Es ist noch nicht dunkel

Nicht zu vereinnahmen: Bob Dylan wird 60

Wir waren die ersten, denen die Tickets durchgerissen wurden. Erste Reihe, in der Mitte. Einen besseren Platz hatte niemand an diesem Abend in der riesigen Mannheimer Eishalle. Und wir hatten ihn sauer verdient, diesen Platz. Zwölf Uhr mittags war es erst, da standen wir schon am Eingang. Der Einlass war erst um 18 Uhr und das Konzert begann um 20 Uhr.
Aber gehört das Warten, das lange Warten, nicht zu den Ritualen eines Rockkonzertes? Die Spannung steigt. Und das Kribbeln im Bauch ist sowohl ein Zeichen der Vorfreude als auch der Angst, dass es ein verlorener Abend werden könnte. Eine miese Aufführung mit einem chaotischen Sound. Zumal in einer Halle, in der sonst Eishockey gespielt wird. Zumal bei einem Künstler wie ihm, der heute einen genialen Auftritt absolvieren und morgen geradezu abstürzen kann in Schludrigkeit und Lustlosigkeit.
Und dann kam er: Der heilige Bob. Kein Witz. Damals, im Sommer 1980, damals wollte Bob Dylan wirklich heilig sein. Ganz fromme Texte sang er. Der als Robert Zimmermann geborene Jude hatte sich taufen lassen. Leider nicht katholisch, sondern irgendwie fundamentalistisch-freikirchlich. Vielleicht war das der Fehler. „Saved“ – „Gerettet“ – hieß seine aktuelle Platte, in der er mit dem nahen Weltende drohte und davon sang, dass ihn das „Blut des Lammes“ erlöst habe. Und es war ganz offensichtlich: Dylan glaubte, was er sang.
Aber das kann doch nicht sein, erzürnten sich viele. Das passte doch nicht zu ihm, dem rastlosen Streuner, dem zornigen Protestsänger. Zu ihm, der doch einst mit seinen Liedern aufbegehrte gegen den Krieg und diejenigen, die daran verdienten. Zu ihm, der einst das selbstgerechte Amerika bloßstellte samt seinen Repräsentanten, die bis heute ganz selbstverständlich „religiös“ sind und ganz sicher wissen, dass Gott auf ihrer Seite steht. Eben dieser Typ kam jetzt als wieder geborener Christ daher? Das ließen sie ihm nicht durchgehen, die Experten und Exegeten der Rockkultur. Von der Fachpresse wurden Dylans Konzerte der Jahre 1979/80 zerrissen. Auch das an jenem denkwürdigen Sommerabend in Mannheim. Obwohl es ziemlich gut war.
Dabei hätten sie es wissen müssen. Bob Dylan hatte seine Fans doch von Anfang an immer wieder vor den Kopf gestoßen. Schon 1963, nachdem er das Lied „Blowin’ in the wind“ veröffentlicht hatte. Bis heute brennt kaum ein Lagerfeuer auf dieser Welt, an dem nicht irgendwann irgendjemand zur Gitarre greift und dieses Lied schrammelt. Hierzulande wurde es sogar von modernen Kirchenmusikern vereinnahmt und umgedichtet: „Die Antwort, mein Freund, die gibt uns nicht der Wind.“ Somit konnte es jahrelang als „Neues Geistliches Lied“ sein Unwesen treiben. Mit „Blowin’ in the wind“ wurde Dylan berühmt – und bekam sein Etikett: Fortan sollte er Protestsänger und Dichter der amerikanischen Bürgerrechtsbewegegung sein.
Blöd nur, dass Bob Dylan bis dato null Sendungsbewusstsein hatte. Er verweigerte sich der amerikanischen Linken und verstieß 1965, auf dem Newport Folk Festival, auch noch gegen die reine Lehre der akustischen Folkmusik, indem er sich einfach eine elektrische Gitarre schnappte, die Kabel einstöpselte und losdröhnte. „Verräter“, hieß es. So war es immer: Bob Dylan verweigerte sich und wollte nie der sein, als der er vielleicht in diesem oder jenem Lied erschien. Für sein Publikum blieb er unnahbar, erschien sogar arrogant. Nach einem Motorradunfall 1967 verschwand Dylan eine Zeitlang in der Versenkung und kam erst in den 70er Jahren wirklich zurück: mit den Platten „Blood on the tracks“ und „Desire“. Darauf sind freilich Lieder, die ein ganzes Leben lang halten.
