wie kam es zum späteren Ehesakrament?
Zwei Entwicklungsstränge sind hier zu unterscheiden. Seit etwa
dem vierten Jahrhundert wird der Ehesegen zunehmend feierlich
gestaltet. Lange Zeit war die Eheschließung eine rein familiäre
Angelegenheit. Dazu hat man jedoch sehr bald auch den Pfarrer
oder Bischof hinzugeholt, der das Paar segnete.
Und der zweite Strang der Entwicklung: Vom vierten, fünften
Jahrhundert an bürgerte es sich in der Stadt Rom ein, dass
Priester und später Christen, die Ansehen hatten, das Privileg
bekamen, die Ehesegnung während der Eucharistiefeier in der
Kirche vorzunehmen. Daraus hat sich dann eine immer feierlichere
Segnung entwickelt. Das hatte aber mit der späteren Eheschließung,
mit dem die Ehe begründenden Rechtsakt, nichts zu tun. Die
bereits geschlossene Ehe wurde lediglich innerhalb eines
liturgischen Raums gesegnet.
Was ist im Fall der Ehe das Sakrament, die
liturgische Feier oder die gelebte Ehe?
In der sakramentalen Feier wird etwas zeichenhaft vorweggenommen,
was sich dann im Leben realisieren soll. Es gibt auch katholische
Theologen, die der Ansicht sind, dass das Miteinander-Leben die
zeichenhafte Funktion hat, die man Sakrament nennt. Das Problem
ist nur, dass es kein anderes Sakrament gibt, das so verstanden würde.
Alle Sakramente sind gottesdienstliche, symbolhafte Feiern, in
denen eine bestimmte Dimension christlichen Gnadenverständnisses
vermittelt wird. Auch die Taufe ist nicht das Leben des Christen,
sondern die Taufe ist ein einmaliges Geschehen, von dem aus sich
allerdings das ganze Leben eines Menschen verändert, der für
seinen Lebensentwurf Jesus Christus als den Weg, die
Wahrheit und das Leben bekennt. Die ganze Feier der Trauung
ist die sakramentale Handlung, nicht nur der Austausch des
Ja-Wortes. Hier geschieht etwas mit den Menschen, von dem aus sie
ihr gemeinsames Leben gestalten sollen dazu wird ihnen die
Kraft Gottes und der Beistand des Geistes Jesu verheißen.
In den zurückliegenden Jahrzehnten erlebten wir
einen deutlichen Rückgang der staatlichen wie der kirchlichen
Trauungen, der Stellenwert der Heirat veränderte sich. Worauf führen
Sie das zurück?
Es hängt sicher damit zusammen, dass seit der Romantik das
Liebesprinzip gilt. Das ist aber ein Kriterium, das sich nur
schwer an etwas festmachen lässt. Wann liebt man sich genug um
zu heiraten? Wann weiß man, dass man sich liebt? Durch die Empfängnisverhütung
geht man außerdem nicht mehr das Risiko ein, dass bei jedem
Geschlechtsverkehr ein Kind entstehen kann. Eines der zentralen
Ziele der Ehe, nämlich die Familie, löst sich zunehmend von der
Partnerschaft ab: Man kann als Paar zusammenleben, auch sexuell
zusammenleben, ohne dass man die Verantwortung für Kinder übernehmen
muss. Damit fällt auch das Prinzip, dass Sexualität nur im
Schutzraum der institutionalisierten Ehe gelebt werden dürfe.
Dieser Wandel im ethischen Selbstverständnis hat letztlich dazu
geführt, dass die nichteheliche Lebensgemeinschaft heute zu
einer weithin akzeptierten Lebensform geworden ist.
Das Merkwürdige nur: Ehe und Familie rücken
gleichzeitig auch eng zusammen. Geheiratet wird vielfach erst,
wenn Familie entsteht, also ein Kind kommt oder kommen soll. Das
heutige Verhalten könnte geradezu die alte kirchliche
Ehezwecklehre bestätigen: Zur Ehe gehören vor allem Kinder...
In soziologischen Studien wurde festgestellt, dass es tatsächlich
eines der wichtigsten Motive zum Heiraten geworden ist, eine
Familie gründen zu wollen. Der Prozess, zu einer lebenslangen
Partnerschaft zu kommen, und zwar unter Einschluss der familiären
Phase, ist zu einer lebensgeschichtlich ausgedehnten Phase
geworden. Die Ausbildungszeiten sind länger geworden. Wenn man
dann ins Erwachsenenalter eintritt, möchte man stabile
Lebensverhältnisse schaffen. Das ist ein wichtiges Motiv, um zu
heiraten und Kinder zu haben.
Welcher Stellenwert kommt dabei der religiösen
Dimension zu?
Ein nicht geringer. Gerade durch die Erfahrung der Ungewissheit
erhält die Festigung einer Partnerschaft eine transzendentale
Dimension: Wer hilft uns? Eigentlich ist es unmöglich, einem
Menschen für sein Leben lang Treue und Liebe zu versprechen,
zumal wenn man die Bedeutung der Liebesbeziehung so hoch ansetzt,
wie dies heute der Fall ist. Das Bedürfnis nach einer Segnung,
nach einer Einbindung des Geschehens in einen größeren
Zusammenhang ist dagegen bei vielen vorhanden.
Das Verhalten der Menschen im heiratsfähigen Alter
wird heute gerne als bindungslos bezeichnet. In
wieweit trifft diese Charakterisierung die Wirklichkeit?
Sie trifft sie nur sehr ungenau. Wir haben es heute weniger mit
herrschender Bindungslosigkeit zu tun als vielmehr mit
Bindungsangst. Der Paartherapeut Jelluschek sagt, das Problem
seien gerade die hohen Erwartungen. Mit anderen Worten: Man fragt
sich, ob nicht vielleicht doch noch was Besseres kommt... die
ganz große Liebe. Jenseits der Rosaroten-Brillen-Phase nimmt man
wahr, dass der andere Eigenschaften hat, mit denen man gut
zurecht kommt, und solche, mit denen man weniger gut
zurechtkommt. Der ideale Partner, die ideale Partnerin ist nicht
zu finden. Wenn ich mich definitiv für einen Partner, eine
Partnerin entscheide, gebe ich so und so viele alternative Möglichkeiten
preis. Das Bewusstsein, eine definitive Entscheidung zu fällen,
ist heute sehr viel größer, als dies in der Generation der
eigenen Eltern oder Großeltern der Fall war.
Was hat sich da verändert?
Früher gab es halt noch das ganze Laufgitter der Konventionen.
Eine Frau wusste, was sie erwartete, wenn sie heiratete. Der Mann
wusste, was er zu erwarten hatte. Vieles war gesteuert. Solche
Regeln legten einerseits Beschränkungen auf, sie erleichterten
andererseits aber auch das Leben. Heute muss dagegen vieles
vereinbart und abgesprochen werden. Das ist schwieriger.
Wie können Kirche und Religion auf diese Situation
reagieren?
Liebe ist heute mit ungeheuren Erwartungen befrachtet. Man
erhofft sich permanente Verliebtheit, das absolute Lebensglück.
Im Inneren dieser Paargeschichte erwartet man, das Heil zu
erleben. Was man früher von Gott erwartet hat, das erwartet man
nun von der Ehe beziehungsweise von der Liebespartnerschaft. Das
Zerbrechen einer Beziehung kann zum Verlust des Lebenssinnes führen.
Bei vielen führt das dazu, dass sie nach dem Zerbrechen einer
Beziehung unverdrossen nach einer zweiten, einer besseren
Beziehung suchen oder erneut heiraten, selbst wenn es das dritte
oder vierte Mal ist. Hier muss eine religiöse Interpretation der
Beziehung von Mann und Frau ansetzen. Es ist die Aufgabe von
Christen, den Paaren beizustehen, auch mit einer feierlichen
Gestaltung dieses lebensgeschichtlichen Übergangs. Wenn Religion
überhaupt Sinn machen soll, dann erwarten die Menschen in
solchen Situationen, dass ihnen zumindest eine Erfahrung
vermittelt wird, an der sie sich festhalten können.
Was folgt daraus für die Trauungspastoral?
Vor allem gilt es wegzukommen von einer Pastoral mit dem
moralistischen Zeigefinger, der Paaren vor allem damit in den
Ohren liegt, was alles verboten ist in Sachen Sexualität, und
ihnen zumindest noch suggeriert, dass sie riskieren, in die Hölle
zu kommen, wenn sie unverheiratet zusammenleben. Als Kirche
sollten wir ihnen statt dessen besser ein positives Ethos
anbieten, wie sie eine solche (noch) vorläufige
Beziehung verantwortlich leben und gestalten können
einschließlich ihrer Sexualität. Vor allem geht es darum, sie
nicht mit der institutionellen Lebensform der Ehe unter Druck zu
setzen, sondern ihnen vernünftige Motive an die Hand geben,
warum es bei aller Freiheit Sinn machen kann zu heiraten für
sie persönlich, sozial, dann aber auch religiös. Und da ist es
ein wichtiges Element, den Betroffenen bewusst zu machen, dass
sie nicht allein stehen mit ihrer Erfahrung der ganzen
Zerbrechlichkeit und Gefährdetheit ihrer Beziehung.
Sie sprechen von Sinn, von Beziehung
und Partnerschaft. Der kirchliche Umgang mit dem
Thema ist stark rechtlich geprägt. Wie verträgt sich beides?