Konsequenterweise wurden auch die freikirchlichen Christen enttäuscht, die sich schon gefreut hatten, einen Superstar wie Dylan in ihren Reihen zu haben. Beflissen hatten sie Anfang der 80er Jahre Flugblätter an die Besucher der Dylan-Konzerte verteilt mit dem Aufruf, es dem Meister nachzutun und ebenfalls fromm zu werden. Doch ehe sie sich versahen, hatte der Meister selbst schon wieder genug vom Heiligsein.
1984 kehrte Bob Dylan nach Deutschland zurück. Wir waren wieder dabei. Dieses mal im Fußballstadion der Offenbacher Kickers. 30 000 Leute sahen einen peinlichen Auftritt. Lustlos und schlampig spulte Bob Dylan sein Programm ab. Dazu noch mit einer schlechten Band. Das können wir zu Hause im Probekeller besser, sagten wir. Und das war nicht geflachst. Dylan hatte die Ausstrahlung eines schwitzigen Sockens. Er plärrte seine Lieder hinaus, als ob es gar nicht seine wären. Frechheit.
Aber es muss doch irgendetwas dran sein an diesem Typen. Wie sonst hätte ihn der Vatikan 1997 eingeladen, um in Bologna aufzutreten. Im Rahmen des „Eucharistischen Weltkongresses“, bei einem Fest für die Jugend. Dabei war Bob Dylan bereits 56. Er hätte der Opa der 300 000 Jugendlichen sein können, die da andächtig seinen Liedern lauschten. Nach seinem zweiten Stück stieg er einige Stufen empor zu Papst Johannes Paul und verneigte sich artig. Der Papst wiederum meditierte in seiner Ansprache an die Jugendlichen das alte Lied „Blowin’ in the wind“: „Auf wie vielen Straßen muss ein Mensch gehen, bevor man ihn einen Menschen nennen kann?“ zitierte Johannes Paul den Text. Die Antwort auf Dylans Frage gab der Papst freilich selbst: „Eine einzige Straße gibt es nur für den Menschen, und die heißt Christus.“
Dylan beim Papst. Warum tut er das? fragten einige. Wir wissen es nicht. Warum tat es der Papst? Das wiederum lässt sich vielleicht erahnen. Irgendeinem schlauen Menschen im Vatikan muss es wohl gedämmert haben, dass der Musiker und Dichter Bob Dylan alias Robert Zimmermann einige Lieder geschrieben hat, in denen die alten Fragen nach Glaube, Hoffnung und Liebe ebenso wie nach den Abgründen und Lügen des Menschen in einer seltenen Tiefe ausgelotet werden. Wer Ohren hat, zu hören, der höre (und besorge sich einen, der die englischen Texte übersetzen kann). Amerikanische und englische Professoren schlugen Bob Dylan vor kurzem sogar für den Literaturnobelpreis vor. Selbst wenn das übertrieben ist: Zumindest in den Lesebüchern der amerikanischen Schüler werden einige Texte Dylans ihren Platz finden.
1997, nicht lange nach einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung, lieferte Bob Dylan sein bislang letztes Werk ab: „Time out of mind.“ Eine Perle für jede CD-Sammlung. Des Sängers Stimme klingt dunkel und heiser und ist doch ausdrucksvoll wie selten zuvor. Es ist eine düstere Platte und mitunter scheint es, als wäre Dylan jeglicher Glaube und jeder Lebenssinn zwischen den Fingern zerronnen. „Not dark yet“, heißt eines der eindrücklichsten Lieder dieser CD. „Die Schatten fallen“, singt er. „Ich suche nichts mehr in den Augen von irgendjemanden. Manchmal ist meine Last so schwer, dass ich sie nicht tragen kann. Es ist noch nicht dunkel, aber es dämmert schon.“ Andererseits dann wieder der Wunsch nach Erlösung angesichts der enttäuschten Liebe: „Jeden Tag wird die Erinnerung an dich verschwommener. Sie verfolgt mich nicht mehr so wie früher. Ich bin mitten durch das Nirgendwo gegangen. Jetzt beeile ich mich, in den Himmel zu kommen, bevor sie die Tür zumachen.“
Keine Angst Bob, noch ist die Tür offen. „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“ heißt es im Johannesevangelium. Da wird doch für dich auch noch was frei sein, oder? Und außerdem: Es ist noch nicht dunkel. Am 24. Mai wirst du erst 60 Jahre alt. Und im Juli werden wir wieder da sein – beim Konzert in Schwäbisch Gmünd oder in Lörrach. Keine Angst, wir stecken dich auch nie mehr in eine Schublade. Wir wollen dich einfach singen hören. Weil es so schön ist. Und bitte – streng dich an.

Michael Winter