Vor allem die katholische Kirche hat hier das Problem, dass ihr
Blick einseitig auf die Sorge um die rechtliche Gültigkeit der
Ehen fixiert ist. Aus diesem Engpass müssen wir raus. Das
heisst: die religiöse Glaubensdimension soll/ muss in der
sakramentalen Traufeier eindeutig und unmissverständlich im
Vordergrund stehen. Denn dort geht es ganz entschieden um den
Willen, den das Paar zum Ausdruck bringt, in seiner Gemeinschaft
mehr sehen zu wollen als einfach ein bloßes Zusammensein mit
Rechten und Pflichten. Die Feierstunde kann für ein Paar in der
Tat zu einer wirkmächtigen, lebensträchtigen, unvergesslichen
Erinnerung werden, wenn sie erfahren, dass es in dieser Feier
ganz und gar um sie selbst und ihr Leben geht und dass sie damit
nicht allein stehen, sondern mit ihrer Ehe hineingenommen sind in
den Liebesbund der Glaubensgemeinde. Wenn in der religiösen
Feier der Hochzeit wirklich eine Vorwegnahme wahren und heilen
Lebens miteinander geschieht, in der Hoffnung auf Gottes Nähe
und Freundschaft, hat die kirchliche Trauung in der Tat eine
sakramentale Auswirkung.
Gerade die kirchliche Trauung erfreut sich heute
einiger Beliebtheit, selbst unter denen, die sonst kaum am
gottesdienstlichen Leben der Gemeinden teilnehmen. Seelsorger tun
sich vielfach schwer, mit dieser Situation umzugehen. Bei allem nötigen
Eingehen auf die Bedürfnisse der Paare die Seelsorger
wollen nicht in die Verlegenheit kommen, bei den Trauungen
Theater spielen zu müssen. Sehen Sie eine Lösung dieses
Dilemmas?
Ich bin für klare Verhältnisse. Es geht nicht darum, leichthin
Menschen die Trauung zu verweigern. Die Bedürfnisse der Paare müssen
ernst genommen werden, vor allem dann, wenn sie ein echtes Bedürfnis
haben nach einer tieferen Begründung. Andererseits ist es verständlich
und berechtigt, dass kirchliche Dienstträger und Dienstträgerinnen
sich nicht als fromme Idioten missbrauchen lassen möchten. In
aller Ernsthaftigkeit gilt es deshalb, junge Leute darauf
hinweisen, dass sie im Traugottesdienst ein dezidiertes
Bekenntnis zu Christus abgeben, und zwar das Bekenntnis, im
Geiste, in der Gesinnung und im Ethos Jesu Christi leben und ihr
gemeinsames Leben unter Gottes Schutz und Anspruch stellen zu
wollen. Es geht hier keineswegs darum, den Brautleuten ein
Glaubensbekenntnis zu bestimmten dogmatische Lehrsätzen
abzupressen, aber Voraussetzungen im Sinne einer inneren
Bereitschaft scheinen mir unverzicht-
bar.
Was halten Sie in dem Zusammenhang von Segensfeiern
anstelle von sakramentalen Hochzeiten für solche, die mit einer
sakramentalen Ehe im Grunde überfordert sind?
Das könnte ein Weg sein, wenn man die Dinge nicht miteinander
vermischt. Eine Kirche, die nichts dabei findet auch Autos und
Motorräder zu segnen, wird doch Paaren, die dies wünschen, im
Ernst den Segen Gottes nicht verweigern.
Die hohe Zahl der Scheidungen trifft auch Paare, die
kirchlich verheiratet sind. Der eine oder andere glaubt, man könne
die Zahl späterer Scheidungen unter Katholiken dadurch senken,
dass man die Schwelle zur kirchlichen Trauung höher ansetzt. Wäre
das ein gangbarer Weg?
Ich glaube nicht, dass das gelingt. Die Gründe für die Zunahme
von Scheidungen sind vielfältig. Allerdings glaube ich, dass man
durch eine Verbesserung der Partnerschaftsvorbereitung, durch
Trainingsprogramme beitragen kann zu einem besseren
Partnerschaftsverhalten. Da könnte viel geschehen und da
geschieht ja auch schon einiges. Scheidungen hängen oftmals
damit zusammen, dass die Leute nie gelernt haben, wie man
Konflikte miteinander austrägt. Aber selbst unter optimalen
Bedingungen, wenn also wirklich personale Kompetenz zum Umgang
mit Konflikten erworben würde, hieße dies nicht, dass jede Ehe
gelinge. Auch moralisch kann man das Gelingen einer Ehe nicht
erzwingen. Ob eine Ehe gelingt oder eben nicht, das hängt von
vielen Faktoren ab. Eine kirchliche Eheschließung macht
jedenfalls nicht aus einer problematischen Beziehung automatisch
eine gute Ehe.
Interview: Klaus Nientied